Digitalisierung

Digitaltechnik hilft Landwirten, gezielter auf den Feldern zu arbeiten

Jörg Buteweg

Von Jörg Buteweg

Mi, 13. Mai 2020 um 19:21 Uhr

Wirtschaft

Hochpräzise Satellitensignale erlauben es Landwirten, weniger zu düngen und zu spritzen. Auch Sensoren von Sick in Waldkirch sind auf dem Acker im Einsatz.

Winfried Kretschmann braucht Leute wie Dieter Maier. Der Ministerpräsident hat versprochen, dass auf Baden-Württembergs Äckern und Weinbergen in zehn Jahren nur noch halb so viel Pflanzengift versprüht werden wird wie derzeit. Dieter Maier, Bauer in Eschbach in der Rheinebene, tut genau das. "Zehn Prozent weniger Pflanzenschutzmittel auf den Erdbeeren" habe er 2019 ausgebracht, berichtet er.

Kretschmann hat mit seinem Versprechen den Konflikt um das Volksbegehren "Artenschutz – Rettet die Bienen" befriedet. Der Kompromiss sieht so aus, dass nicht der einzelne Landwirt auf Pflanzengift verzichten muss. Insgesamt soll der Verbrauch im Land aber bis 2030 halbiert werden. Da ist Dieter Maier in nur einem Jahr schon einen großen Schritt vorangekommen.
Der Satellitenpositionierungsdienst

Sapos ist ein Gemeinschaftsprojekt der Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der Länder der Bundesrepublik Deutschland (AdV). Sapos stellt über eine Internetverbindung hochgenaue Positionsdaten zur Verfügung. Dabei werden die Daten der Satellitennavigationssysteme GPS (USA), Glonass (Russland) und Galileo (EU) als Ausgangsmaterial genutzt. Sapos ist aber viel präziser als diese drei. Können die genannten Systeme eine Position auf drei bis zehn Meter eingrenzen, ist Sapos auf ein bis zwei Zentimeter genau. Möglich macht diese hohe Präzision in Baden-Württemberg ein Netz aus 16 Referenzstationen, die die Satellitenangaben verbessern. Die Werte können Nutzer live über Mobilfunk oder durch nachträgliches Herunterladen beziehen. Die Sapos-Technik wird in der Vermessung, in der Luft- und Seefahrt, von Rettungsdiensten, im Bauwesen oder in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt. Der Zugang für Land- und Forstwirte wird in Baden-Württemberg seit gut einem Jahr getestet. Für das Modellprojekt können die 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Sapos zu stark verbilligten Tarifen nutzen.

Möglich gemacht hat das die neue Digitaltechnik. Ein Satellitensignal erlaubt Maier präziseres Arbeiten auf dem Acker. Er hat im Computer eingegeben, auf welchem seiner Felder er unterwegs ist und was er tut: pflügen, säen oder düngen. Das Satellitensignal kommt direkt an den Vorderrädern des Traktors an und wird unmittelbar in Lenkbewegungen umgesetzt, der Bauer steuert nicht mehr selbst. "Mit der Technik zieht man Furchen wie mit dem Lineal", staunt Maier auch noch nach einem Jahr Erfahrung über die Genauigkeit. "So präzise kann man einfach nicht lenken."

Diese Präzision dank Satellitentechnik hilft ihm sparen, auf dem Erdbeerfeld genauso wie beim Saatmais, den beiden wichtigsten Kulturen, die Maier mit seinem Sohn auf 90 Hektar anbaut. Er könne den Dünger gezielt zu den Erdbeerpflanzen bringen und nicht in die Zwischenräume. Die Pflanzenschutzmittel hingegen gehörten gerade nicht auf die Frucht, sondern in die Zwischenräume. Auch dabei hilft Sapos. "Zehn Prozent weniger Pflanzenschutzmittel, zehn Prozent weniger Dünger, zehn Prozent weniger Diesel", zieht Maier Bilanz und freut sich über die gesunkenen Kosten.

Ein Schritt in Richtung Präzisionslandwirtschaft

"Das entspricht auch unseren Erfahrungen", sagt Ludger Frerich, Professor an der Technischen Universität Braunschweig. Sein Gebiet sind Fahrzeuge für die Landwirtschaft. Und in diesem Bereich sieht er dank neuer Techniken viele Chancen, auf den Äckern präziser zu arbeiten, Zeit zu sparen, weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel zu benötigen – kurz: die Kosten zu senken, ohne dass der Ertrag zurückgeht.

Sapos ist ein Pilotprojekt des Landes Baden-Württemberg. Die 100 Landwirte, die teilnehmen, müssen für das Satellitensignal nur 50 Euro im Jahr bezahlen, der übliche Preis liegt bei 700 Euro. Geht es nach Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU), bekommen bald alle Landwirte Zugang – zu attraktiven Konditionen, wie es aus dem Ministerium heißt.

Was Winfried Kretschmann politisch hilft und Dieter Maier bares Geld spart, ist ein Schritt in Richtung Präzisionslandwirtschaft. Werden die Visionen der Landmaschinenhersteller, der Saatgut- und Agrarchemiekonzerne wahr, dann fahren in Zukunft Flotten von Robotern über die Äcker. Sie wissen quadratmetergenau Bescheid über die Bodenqualität, sie säen, düngen und bewässern genau nach Bedarf. Sie können Nutzpflanzen von Unkraut unterscheiden und letztere mit Pflanzengift präzise vertilgen oder aushacken, ohne dass die Nutzpflanze Schaden nimmt.

Bis solche Visionen Wirklichkeit werden, vergeht wohl noch einige Zeit. Noch sitzt Dieter Maier in der Kabine seines Traktors. "Aber ich lasse auf dem Acker die Finger vom Lenkrad", sagt er. Er könne stattdessen jetzt besser die Geräte überwachen, die am Traktor hängen – ob Pflug, Sämaschine oder Pflanzenspritze. Noch ist es nämlich nicht so, dass die Geräte alles allein machen.

Oder doch? Im Ortsteil Buchholz der Stadt Waldkirch dreht ein seltsames Gefährt seine Runden: kein Traktor, so viel ist auf den ersten Blick klar. Es kann aber auch kein Pkw sein, dafür sind zu viele Geräte angebaut. Das Fahrzeug fährt los, umfährt ein Hindernis, biegt links ab, setzt zurück, biegt rechts ab, bleibt wieder stehen – ein Fahrer ist nirgendwo auszumachen.

In Buchholz hat der Waldkircher Sensorhersteller Sick neben seinem Logistikcenter ein fußballfeldgroßes Testgelände für Sensoren im Außeneinsatz aufgebaut. Auch das autonome Fahren von mobilen Arbeitsmaschinen wird hier getestet. Wenn Fahrzeuge sich ohne Fahrer bewegen sollen, müssen Geräte das leisten, was Fahrer üblicherweise tun: lenken, den Abstand abschätzen, wenn nötig bremsen, abbiegen, Hindernisse erkennen und umfahren – oder zumindest stehenbleiben... Die Sick-Sensoren, die seit vielen Jahren in der Fabrik-, Logistik- und Prozessautomation ihre Dienste tun, lassen sich auch im Gelände nutzen. Ob Ultraschall, Laser, Kameras, Radar – Sick hat 40 000 Sensoren für jede erdenkliche Anwendung parat. Im Bereich der mobilen Automation ist die Landwirtschaft neben der Bauindustrie ein großes Feld. "Wir bieten den ganzen Baukasten", sagt Manuel Fischer, der strategische Industriemanager, der für dieses Geschäftsfeld verantwortlich ist. Sick sieht hier einen Wachstumsmarkt: "Vor drei Jahren haben wir den Markt für Sensorik in mobilen Anwendungen auf 1,5 Milliarden Euro veranschlagt, inzwischen rechnen wir mit 3,5 Milliarden Euro", sagt Fischer. Wie viel Sick hier umsetzt, bleibt Geschäftsgeheimnis.

"Maschinen und Geräte, in denen beispielsweise Sick-Sensoren eingebaut sind, erleichtern Landwirten die Arbeit", sagt Fischer. Ob selbstständig fahrendes Futterfahrzeug oder Melkroboter – jedes Mal sind Sick-Sensoren im Einsatz. Wie immer bei technischen Entwicklungen sei dies aber ein Prozess, kein Alles oder Nichts. "Wir automatisieren schrittweise, Funktion für Funktion", sagt Fischer. Gezielter könne ein Bauer dadurch arbeiten, spare dabei Zeit und Geld, ist er überzeugt. Daneben werde die Dokumentation der Arbeit erleichtert, weil digitale Technik stets große Mengen an Daten produziert.

Was in der Öffentlichkeit meist unter dem Aspekt Überwachung diskutiert wird, hilft Landwirten bei der Arbeit. Sie müssen ihren Kunden beispielsweise hieb- und stichfest dokumentieren können, wie viel Pflanzenschutzmittel sie eingesetzt haben. "Wir müssen 50 Prozent unter den deutschen Grenzwerten bleiben", berichtet Dieter Maier, der die Discounter Aldi und Lidl mit Erdbeeren beliefert. Das müsse er nachweisen können, das werde auch überprüft.

Daten seien zudem eine Hilfe, um Stillstände von teurem Gerät zu vermeiden, sagt Sick-Produktmanager Jörg Kibbel, der die Lasertechnologie, zum Beispiel für autonom fahrende Industriemaschinen, betreut. Man könne aus den Daten erkennen, wann ein Schaden drohe, und vorbeugend verschlissene Teile auswechseln. Das sei in der Landwirtschaft gerade zur Erntezeit wichtig. Auch wenn das Sick-Fahrzeug allein seine Runden dreht – Fahren ohne Fahrer bleibt einstweilen die große Ausnahme. Es gibt einen Traktor für den Einsatz im Weinberg, der auf eigene Faust durch die Reihen fährt und am Fuß der Rebstöcke Gras und Unkraut hackt. Das ersetzt das Spritzen mit dem umstrittenen Pflanzengift Glyphosat. Das wird Ministerpräsident Kretschmann freuen, denn Winzer setzen vergleichsweise große Mengen an Pflanzenschutzmitteln ein, vor allem gegen Pilze.

Manuel Fischer sieht den Weinberg-Traktor ohne Fahrer ganz nüchtern. Das sei eine vergleichsweise einfache Anwendung, sagt er. "Die Maschine muss nur den Rebstock erkennen und kann alles andere am Boden weghacken." Alles oder nichts eben. So weit, dass ein Sensor einzelne Pflanzen erkenne – also Nutzpflanze von Unkraut unterscheiden könne – sei man noch nicht.

Was in einer Fabrikhalle zuverlässig läuft, funktioniert auf dem Feld nämlich noch lange nicht. "Eine Halle hat klare Abmessungen, da gibt es keinen Regen und keinen Wind. Das macht die Arbeit einfacher", erläutert Jörg Kibbel. "Auf dem Acker ändert sich der Lichteinfall, der Wind weht, es kann neblig sein, regnen oder gar schneien." All solche Situationen müsse ein Sensor zuverlässig unterscheiden können, um seinen Dienst zu tun, schließlich gehe es auch um Sicherheit.

Präzision kostet Geld, weswegen Ludger Frerich sagt: "Die neuen Maschinen kommen zuerst im Obst- und Gemüsebau zum Einsatz." Da seien sowohl Aufwand als auch möglicher Ertrag pro Hektar größer als beim Getreideanbau. Deswegen könne der Einsatz neuer Technik schnell rentabel werden, sagt der Braunschweiger Institutsleiter. Kein Wunder also, dass mit Dieter Maier ein Erdbeerbauer am Pilotprojekt Sapos teilnimmt.

Der Eschbacher freut sich, dass die Geräte, die das Satellitensignal empfangen, billiger geworden sind. Vor einigen Jahren habe man noch 25 000 Euro pro Stück bezahlen müssen, inzwischen seien es weniger als 10 000 Euro. Trotzdem zögere sein Sohn zu investieren. "Alle Jungen halten sich zurück", hat Maier beobachtet. Die niedrigen Verkaufspreise, die Debatten ums Düngen und um den Insektenschutz – die jungen Landwirte seien verunsichert.

Das wundert Frerich nicht. "Man schreibt den Bauern vor, weniger zu düngen. Das bedeutet weniger Ertrag, also auch weniger Einnahmen. Das bekommen die Bauern aber nicht vergütet. Das kann nur dazu führen, dass die Leute aufgeben." Sein Fazit ist eindeutig: "Letztlich ist das eine wirtschaftliche Betrachtung. Wenn wir sagen, wir wollen eine funktionierende Landwirtschaft, dann muss es sich lohnen, in diese Technik zu investieren."

Der Satellitenpositionierungsdienst Sapos ist ein Gemeinschaftsprojekt der Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der Länder der Bundesrepublik Deutschland (AdV). Sapos stellt über eine Internetverbindung hochgenaue Positionsdaten zur Verfügung. Dabei werden die Daten der Satellitennavigationssysteme GPS (USA), Glonass (Russland) und Galileo (EU) als Ausgangsmaterial genutzt. Sapos ist aber viel präziser als diese drei. Können die genannten Systeme eine Position auf drei bis zehn Meter eingrenzen, ist Sapos auf ein bis zwei Zentimeter genau. Möglich macht diese hohe Präzision in Baden-Württemberg ein Netz aus 16 Referenzstationen, die die Satellitenangaben verbessern. Die Werte können Nutzer live über Mobilfunk oder durch nachträgliches Herunterladen beziehen. Die Sapos-Technik wird in der Vermessung, in der Luft- und Seefahrt, von Rettungsdiensten, im Bauwesen oder in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt. Der Zugang für Land- und Forstwirte wird in Baden-Württemberg seit gut einem Jahr getestet. Für das Modellprojekt können die 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Sapos zu stark verbilligten Tarifen nutzen.