Interview

Wie Kinder lernen, mit Messer und Holz umzugehen

Das Gespräch führte Anita Fertl

Von Das Gespräch führte Anita Fertl

So, 13. Juni 2021 um 10:56 Uhr

Liebe & Familie

Der Sonntag "Schnitzen beruhigt wahnsinnig", sagt Alexander Schindler, Leiter des Ruster Umweltamts. Er erklärt Kindern in Workshops den richtigen Umgang mit Messer und Holz.

Michel aus Lönneberga hat es vorgemacht, viele Kinder eifern ihm nach – nicht nur bei den Streichen, sondern auch beim Schnitzen. Alexander Schindler, Leiter des Naturzentrums Rheinauen in Rust, zeigt Kindern in Workshops den richtigen Umgang mit Messer und Holz und verrät im Gespräch, wie er seinem Sohn das Schnitzen beigebracht hat.

Der Sonntag:

Herr Schindler, kennen Sie den Kinderreim: Messer, Gabel,
Schere, Licht...


Alexander Schindler:... sind für kleine Kinder nicht. Richtig.

Der Sonntag: Was versteht man in diesem Zusammenhang unter klein?

Schindler: Unser Trapperprogramm, das wir im Naturzentrum anbieten, ist meistens für Kinder in der 2., 3. Klasse. Wir zeigen ihnen dabei, wie man aus Brennnesseln Schnüre herstellt, einen Notkompass baut, und wir schnitzen mit ihnen mit Grünholz. Ich habe das Schnitzen tatsächlich mit meinem Sohn angefangen, als er in die 1. Klasse gekommen ist. Damals war er sechs Jahre alt.

Der Sonntag: Also ist es wichtig, dass Erwachsene anleiten.

Schindler: Absolut. Ich habe auch nicht meinem kleinen Sohn ein Messer in die Hand gegeben und gesagt: Fange mal an zu schnitzen. Ich stand nebendran, habe es ihm gezeigt und mitgeschnitzt.

Der Sonntag: Warum dürfen und sollen Kinder überhaupt schnitzen?

Schindler: Man beschäftigt sich mit Naturmaterialien, verbessert die Feinmotorik, das Vorstellungsvermögen und die Konzentration. Die Kinder entwickeln ein Gefühl für das Messer, das Holz. Denn jedes Holz hat natürlich seine Eigenschaften. Aber: Es braucht beidseitiges Vertrauen. Zum einen in das Kind, das anfängt, zum anderen in den Erwachsenen, der anleitet. Denn wenn die Kinder sich nicht konzentrieren und den Kopf nicht dabei haben, ist es ein Sicherheitsrisiko. Und wenn ich fünfmal falsch schnitze, dann ist halt der Schwanz von der Dinosaurierfigur weg. Bei uns obliegt es dem Ranger, ob er das Schnitzen mit der Gruppe durchführt. Denn nicht jede Gruppe und jede Gruppengröße eignen sich zum Schnitzen, das muss man schon ehrlich sagen.
Der Sonntag:

Was gibt es beim Schnitzen zu beachten?


Schindler: Wir empfehlen, dass man mit weichem Grünholz, also noch im Saft stehendem Holz, anfängt zu schnitzen. Natürlich ist auch die richtige Ausrüstung unumgänglich. Wir zeigen den Kindern, wie man das Messer hält, dass man einen festen Griff hat, sensibilisieren sie für das Werkzeug. Außerdem soll man vom Körper wegschnitzen. Wir erklären den Kindern auch, dass es mit Astansatz schwieriger ist und was bei der Auswahl der Hölzer wichtig ist. Und: Wir sitzen beim Schnitzen.
Zur Person: Alexander Schindler (42), verheiratet, zwei Kinder, leitet das Umweltamt und das Naturschutzzentrum Rheinauen der Gemeinde Rust.

Der Sonntag: Wie sieht die richtige Ausrüstung aus?

Schindler: Es gibt tolle Kindermesser. Die Spitze ist vorne abgerundet. Diese Messer sind sehr scharf, aber ein Messer sollte auch scharf sein beim Schnitzen. Die Klinge ist feststehend so wie früher bei den Trappermessern. Heutzutage gibt es sehr gute Messer von Opinel oder auch von der Schweizer Marke Victorinox, die zwar Klappmesser sind, aber eine Feststellklinge haben. Und es gibt tolle Bücher mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen oder Komplettsets etwa von Kosmos. Da sind Schnitzwerkzeuge, Hölzer und ein kleiner Handschuh mit dabei, und es ist sogar schon eine Silhouette ausgeschnitten.
Der Sonntag:

Welche Holzarten werden verwendet?


Schindler: Anfangs Weichhölzer. Zum Beispiel eignen sich der Ahorn, die Linde oder die Weide sehr gut. Gerade für Anfänger ist ein weiches Holz viel angenehmer zu schnitzen als ein hartes Holz, bei dem man viel mehr Kraft investieren muss.

Der Sonntag: Was ist ein gutes Anfängerprojekt?

Schindler: Wir schnitzen aus Haselnuss oder Linde gerne Gabeln oder Löffel, das lässt sich relativ einfach gestalten. Für den Anfang nehmen wir daumendickes Holz. Ich habe zum Beispiel mit meinem Sohn mit Haselnuss begonnen, mit einem Löffel. Dann sind wir relativ schnell zum Figurenschnitzen übergegangen. Und er hat selbst festgestellt, das ist viel schwerer, weil getrocknetes Holz auch schwerer zu bearbeiten ist.

Der Sonntag: Welche Fortgeschrittenenprojekte bieten sich an?

Schindler: Unterschiedliche Tierfiguren. Dazu kann man wiederum getrocknetes Holz nehmen, das ist härter, und mit einem großen Dinosaurier anfangen. Je öfter man schnitzt, je öfter man mit dem Messer umgeht, desto sicherer wird man natürlich. Und je genauer man schnitzt, desto komplexer werden die Figuren.

Der Sonntag: Bringen Handy- und computerversessene Kinder heute überhaupt noch diese natürliche Art der Feinmotorik mit?

Schindler: Ich konnte nichts Gegenteiliges feststellen. Die Kinder bekommen das mit fünf, sechs Jahren gezeigt. Sie üben, lernen, es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen. Auch bei Dorf- oder Stadtkindern gibt es keine Unterschiede, da spielt eher das Elternhaus eine Rolle. Allerdings gibt es bei älteren Schülergruppen eine gewisse Naturentfremdung.

Der Sonntag: Und wie kann man Ältere dafür begeistern?

Schindler: Am besten selbst am Lagerfeuer schnitzen, das beruhigt wahnsinnig. In der Corona-Zeit haben wir zu Hause ab und zu im Garten eine Feuerschale aufgestellt und dann noch ein bisschen geschnitzt, mein Sohn und ich. Mittlerweile ist er zwölf, hat andere Interessen, aber das macht uns immer noch großen Spaß.Das Gespräch führte Anita Fertl
Buchtipps: Astrid Schulte: Meine Schnitzwerkstatt – mit Opinel-Kinderschnitzmesser, Kosmos Verlag, 80 Seiten, 22 Euro.
Kosmos: Schnitzen Komplett-Set-Experimentierkasten – mit Opinel-Kinderschnitzmesser, Lindenholz-Block und kindgerechter Anleitung, ab 23 Euro.
Mareike Grün: Komm, wir schnitzen: Einfache Projekte für Kinder ab 6 Jahren, Christophorus Verlag, 80 Seiten, 13 Euro.