Wer Spac-Aktien erwirbt, kauft die Katze im Sack

Rolf Obertreis

Von Rolf Obertreis

Mi, 10. März 2021

Wirtschaft

Die Mantelgesellschaften, die vorwiegend in Anteile von Technologiefirmen investieren, sind an der Börse en vogue.

. Gelohnt hat sich das Investment bislang nicht. Bei 12,25 Euro lag bei Handelsaufnahme am 22. Februar der Kurs. Aktuell sind es gut 10,50 Euro. Nur wer bei der Platzierung der Aktie für 10 Euro (dazu gab es noch einen Optionsschein) dabei war, liegt ein wenig im Plus. Kleinanleger waren es nicht. Die 27,5 Millionen Papiere von Lakestar gingen privat an Großanleger. Sechsfach sei die Emission überzeichnet gewesen, sagt Klaus Hommels, der Chef von Lakestar.

Was er macht, boomt in den USA. Sein Unternehmen ist ein Spac – eine "Special Purpose Akquisition Company", also ein Spezialvehikel zum Kauf von Firmen. Anders gesagt: Eine Mantelgesellschaft oder eine Hülle ohne Inhalt. Den soll es erst noch geben, durch den Kauf eines Unternehmens. Lakestar schielt auf eine Firma aus dem Technologiesektor: Software, ein Fintech vielleicht, Transport, Logistik, Gesundheit oder Start-ups.

Wieder einmal schwappt eine Kapitalmarktmode aus den USA nach Deutschland. 2019 war der Trend zu Spacs auch dort mit 59 Börsenhüllen eher überschaubar. Aber im vergangenen Jahr waren es auf einmal fast 250. Emissionserlös: Die Rekordsumme von 83 Milliarden Dollar. In diesem Jahr kamen bis Mitte Februar schon wieder 143 Spacs mit einem Volumen von 44 Milliarden Dollar an den Markt, berichtet die Börsenzeitung. Das animiert auch hierzulande Nachahmer, zumal in Zeiten, in denen viel Kapital unterwegs ist, nach Anlagemöglichkeiten gesucht wird.

Hommels hat sicher schon etwas im Auge für die 275 Millionen Euro, die er mit dem ungewöhnlichen Börsengang eingenommen hat. Die Aktionäre wissen es nicht, weshalb viele sagen: Wer Aktien eines Spacs erwirbt, kauft die Katze im Sack.

Das beim Börsengang eingenommene Geld muss bei einem Spac auf einem Treuhandkonto geparkt werden. Wenn es letztlich nicht klappt mit einem Firmenkauf – allgemein wird ein Zeitraum von zwei Jahren angesetzt – muss ein Spac den Aktionären das Geld zurückzahlen.

Den Sitz hat Lakestar in Luxemburg. In Deutschland wäre ein solches Finanzvehikel nur schwer umsetzbar, sagt Christoph Schalast, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management. Die Börsennotiz in Frankfurt ist allerdings kein Problem.

Hommels schwärmt vom Potenzial, dass der Tech-Sektor in Europa für Spacs bietet. Die Samwer-Brüder, Gründer der Internet-Firmenschmiede Rocket Internet wollen es Hommels gleichtun. Ebenso Martin Blessing, der frühere Commerzbank-Chef und bis Ende 2019 Spitzenmanager der Schweizer Großbank UBS. Dem Vernehmen nach plant er ein Spac mit einem Volumen von 300 Millionen Euro. Blessing schielt angeblich auf die europäische Finanzindustrie. "Mit Lakestar ist der Trend zu Spac-IPOs (also Börsengängen) auch in Deutschland angekommen", sagt Oliver Seiler, Partner der US-Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins in Deutschland.

Es gibt diverse Erfolgsmeldungen über Spacs in den USA. Sie haben Anlegern satte Kursgewinne beschert, nachdem Firmen gekauft wurden und so an die Börse kamen. Das gilt etwa für den Elektroautohersteller Nikola. Andererseits gibt es auch Fehlschläge, unter anderem wegen Betrügereien. Hierzulande ging der erste Spac, initiiert von Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, dem Berater Roland Berger und einem Ex-Banker in die Hose. Sie kauften mit ihrer Hülle 2009 das Stromunternehmen AEG Power Solutions. 2017 rutschte es in die Pleite. Selbst Investment-Profis wie etwa Fondsmanager sind zurückhaltend. Laut einer neuen Umfrage des Branchenverbandes DVFA haben fast drei Viertel grundsätzlich nicht vor, in Spacs zu investieren. Sind sie angesichts dieser hohen Ablehnung überhaupt für Klein- und Privatanleger eine sinnvolle Option? "Man muss eben Vertrauen haben, dass die Spac ein attraktives Ziel findet und erwirbt", sagt Professor Schalast. Er sieht einen Vorteil: Die Börsenhüllen enthielten ein "demokratisches" Element, weil sich Kleinanleger so an Private Equity- und Venture-Capital-Strategien beteiligen könnten – also direkt am Kauf von zukunftsträchtigen Unternehmen. Was sonst nur Großinvestoren möglich ist, weil nur sie die Investitionsanforderung von Millionenbeträgen erfüllen könnten. Schalast verweist auch darauf, dass man auch bei einem vermeintlich seriösen und gewinnträchtigen Unternehmen danebenliegen könne – siehe das Beispiel Wirecard.

Allenfalls als Beimischung für spekulativ orientierte Anleger seien Spacs geeignet, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Es gebe zwar Chancen. Und wenn es nichts werde, bekämen Aktionäre und Investoren nach zwei Jahren ihr Geld zurück. "Allerdings nur die Summe, die die Papiere bei der Zeichnung gekostet haben. Wer an der Börse teurer gekauft hat, realisiert den entsprechenden Verlust." Es gebe, sagt Kurz, genügend andere Möglichkeiten, Aktien zu kaufen. Spacs müssten nicht sein.