Gesellschaft

Wie schwarze Menschen in der Region Rassismus erleben

Frank Zimmermann, Michael Saurer, Karl-Heinz Fesenmeier, Hannah Fedricks Zelaya

Von Frank Zimmermann, Michael Saurer, Karl-Heinz Fesenmeier & Hannah Fedricks Zelaya

Di, 09. Juni 2020 um 09:48 Uhr

Deutschland

"Wir haben hier nichts für Ihre Sorte." "Wann gehen Sie zurück?" Wie tief Rassismus in Deutschland verankert ist, darüber sprechen exemplarisch an dieser Stelle Menschen aus Südbaden.

Oft ist der Ton rassistisch

Sirri Yildiz, 40, betreibt unter anderem mit ihrem Mann Nedim das Restaurant Savanna in Lahr und lebt seit 13 Jahren in Deutschland: "Oft ist gar nicht was gesagt wird rassistisch, sondern die Art, der Ton, in dem etwas gesagt wird. Wenn Weiße beispielsweise in einen Friseursalon hineingehen, werden sie mit einem ‚Hallo’ , ‚Guten Tag’ oder ähnlichen freundlichen Worten begrüßt. Komme ich hinein, heißt es: ‚Was kann ich für Sie tun?’, es klingt aber wie ein ‚Was wollen Sie hier?’ Manchmal sagen einem die Menschen das auch genau so. Das ist selten, kommt aber vor. Einmal kam ich in einen Laden und die Verkäuferin hat zu mir gesagt: ‚Wir haben hier nichts für Ihre Sorte.’ Das ist aber selten, dass das so direkt ausgesprochen wird.

Bei Kindern ist das anders, die sind direkter. Meine Kinder müssen sich oft anhören, dass sie hässlich sind. Dass sie sich noch so eine schöne Frisur flechten können, dass sie trotzdem noch schwarz sind. Ich habe irgendwann genau deswegen meinen eigenen Salon aufgemacht und von vielen Schwarzen dafür Zuspruch bekommen, die das Gleiche erlebt haben. Was auch oft vorkommt, ist, dass Menschen denken, ich müsse so froh sein, hier zu sein, weil die Menschen in Afrika ja so arm seien, weil sie kein fließend Wasser hätten. Da ist oft sehr viel Ignoranz dabei, die den Menschen hier nicht einmal bewusst ist. Sie zeigen lieber mit dem Finger, anstatt zu lernen."



Unzählige Male kontrolliert

Tahir Della (58), Sprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD): "Es gibt auch in Deutschland Rassismus. Er zeigt sich anders als in den USA und ist historisch anders verwurzelt. Die amerikanische Geschichte beginnt mit dem Völkermord an der indigenen Bevölkerung und später kam die Versklavung Schwarzer Menschen hinzu. Für den europäischen Rassismus spielt die 500-jährige Kolonialgeschichte eine große Rolle.

In den USA sind Schwarze Menschen in vielerlei Hinsicht sozial benachteiligt oder ausgeschlossen. Sie bekommen höhere Strafen, sitzen länger im Gefängnis, können sich die Kosten für medizinische Behandlungen nicht leisten und vieles mehr. Schwarze Menschen haben aktuell die höchste Sterblichkeit an Covid-19. In Deutschland hingegen gibt es ein funktionierendes Sozialsystem und weniger Gewalt als in den USA, wo es in fast jedem Haushalt Waffen gibt. Dennoch, es gibt auch in Deutschland einen institutionellen Rassismus. Die verdachtsunabhängigen Kontrollen durch die Bundespolizei etwa. Ich bin in meinem Leben schon unzählige Male kontrolliert worden. Wenn ich dann meinen deutschen Pass zeige – und ich habe nur einen deutschen, weil ich hier geboren wurde –, dann lassen sie meist schnell von weiteren Kontrollen ab. Zudem gibt es Orte wie etwa Shisha-Bars, die von den Sicherheitsbehörden oft als Hotspots der Kriminalität behandelt werden. Doch viele migrantische Menschen gehen auch dorthin, weil sie in manche Clubs und Diskos nicht hineingelassen werden. Das führt auch dazu, dass das Verhältnis dieser Leute zu staatlichen Institutionen angespannt und das Vertrauen gestört ist.

Einen Schritt in die richtige Richtung hat am vergangenen Freitag das Abgeordnetenhaus in Berlin mit einem Landesantidiskriminierungsgesetz gemacht, das bei Diskriminierung Klagemöglichkeiten gegen Behörden und Institutionen zulässt."



Schockiert über den Tod von George Floyd

Steve Kommogne, 37, kam 2001 aus Kamerun nach Deutschland, lebt mit seiner Familie in Bad Säckingen und arbeitet als Bauingenieur und Straßenplaner: "Selbstverständlich habe ich auch in Deutschland schon Rassismus erlebt, vor allem während meinem Studium. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Wohnungssuche, an den Moment, wenn die Vermieter gemerkt haben, dass ich dunkelhäutig bin, dann war das Zimmer nicht mehr frei. Auf Partys und in der Disco wurde ich an der Tür abgewiesen. Rassismus habe ich früher auch am Arbeitsplatz zu spüren bekommen – Mobbing, wenig Anerkennung der Leistung, Unterbezahlung... Gott sei Dank ist das bei meinem jetzigen Arbeitgeber, dem Regierungspräsidium, nicht der Fall, da gibt es Zusammenhalt unter den Kollegen.

Bösartigen Rassismus spüre ich in meinem direkten Umfeld nicht. Man muss da ja unterscheiden zwischen bewussten rassistischen Handlungen wie körperlichen Übergriffen oder dem verweigerten Einlass in eine Disco und unbewusstem Rassismus, bei dem die Leute gar nicht merken, dass sie sich diskriminierend verhalten: wenn sie zum Beispiele Scherze über Migranten machen. Es gibt auch immer noch Dinge wie die ‚Mohren-Apotheke’ und ‚Negerküsse’. Und dann natürlich die AfD, eine rechtsextremistische, populistische Partei, das macht mir manchmal Angst, denn das sind gebildete Menschen, die von der Bevölkerung gewählt worden sind, obwohl von ihnen bekannt ist, dass sie fremdenfeindliche Reden halten.

Über den Tod von George Floyd bin ich schockiert. Ich bin inzwischen Familienvater, mein Sohn ist Afrodeutscher, ich will nicht, dass er so etwas sieht, wenn er größer ist. Er wird sich sagen: Wenn so etwas in den USA, dem Vorbild der Demokratie, im 21. Jahrhundert passiert, kann das traumatisch wirken. In Deutschland ist die Polizeigewalt weniger schlimm, aber natürlich wird man auch hier als Schwarzer von der Polizei öfters kontrolliert und dadurch unsicher. Ich zeige dafür ein gewisses Verständnis, aber ich frage mich schon: Warum ich? Natürlich vertraue ich den deutschen Behörden mehr als denen in den USA. In den Protesten sehe ich eine Chance. Auch, weil viele Weiße dabei sind, die Proteste sind vielfältig. Ich finde es ermutigend, wie solidarisch die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland ist. Es darf aber nicht bei den Demonstrationen bleiben, es muss auch entsprechende Gesetze geben."



Das N-Wort wird noch immer benutzt

Sylvie Nantcha, 45, promovierte Germanistin und Sprachwissenschaftlerin, ist ehemalige CDU-Stadträtin in Freiburg, Initiatorin und Bundesvorsitzende von The African Network of German (TANG): "Ich würde behaupten, dass das seit Martin Luther King die größte Protestbewegung ist, nicht nur in den USA. Die ganze Welt solidarisiert sich mit der Familie von George Floyd und blickt auf den Rassismus in den USA. Aber die Menschen anderer Länder stellen sich auch die Frage, wie es bei ihnen aussieht. Auch wir in Deutschland haben ein Problem mit Rassismus. Menschen afrikanischer Herkunft können ein Lied davon singen: Ob das die schwarze Ärztin im Krankenhaus ist, die von Patienten zu hören bekommt, dass sie nicht von ihr behandelt werden möchten, oder schwarze Menschen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln immer wieder kontrolliert werden. Ich erinnere mich, wie ich in einem Waggon mit gut hundert Menschen als Einzige kontrolliert wurde. Ich habe dann die drei Polizisten auf das Thema Racial Profiling hingewiesen und gesagt, dass ich meinen Ausweis nur zeige, wenn sie auch andere Menschen im Waggon kontrollieren. Als ich gesagt habe, dass ich in Freiburg Stadträtin bin, haben sie sich entschuldigt und sind gegangen.

Was Alltagsrassismus betrifft: Natürlich kenne ich auch die Frage: Woher kommen Sie und wann gehen Sie zurück? Auch ich kenne den Eindruck, dass man nie dazugehören wird, einfach weil man anders aussieht – die Menschen können sich einfach gar nicht vorstellen, dass viele Afrikaner auch Deutsche sein können. Und wenn ich dann antworte, dass ich Deutsche bin und für immer hier bleibe, muss ich entweder mit bösen Rückmeldungen oder großen Augen rechnen. Menschen wissen immer noch nicht, dass das N-Wort verletzend ist und nicht mehr benutzt werden soll. Es ist weiterhin salonfähig, auch unter Wissenschaftlern und Politikern, die doch wissen müssten, dass es politisch nicht korrekt ist. Als ich 2012 für den Bundestag kandidiert habe, haben Bekannten auf Veranstaltungen von Leuten gehört, die sich nicht von einer ‚N’ im Bundestag vertreten lassen wollen. Das war für mich ein Schock.

Ich wünsche mir von dieser großen Bewegung, dass das Thema Rassismus benannt, erkannt und darüber diskutiert wird. Und dass Menschen vielleicht ihr Verhalten infrage stellen. Oder dass sie, wenn sie rassistische Fälle erleben, laut werden und sich einmischen.

Von der Politik erwarten wir als TANG, dass der neue Kabinettsausschuss gegen Rechtsextremismus und Rassismus das Thema Rassismus gegen schwarze Menschen wahrnimmt, benennt und bekämpft. In seinem ersten Bericht wird über Rassismus gegen Muslime, Juden und Sinti und Roma gesprochen, aber mit keinem einzigen Wort wird auf 22 Seiten das Thema Rassismus gegen Schwarze erwähnt. Und wir wünschen uns eine zentrale, unabhängige Beschwerdestelle für Übergriffe auf Schwarze und dass unabhängig Fakten und Daten erstellt und Forschungsprojekte zum Thema finanziert werden. Die UN haben schon 2001 erkannt, dass Menschen afrikanischer Abstammung auf der Welt Rassismus mehr ausgesetzt sind als andere Menschen. Auch Deutschland hat diese UN-Dekade unterschrieben und sich verpflichtet, den Aktionsplan umzusetzen. Bis heute ist aber nichts passiert.



Ermüdende Konfrontationen

Roy Fedricks Zelaya, 39, Altenpfleger aus Lahr, seit elf Jahren in Deutschland: "Wenn ich mit meiner weißen Frau unterwegs bin, lächeln Fremde auf der Straße zurück oder beachten mich nicht. Wenn ich alleine unterwegs bin, weichen Frauen auf die andere Straßenseite aus, wenn ich vorbeigehe. Sie fahren schneller, wenn ich mit dem Fahrrad hinter ihnen fahre, und klemmen ihre Handtaschen fester unter ihren Arm. Wenn ich gut drauf bin, rufe ich ihnen zu: "Keine Angst, ich bin zwar schwarz, aber ich klaue ihnen ihre Handtasche nicht." Dann schauen sie verlegen weg, weil sie sich ertappt fühlen. Es gibt aber auch Tage, da macht es mich richtig wütend, wenn die Menschen mit mir sprechen, als wäre ich schwer von Begriff, nur weil ich anders aussehe als sie: wenn sie sehr laut und überdeutlich mit mir sprechen, als würde ich nicht gut hören. Wenn sie mich in einer Schlange ignorieren und sich vordrängeln. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich in einem Sportgeschäft ohne Grund aufgefordert wurde, meinen Rucksack zu öffnen. Eigentlich hätte ich mich verweigern und Anzeige erstatten müssen, aber oft ist diese ständige Konfrontation ermüdend. Dann öffne ich eben den Rucksack, erkläre ihnen, dass ich einen Job habe und es nicht nötig habe, zu klauen. Versuche einfach, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen, und den Menschen mit Worten begreiflich zu machen, dass das, was sie da tun, Unrecht ist. Viele Weiße hier realisieren nicht einmal, dass sie in Stereotypen denken, sind verwundert oder glauben einem nicht, wenn man ihnen von solchen Situationen berichtet. Oder tun zumindest so, als seien es nur die anderen, die sich rassistisch verhalten. Doch wenn ihnen ein Schwarzer begegnet, reagieren sie ganz genauso."



Alle haben Vorurteile

Jonas Bakoubayi Billy, Archivar bei der Freiburger Erzdiözese: "Alle Menschen wachsen mit ihren Vorurteilen auf, das geht auch mir so. Als ich 2001 zum Studium nach Deutschland kam, dachte ich, dass Professoren alle einen Bart und einen dicken Bauch haben. Als ich dann meinen ersten Professor sah, war ich richtig enttäuscht: Er war sehr schlank, so eine richtige halbe Portion. Ich habe ihn deshalb gefragt, ob er sich sicher sei, dass er ein Professor ist – was seine Frau, die daneben stand, aber gar nicht lustig fand. Auch die Deutschen haben ihre Vorurteile und Gott sei Dank werde ich eher selten mit ihnen konfrontiert. Aber erst in diesem Jahr ist mir in einem Freiburger Computergeschäft eine eher unschöne Sache passiert. Ich wollte zusammen mit einem Bekannten einen neuen Laptop kaufen. Doch der Verkäufer schaute meinen Bekannten an und fragte ihn allen Ernstes, ob ich denn lesen könne. Ich schaute den Verkäufer daraufhin tief an, und seinem Schweigen habe ich entnommen, dass er verstanden hat, wie unverschämt die Frage war. Dass ich nicht nur studiert, sondern darüber hinaus auch promoviert habe, habe ich ihm aber nicht erzählt – ich bin ein eher bescheidener Mensch. Den Laptop habe ich trotzdem gekauft – und mich nicht allzu sehr über diesen Mann geärgert. Das Leben ist viel zu kurz, um sich über so etwas zu ärgern."