Mom-Shaming

Warum machen Mütter sich so oft gegenseitig nieder?

Sandra Markert

Von Sandra Markert

Di, 20. Juli 2021 um 19:35 Uhr

Liebe & Familie

Viele Mütter bekommen ständig ungefragt Ratschläge und Kritik: Auf dem Spielplatz, beim Einkaufen, bei der Arbeit – und das von anderen Müttern. Über ein Phänomen mit schwerwiegenden Folgen.

"Der fällt ja gleich aus der Babytrage!" Als Herzogin Meghan vor einiger Zeit mit ihrem Sohn Archie im Park spazieren ging und dabei fotografiert wurde, erntete sie für ihre offenbar nicht ganz korrekte Tragetechnik jede Menge Häme und Kritik in den sozialen Medien. Vor allem durch andere Mütter. Und man muss nicht prominent sein, um zu erleben, wie schwer es heutzutage ist, die eigene Vorstellung vom Muttersein zu leben – ohne dabei ständigen Ratschlägen und Kritik von Seiten anderer Mütter ausgesetzt zu sein.

"Dieses Mom-Shaming oder Mom-Bashing passiert täglich und überall", sagt Katharina Pommer. Die Familientherapeutin und Mutter von fünf Kindern hat genug private wie berufliche Erfahrungen gesammelt, um damit ein ganzes Buch zu füllen ("Stop mom shaming", gerade im Goldegg-Verlag erschienen).

"Mütter stehen heute unter extremem Druck, in so vielen Bereichen perfekt sein zu müssen. Das erzeugt Stress und führt auf Dauer zu Depressionen und Erschöpfungssyndromen" Katharina Pommer
Pommer empfiehlt, sich einfach mal neben zwei Mütter auf einem Spielplatz zu setzen. "Egal, ob die sich über das Thema Stillen unterhalten, um die Frage, wie viel man arbeitet, ob man impft oder auf welche Schule man sein Kind schickt: Kaum haben die Mütter unterschiedliche Ansichten, machen sie sich gegenseitig ein schlechtes Gewissen", sagt Katharina Pommer.

Aus ihrem Alltag als Familientherapeutin weiß sie, dass sich Mütter nicht nur gegenseitig anfeinden, sondern auch beim Busfahren oder Einkaufen, am Arbeitsplatz oder beim Kinderarzt mit ständiger Beobachtung, Ratschlägen und Kritik leben müssen – und sehr darunter leiden. "Mütter stehen heute unter extremem Druck, in so vielen Bereichen perfekt sein zu müssen. Das erzeugt Stress und führt auf Dauer zu Depressionen und Erschöpfungssyndromen", sagt Pommer.

"Der Gesundheitszustand war bei Frauen mittleren Alters noch nie so auffallend schlecht wie heute" Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerkes
Tatsächlich ist die Zahl der Mütter mit Erschöpfungssyndrom bis hin zum Burn-out in den letzten zehn Jahren dem Müttergenesungswerk zufolge um 37 Prozentpunkte gestiegen. "Der Gesundheitszustand war bei Frauen mittleren Alters noch nie so auffallend schlecht wie heute", sagt Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerkes.

Mütter sollen berufstätig sein und sich gleichzeitig zum größten Teil um Kinder und Haushalt kümmern

Aber woher kommt dieser Druck auf Mütter? Und warum machen sie sich das Leben schwer, statt sich zu unterstützen? Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem ihrer Meinung nach viel zu idealisierten und anspruchsvollen Mutterbild der heutigen Zeit. "Mütter sollen selbstverständlich berufstätig bleiben und sich trotzdem zu 70 Prozent um Kinder und Haushalt kümmern, viele sogar noch alleinerziehend, das kann niemand erfüllen", sagt Stamm. Trotzdem beobachte die Gesellschaft sehr stark, ob die Mütter das alles wuppen. "Schließlich hat die Familienpolitik auf dem Papier ja Strukturen für die Vereinbarkeit geschaffen und viele Frauen wollen ja auch selbst Beruf und Familie haben", sagt Margrit Stamm.

"Zwei Drittel aller Mütter vergleichen sich regelmäßig mit anderen Müttern. Fast die Hälfte der Frauen empfindet dabei eine Konkurrenzsituation" Margrit Stamm, Erziehungswissenschaftlerin
Weil die Mütter dabei aber oft an ihre Grenzen stoßen, schärfe sich der Blick auf andere Frauen: Kriegen die das besser hin als ich? Könnte ich nicht vielleicht doch etwas mehr oder weniger arbeiten? "Zwei Drittel aller Mütter vergleichen sich regelmäßig mit anderen Müttern. Fast die Hälfte der Frauen empfindet dabei eine Konkurrenzsituation", sagt Stamm, die diese Zahlen aus eigenen Befragungen von rund 400 Müttern in der Schweiz und Süddeutschland gewonnen hat. Die Folge: Es wird gelästert. Denn indem man andere schlecht macht, kann man die eigene Entscheidung, das eigene Verhalten besser rechtfertigen.

Durch die sozialen Medien weitet sich die Kritik aus

Soziale Medien eröffnen dabei noch die Möglichkeit, dass nicht nur im eigenen Freundeskreis zu machen, sondern weltweit – und anonym. Familientherapeutin Katharina Pommer hat selbst erfahren, welche immense Kritik man über Beiträge in Mütterforen, auf Twitter oder durch einen Podcast erfahren kann. "Als wir wussten, dass unser fünftes Kind mit Down-Syndrom zur Welt kommen wird, sind wir damit in den sozialen Medien sehr offen umgegangen. Es gab unglaublich viele, die uns den Ratschlag gegeben haben, abzutreiben, beziehungsweise mit großem Unverständnis reagiert haben, weil wir doch schon vier gesunde Kinder hatten", sagt Katharina Pommer.

Zwar muss sich keiner in einem Mütterforum tummeln oder private Entscheidungen öffentlich machen. Auch bei der Wahl des Freundeskreises kann man darauf achten, sich eher Gleichgesinnte zu suchen, was den Erziehungsstil oder die Vorstellung von beruflicher und familiärer Vereinbarkeit anbelangt. "Denn in solchen ähnlichen Konstellationen gibt es durchaus noch eine große Solidarität und Unterstützung unter Müttern", sagt Erziehungswissenschaftlerin Stamm.

Mütter-Mobbing im beruflichen Umfeld

Um Mütter-Mobbing im beruflichen Umfeld aber kommt man kaum herum. Bei Katharina Pommer fing das an, als sie 18 Jahre alt war – und schwanger. Ihr damaliger Mathelehrer sagte: "Eine Mutter macht bei mir kein Abitur" und ließ sie zweimal durch die Prüfung rasseln. Die Frauen, die heute in ihrer Praxis Rat suchen, erleben ähnliche Geschichten. "Wer nach der Elternzeit in Teilzeit zurückkehrt, wird gern mal in eine andere Abteilung versetzt mit weniger Verantwortung. Es werden wichtige Meetings zu Zeiten abgehalten, in denen die Mütter nicht dabei sein können", sagt Pommer. Schon bei der Bewerbung könnten Kinder Ausschlusskriterium sein.

Auch Gespräche mit dem Klassenlehrer oder Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt sind Pflichttermine, bei denen sich Mütter nicht selten warm anziehen müssen. "Hier werden Kinder laufend mit irgendwelchen Durchschnittsentwicklungswerten verglichen. Erfüllen sie nicht die Norm, bekommt die Mutter gern den Eindruck vermittelt, das sei ihre Schuld", sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm.

Von Vätern wird gesellschaftlich immer noch größtenteils weniger als von Müttern erwartet

Und wo haben die Väter in dieser ganzen Debatte ihren Platz? "Da in den allermeisten Haushalten nach wie vor die Frau die Hauptverantwortung für die Familie trägt und Männer eher die Rolle der befehlsausführenden Helfer haben, wird von ihnen viel weniger erwartet", sagt Margrit Stamm. Und gehen sie dann doch zwei Monate in Elternzeit oder kümmern sich am Wochenende um die Kinder, wird das gesellschaftlich eher als wohlwollender Fortschritt betrachtet – und mit einer entsprechenden Portion Nachsicht. "Schließlich üben die Väter diese neue Rolle ja noch nicht so lange wie die Mütter", sagt Margrit Stamm.

Sie wünscht sich, dass das Bild der perfekten Mutter von der Gesellschaft wieder von seinem hohen Sockel geholt wird. "Es reicht vollauf, wenn wir hinreichend gute Mütter haben, die auch mal Fehler machen und nach ihren eigenen Bedürfnissen schauen." Wenn dazu noch hinreichend gute Väter kommen, die sich von sich aus engagiert um Kinder und Haushalt kümmern, wäre die Familie perfekt.