Interview

Wie Reggaesänger Gentleman über die Aneignungsdebatte denkt

Steffen Rüth

Von Steffen Rüth

Fr, 02. Dezember 2022 um 17:27 Uhr

Rock & Pop

Gentleman, international bekannter Reggaesänger aus Deutschland, hat ein neues Album. Auch er stellt sich der Debatte um kulturelle Aneignung "Es ist produktiv, wenn wir voneinander lernen", sagt er.

Er hat den Reggae aus Deutschland Ende der Neunziger salonfähig gemacht, feiert seitdem große Erfolge im In- und Ausland, sein neues, zeitgeistig betitelten Album "Mad World" klingt sehr frisch. Der Kölner Tilmann Otto, bekannt als Gentleman, bietet mit seinen neuen Songs der Intoleranz die Stirn und bereitet der guten Laune den Tanzboden. Stefan Rüth hat ihn gesprochen.

BZ: Das neue Album heißt zwar "Mad World", die Songs klingen jedoch positiv und der Zukunft zugewandt. War Ihnen wichtig, keine Depri-Musik zu machen?
Gentleman: Ich glaube, das kann ich gar nicht (lacht). Es gab noch nie eine Phase, in der ich meine Lebensfreude verloren hatte. Was es gab, waren Zeiten, in denen ich mehr Fragen als Antworten hatte, aber immer mit der Gewissheit, da wieder rauszukommen. "Mad World" bezieht sich weniger auf mich selbst, sondern auf das gesellschaftliche Klima. Ich kann nicht glücklich sein, wenn in meinem Umfeld alle kämpfen und leiden.

BZ: Hatten Sie die Idee, "Mad World" von Tears For Fears zu sampeln schon lange?
Gentleman: Nein, gar nicht, ich hatte auch – außer einmal mit Ky-Mani Marley – noch nie eine Coverversion aufgenommen. Der Song selbst begleitet mich jedoch schon ein Leben lang, und als einer meiner Produzenten von den Jugglerz vorschlug, daraus etwas Eigenes zu machen, hatten wir schon bei den ersten Probeaufnahmen alle eine Gänsehaut.

"Ich fürchte, die Ignoranz der Menschen ist zu groß, als dass wir "One Love" hinbekommen."
BZ: "Wir müssen nur den Kopf oben halten und weitermachen" singen Sie in "Things Will Be Greater".
Gentleman: Natürlich, sonst können wir einpacken. Früher habe ich immer an diesen "One Love"-Gedanken geglaubt, also daran, dass wir alle irgendwann aufwachen und in Frieden und Harmonie leben. Diese Überzeugung habe ich heute nicht mehr. Ich fürchte, die Ignoranz der Menschen ist zu groß, als dass wir "One Love" hinbekommen. Aber ich bin immer noch von dieser Balance überzeugt, dass alles im Einklang ist und das Helle nicht ohne das Dunkle existieren kann.



BZ: Steht nicht gerade der Reggae seit jeher für dieses "One Love"-Mantra?
Gentleman: Ich würde das nicht auf ein Genre reduzieren. Meine Liebe ist der Reggae, ich liebe aber auch Musik generell. Kunst und Kultur ganz grundsätzlich haben einfach diese Kraft, bestimmte Momente ertragbarer und das Leben insgesamt süßer zu machen. Musikhören war für mich, schon als Kind, auch immer Therapie. Wenn es eine universelle Sprache gibt, dann ist das die Musik.

BZ: Sie sind als Teenager alleine nach Jamaika gereist, um sich an die Quelle des Reggaes zu begeben. Staunen Sie mit 48, wie verwegen Sie mit 18 waren?
Gentleman: Oder wie naiv ich war (lacht). Jugendlicher Überschwang lässt dich Dinge tun, die du mit 30, 40 oder 50 vielleicht nicht mehr machst. Ich glaube, ich habe für mich und mein Leben einen guten Mittelweg zwischen dem jugendlichen Spirit und einer gewissen Erfahrung gefunden.

BZ: Auf dem "Mad World"-Album hören Sie sich erstaunlich verjüngt und irgendwie aufgefrischt an. Liegt das auch daran, dass Sie nach dem deutschsprachigen Album "Blaue Stunde" nun wieder ganz entspannt auf Englisch singen?
Gentleman: Auch wenn die Arbeit echt Spaß gemacht hat und ich total glücklich mit der Platte bin, war die Arbeit an "Blaue Stunde" vollgepackt mit Zweifeln und Rückschritten. Ich habe extrem unterschätzt, Songs auf Deutsch zu schreiben, die Soul und einen Flow haben. Auf Englisch texte ich dagegen seit dreißig Jahren, das ist intuitiver.

"Dieses totale Entweder-oder-Denken finde ich falsch."
BZ: Sie werden gerade von heftigen Debatten rund um das Thema der kulturellen Aneignung gestreift. Wie finden Sie solche Diskussionen?
Gentleman: Die Debatte hat ihren Sinn, und ich finde gut, dass es sie gibt. Nur finde ich die Art und Weise, wie wir miteinander diskutieren, oft sehr hysterisch. Wir sollten es auf die Reihe kriegen, andere Meinungen zu respektieren und trotzdem gelassen zu bleiben. Dieses totale Entweder-oder-Denken finde ich falsch.

BZ: Wie könnte die Diskussion sinnvoller geführt werden?
Gentleman: Mit weniger Aufregung. Es ist produktiv, wenn wir voneinander lernen, einander zuhören und Muster aufbrechen, die nicht mehr in die Zeit passen. Wenn uns unsere Debatten aber bloß beschneiden, wir uns nichts mehr trauen und supervorsichtig werden, dann ist der Sache nicht gedient. Als weiße Westeuropäer*innen sind wir zum großen Teil einfach rassistisch sozialisiert. Ich muss mir doch nur mal alte Kinderbücher angucken, aus denen mir meine Mutter früher vorgelesen hat, die sind wirklich derbe. Als Menschen, die nie unterdrückt wurden und keine schlechten Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben, sollten wir sensibel sein. Ich finde es gut, wenn ein paar Bücher umgeschrieben und ein paar Denkmäler umgeworfen werden. Nur darf uns die Debatte nicht einengen und am Austausch hindern.

BZ: Sind Sie froh, dass es solche Auseinandersetzungen in den Neunzigern noch nicht gab?
Gentleman: Ich weiß nicht, ob ich bei dem heutigen Zeitgeist anfangen würde, Reggae zu machen und auf Patois zu singen. Einfach, weil ich nicht mehr so unbefangen sein könnte, wie ich es mit 18 war. Ich hatte damals einfach diese Leidenschaft für die Musik entwickelt und wollte wissen, wo sie herkommt. Ich bin schon in sehr jungem Alter nach Jamaika geflogen und habe immer mit jamaikanischen Künstlerinnen und Künstlern zusammen Musik gemacht, Shows gespielt und Geld verdient. Ich habe eine tiefe Verbindung zum Ursprung dieser Musik – und deshalb fühle ich mich in diesem Punkt einfach nicht angreifbar.

BZ: Hat in Jamaika mal jemand gesagt, Sie als Deutscher sollten nicht deren Lieder singen?
Gentleman: Nein, diese Vorwürfe habe ich dort nie wahrgenommen. Aus Jamaika kam und kommt bis heute eher Liebe und Respekt.

Gentleman: "Mad World" (Universal)