Drei Stunden pures Bach-Glück

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mo, 30. Dezember 2019

Weil am Rhein

Mehr als 500 Zuhörer erlebten beim Benefizkonzert in der Kirche Guter Hirte alle sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums.

WEIL AM RHEIN. Drei Stunden himmlischer Musik erlebten mehr als 500 Zuhörer am Samstag in der Kirche Guter Hirte in Friedlingen. Zum siebten Mal hatte die bekannte Weiler Altistin Silke Marchfeld ihr Vokalensemble Weil am Rhein, namhafte Musiker und Solisten zusammengebracht, um Bachs Weihnachtsoratorium aufzuführen. Alle Mitwirkenden traten ohne Gage auf, so dass die Spenden vollumfänglich der sozialen Initiative "Kinder unserer Welt" für notleidende Kinder in Äthiopien zugutekommen, die Silke Marchfeld ein Herzensanliegen ist.

Für die Besucher war es ein überwältigendes Konzertereignis, Bachs wunderschöne Musik in einer so festlichen, glanzvollen und beseelten Interpretation zu hören. Unter der ebenso energievollen wie behutsamen Leitung des jungen Dirigenten Valentin Egel wurde Bachs Darstellung der biblischen Weihnachtsgeschichte in einer höchst lebendigen Klangentfaltung dargeboten. Selten sind alle sechs Kantaten des Oratoriums an einem Abend zu hören, so dass die Besucher dieser Benefiz-Aufführung in den Genuss einer Fülle prächtiger Huldigungschöre, inniger Choräle, erzählerischer Rezitative und schönster Arien kamen.

Der Eingangschor "Jauchzet, frohlocket" hatte freudigen Schwung und Glanz im jubilierenden Chorgesang, den mächtigen Paukenschlägen und dem bravourösen Trompetenklang. Der international gefeierte Spitzentrompeter Reinhold Friedrich setzte mit seinen Kollegen Tim Renkert und Andreas Meier brillante Glanzlichter mit strahlendem Ton, der im ganzen Kirchenschiff aufleuchtete.

Dynamisch im Impuls, rhythmisch durchpulst und bewegt im freudigen Grundton war der Chor- und Orchesterklang. Das mit rund 30 Sängerinnen und Sängern besetzte Weiler Vokalensemble beeindruckte durch einen wunderbar beweglichen, immer klar durchhörbaren Chorklang. Einfühlsam, andächtig und empfindungsvoll war der Gesang in den schlichten Chorälen "Wie soll ich dich empfangen" und "Ach mein herzliebes Jesulein". Lieblich und tröstlich klangen die Chorsoprane in "Er ist auf Erden kommen arm".

Bukolische und pastorale Stimmung entfaltete sich in der einleitenden Sinfonia in der zweiten Kantate, in der Engels- und Hirtenmusik erklingt. Der wiegende Klang und idyllische Zauber dieser Musik wurde von den Streichern und Bläsern klangschön zelebriert. Im Choral "Brich an, o schönes Morgenlicht" strahlen die Chorstimmen lichtvoll auf und der Chor der Engel "Ehre sei Gott in der Höhe" verbreitet himmlische Feierlichkeit. Prachtvoll und majestätisch im Vokalen und Instrumentalen klang der Eröffnungschor der dritten Kantate "Herrscher des Himmels", die den Weg der Hirten nach Bethlehem zum Inhalt hat.

Herausragender Vokalsolist an diesem langen Bach-Abend war der Tenor Ronan Caillet als Evangelist, der in seinen Rezitativen mit vorzüglich textverständlicher Deklamation und klarer, schlanker Stimme das biblische Geschehen anschaulich machte. Bewundernswert wortdeutlich und erzählkräftig gestaltete er die rezitativischen Parts. In den Tenorarien "Frohe Hirten, eilt" und "Ich will nur dir zu Ehren leben" erwies sich Caillet als koloraturgewandter, stilistisch geschmeidiger Bach-Sänger.

Auch aus den Chorreihen traten Solistinnen und Solisten mit Glanzleistungen hervor. Sigrid Fuchs sang die berühmten Alt-Arien "Bereite dich, Zion" und "Schließe, mein Herze" mit berührender Wärme, letztere ausdrucksvoll begleitet von dem Geiger Fjodor Selzer. Silke Marchfeld verströmte in der Arie "Schlafe, mein Liebster" berührende Innigkeit und gefühlvolle Hingabe. Als Knabensopran war Jakob Thielemann als zarte, lichte Engel-Stimme zu hören. Mächtig Eindruck machte der Bassist Daniel Roos in der wirkungsvoll gesungenen Arie "Großer Herr, o starker König", begleitet von Reinhold Friedrichs blendenden Trompetenklängen. Daniel Roos beeindruckte zusammen mit der klar und anmutig singenden Sopranistin Ingrid Todt in dem Duett "Herr, dein Mitleid", berückend klangschön begleitet von den Oboen. In den Kantaten vier bis sechs, die man eher seltener hört, glänzten solistisch Evelyn Geth in der Echo-Sopranarie "Flößt, mein Heiland", Karin Wertz in der Sopranarie "Nur ein Wink von seinen Händen" und Christian Wenzel mit wohltönendem Bass in "Erleucht auch meine finstre Sinnen". Sehr gut harmonierten Caillet, Marchfeld und die Sopranistin Clarissa Merz im Terzett. Höhepunkte waren das von Chor und Orchester rhythmisch akzentuiert vorgetragene "Ehre sei dir, Gott, gesungen", der mit aller Pracht aufwartende Chorsatz "Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben" und der wunderbar subtil und fließend gesungene Choral "Ich steh an deiner Krippen hier".

Ein Sonderkompliment verdiente das Orchester um Konzertmeister Fjodor Selzer, das in bester Klangrede mit dynamischem Spiel und sprechender Artikulation agierte. So brandeten nach drei Stunden purem Bach-Glück Jubelstürme in der Kirche auf, es gab stehende Ovationen.

Eingangs hatte Silke Marchfeld auf das soziale Projekt für obdachlose Straßenkinder und Jugendliche in der äthiopischen Stadt Jimma hingewiesen, die in Not und Armut leben. Der Konzerterlös fließt diesem Straßenkinder-Hilfsprojekt zu.