Nordwestumfahrung

In Haltingen steht ein Jahrhundertbauwerk vor dem Abschluss

Ulrich Senf

Von Ulrich Senf

Sa, 07. Dezember 2019 um 16:02 Uhr

Weil am Rhein

Die ersten Überlegungen zum Bau der Nordwestumfahrung des Weiler Stadtteils liegen rund 50 Jahre zurück – am 19. Dezember wird sie eröffnet. Erinnerungen an eine lange Geschichte.

Was lange währt, wird endlich gut – bei der Zollfreien Straße war es mehr als ein Jahrhundert. Dagegen ist die Nordwestumfahrung in Haltingen geradezu ein Jungspund. Gleichwohl sind zwischen den ersten Ideen und der Realisierung rund 50 Jahre vergangen. Ende der 60er Jahre hatte der damalige noch selbständige Haltinger Gemeinderat die zunehmende Verkehrsbelastung thematisiert. Josef Schweikert war es, der die Umfahrung erstmals vorschlug.

Dass Haltingen sich zum Nadelöhr für den Verkehr aus dem Kandertal und dem Markgräflerland entwickeln würde, zeichnete sich in den 60er Jahren mit zunehmender Motorisierung bereits ab. Und auch im Ort, der 1975 eingemeindet wurde, zu dieser Zeit kaum mehr als 3000 Einwohner zählte, kamen die Sorgen um die Verkehrsbelastung nicht von ungefähr. Eine Reihe von Verkehrszählungen in der Stadt hatten die Probleme greifbar gemacht. 1992 wurden etwa mehr als 25 000 Fahrzeuge gezählt, die Haltingen täglich durchquerten.

Der Vorschlag sorgte zunächst für Erstaunen

Wie sich der frühere Haltinger Gemeinderat Erich Rieger erinnert, sorgte der Vorschlag des SPD-Vorsitzenden Josef Schweikert zunächst regelrecht für Erstaunen. Seine damalige Idee sah noch vor, dass die Umfahrung über die Festhallenbrücke geführt werden könnte – um die Kosten möglichst gering zu halten. Wie wichtig die Verkehrsberuhigung genommen wurde, zeigte sich plakativ im Wahlkampf, den sich der spätere OB Peter Willmann und sein Herausforderer Alexander Gramlich 1984 lieferten. Da wartete Gramlich nämlich mit dem Vorschlag auf, statt der Umfahrung, mit der Bundesstraße den gesamten Stadtteil zu untertunneln.



Was zunächst wegen der Kosten belächelt wurde – und Gramlich auch nicht den erhofften Rückhalt in Haltingen brachte – erfuhr über ein Jahrzehnt später ganz unerwarteten Auftrieb: Im Zuge der Planungen für die Neubaustrecke der Bahn kam eine Bündelung der Bundesstraße und der Bahntrasse ins Gespräch – selbstverständlich in Tieflage, am liebsten sogar in einem Tunnel.
Erinnerungen von Erich Rieger

"Ich fühle mich verpflichtet, etwas zur Entstehung der Nordwestumfahrung zu sagen. Im damals selbstständigen Haltingen hatten wir 1969 ein zwölfköpfiges Gemeinderatsteam, von dem ich das einzige, noch lebende Mitglied bin. In einer Sitzung brachte Josef Schweikert den überraschenden Vorschlag einer nördlichen Umfahrung von Haltingen. Er wurde lange Zeit dafür belächelt. Er ist aber zweifellos der Erfinder dieser Lösung. Die Strecke sollte zuerst über die jetzt abgerissene Festhallenbrücke führen im Gegensatz zu der jetzigen, unglaublich großzügigen Straße. Man wusste ja nicht, ob so etwas überhaupt möglich wäre. Auf Bitten des Planers Behrle aus Rheinfelden blieb die Verbindung als Strich im Flächennutzungsplan. In der ganzen Zeit hat sich die Stadt nie um die Ausführung gedrückt trotz der ungeheuren Kosten. Wenn die Nordwestumfahrung sich so bewährt wie die damals umstrittene Zollfreie Straße, dann waren die hohen Kosten trotzdem nicht umsonst."

Die Bündelung war bald vom Tisch – nicht nur wegen der Kosten, sondern auch wegen des mangelnden Interesses in Bonn an der Verlegung der Bundesstraße. Etliche Jahre später war auch alle Hoffnung, den Fernverkehr unter Haltingen hindurch rollen zu lassen, vorbei. Dazwischen gab es immer wieder neue Vorstöße, den Verkehr aus Haltingen herauszuhalten – bis hin zum Vorschlag, ihn mit einem Pförtner auszubremsen. Anfang der 90 Jahre wurde ernsthaft diskutiert, dass eine Ampel am nördlichen Ortsrand einen derartigen Rückstau verursachen sollte, dass die Autofahrer freiwillig auf die Autobahn und die Alte Straße ausweichen.

Den Kiesabbau empfanden viele als Bedrohung

Zeitweise galt die Nordwestumfahrung auch wegen des hohen Flächenverbrauchs, den die Straße mit sich bringen würde, als bereits abgehakt. Nur mit Mühe konnten die Haltinger Räte erreichen, dass die Straße wenigstes im Flächennutzungsplan als Option erhalten blieb.

Schwung erhielt die Planung vor einem ganz anderen Hintergrund: Den immer weiter vorrückenden Kiesabbau am Haltinger Ortsrand, empfanden viele Bürger als Bedrohung, gegen die sich zunehmend Widerstand formierte. 1994 war die letzte große Erweiterung der Abbauflächen mit der Firma Hupfer/Holcim vereinbart worden. In diesem Zusammenhang entstand auch die Idee, die Abbaukante am nördlichen Ortsrand so zu modellieren, dass sie für den Bau einer Straße genutzt werden könnte. Die Straße, so das Ziel, sollte die Grenzen des Kiesabbaus ein für alle Mal definieren.

2000 stand die Trassenführung endlich fest – mit dem neuen Problem, dass die Stadt mit der Bahn eine Kreuzungsvereinbarung für die Querung der Schnellbahntrasse und als Ersatz für die Festhallenbrücke aushandeln musste. Erst 2015 wurden sich die Partner handelseinig.

Die Kosten haben sich in knapp 20 Jahren vervierfacht

Waren 2000 noch Kosten von damals 9,4 Millionen Mark, also rund 4,7 Millionen Euro veranschlagt worden, haben sich die Kosten seither vervierfacht. Rund 20 Millionen Euro wird die Straße kosten, wovon allein der Bau der Unterführung sechs Millionen Euro ausmacht.

Den Titel eines halben Jahrhundertbauwerks kann die Nordwestumfahrung aber auch aus ganz anderem Grund tragen: Der Anschluss von der B3 über den Ötlinger Kreisel, unter der Bahn hindurch zum nun fertig gestellten Kreisel am Rumänenfriedhof stellt erst die erste Etappe dar. Wie die Umfahrung von dort aus weiter geführt wird, ist noch immer nicht abschließend geklärt. Dafür gibt es etliche Vorschläge.

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