Corona-Lesergeschichten

Wie ich für einen Corona-Test 7 Stunden mit 7 vielleicht Infizierten verbrachte

Anselm Hirt aus Gundelfingen

Von Anselm Hirt aus Gundelfingen

Fr, 26. Juni 2020 um 16:12 Uhr

Südwest

Zurück aus Norditalien wollte mich auf Corona testen lassen. Als ich endlich den richtigen Ort in der Uniklinik gefunden hatte, galt es in einem stickigen Raum zu warten – mit anderen Verdachtsfällen.

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichte schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Die BZ hat ihre Leserinnen und Leser nach ihrer ganz persönlichen Corona-Geschichte gefragt. Heute schreibt Anselm Hirt, 64 Jahre, aus Gundelfingen.

Anfang März komme ich aus Norditalien zurück. Ich will gleich am nächsten Tag das Coronavirus in mir suchen lassen, habe ich doch Symptome ausgebildet. Nach einer Nacht ohne Familienanschluss im Keller fahre ich in die Freiburger Uniklinik. Auf der Suche nach dem Notfallzentrum lese ich: "Patienten bitte den Hintereingang benützen". Dort steht zwar "Thoraxchirurgie" an der Tür, aber meine brennenden Bronchien gehören ja zum Brustkorb, das Rausschneiden würde ich schon zu verhindern wissen.

Die Rezeptionsdame ist sichtlich reserviert, als ich nach dem Ort der Corona-Testung frage. "Nehmen Sie den rechten Aufzug, und nur den, dann bis Station Breuer", höre ich. Also fahre ich nach oben. Alle Stationen sind leer: kein Personal, kein Patient, kein Bett, keine Handwerker… Da stehe ich also herum und warte auf Godot, oder auf meinen Prozess?

Nach vergeblicher Suche treffe ich wieder auf die Rezeptionistin. "Ich kann die Tür für die Corona-Testung nicht finden", sage ich. "Dann gehen Sie doch in die Notaufnahme", höre ich noch, dann schließt sich eine Glastür. Zur Notaufnahme frage ich mich durch, dort finde ich an drei Stellen Klingeln für Menschen mit Verdacht auf Corona. An der dritten Klingel höre ich: "Ein Arzt kommt gleich zu Ihnen, bitte warten Sie draußen."

Neben mir ein junger Mann mit Schüttelfrost, mit einsetzendem Regen wird auch mir fiebriger zumute. Wir versuchen uns nicht anzustecken, Corona gegen Grippe; wir warten geduldig, frieren, werden nass. Nach 40 Minuten kommt eine Person im Schutzanzug auf mich zu. Nach der Nennung von Symptomen, verbunden mit dem Stichwort "Norditalien", darf ich ins Notfallzentrum, mit Gesichtsmaske. Jetzt fühle ich mich nicht mehr krank, sondern schwer krank. Aber ich bin im Warmen. Ich betrete einen kleinen Raum, ungelüftet, stickig, Vorhänge zwischen den Plastikstühlen.

Gegen 11.30 Uhr ist mein Abstrich im Labor. Dass ich noch sechs Stunden im Isolierraum auf das Ergebnis werde warten müssen, weiß ich noch nicht. Dafür bekomme ich etwas zu essen, wie geht das mit Maske? Der Raum füllt sich, keine Fenster zu öffnen, keine Tür geht auf. So fühlt sich Isolation an.

Ich frage mich: Bin ich ein besonders schwerer Fall und bleibe in Quarantäne? "Das Gesundheitsamt wird Ihnen das Testergebnis schriftlich mitteilen, gehen Sie so lange allen Kontakten aus dem Weg", wird den Entlassenen gesagt.

Dann der Befreiungsschlag: Ich bin negativ getestet. Was mit mir bis zum Abend in diesem belasteten Isolierraum geschehen ist, will ich nicht wissen. Zuhause lese ich das "Merkblatt für Patienten vom Universitätsklinikum Freiburg" – zunehmend ungläubig. Da wird mir eine "Einzelunterbringung in gut belüftbarem Einzelraum" empfohlen. "Begrenzen Sie die Anzahl und Enge Ihrer Kontakte."

Und "bei stark zunehmenden Beschwerden" wird eine "unverzügliche Wiedervorstellung" in der Uniklinik angemahnt. Gilt das für den Fall, dass ich mich heute in der Uniklinik angesteckt habe? Nach sieben Stunden mit sieben möglicherweise Infizierten in einem kleinen Raum fällt mir wieder Franz Kafka ein. Auch er lungenkrank, hat er vor 100 Jahren in den Kliniken seiner Zeit wohl ähnliche Erfahrungen machen müssen. Beim nächsten Corona-Test werde ich zwei seiner Texte mitnehmen: "Die Verwandlung" lässt sich bis zur Diagnose lesen. Wenn sie mich einbehalten müssen, kann ich mir den Roman "Der Prozess" zu Gemüte führen. Oder ich bleibe zu Hause im Keller, da liest es sich sicherer, und warte auf eine bessere Versorgung von Notfall-Patienten in Freiburg.