10.000 Teilnehmer

Wie war’s bei… der Demo von Fridays for Future in Freiburg?

Hannes Selz, Anika Maldacker

Von Hannes Selz & Anika Maldacker

Fr, 24. Mai 2019 um 16:40 Uhr

Freiburg

So viele Menschen wie noch nie haben am Freitag an der Fridays-for-Future-Demo in der Freiburger Innenstadt teilgenommen. Die Kaiser-Joseph-Straße war Schauplatz eines "Die-ins".

Der erste Eindruck

Schon von weitem ist laute Musik zu hören. "Hurra die Welt geht unter" oder "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es ist nur deine Schuld wenn sie so bleibt", schallt es aus den Boxen am Platz der Alten Synagoge. Die Stimmung vor der Demonstration ist ausgelassen und freundlich.

Wie viele sind da?

Nach Angaben der Polizei und des Organisationsteams machen sich bis zu 10.000 Demonstrierende vom Platz der Alten Synagoge auf den Weg. Das ist ein neuer Rekord, bei der letzten Demo im März waren rund 5.000 Schülerinnen und Schüler nach Freiburg gekommen. Die Klimabewegung Fridays for Future hat für diesen Freitag einen globalen Streiktag aufgerufen. Weltweit demonstrieren junge Menschen für mehr Klimaschutz.



Die Aktionen

Zunächst gibt es am Platz der Alten Synagoge eine Kundgebung sowie einen Auftritt des Rappers Gordi aus Frankfurt, der in Freiburg aufgewachsen ist. Dann machen sich die Streikenden auf den Weg: An der Unibibliothek vorbei und über die Rempartstraße geht es zum Martinstor. Auf der Kaiser-Joseph-Straße dann der "Die-In", eine typische Aktionsform der Bewegung, bei der sich die Demonstrierenden plötzlich wie tot auf den Boden legen. Aufgrund der großen Anzahl an Streikenden ist die Umsetzung der Aktion schwierig. Die Kaiser-Joseph-Straße verwandelt sich dennoch für zehn Minuten in ein Meer aus sitzenden und liegenden Teenagern.

Danach geht es vom Europaplatz aus zum Hauptbahnhof und dann zurück zum Platz der Alten Synagoge. Nach einem erneuten Auftritt von Gordi kann zum Abschluss beim "offenen Mikrofon" jeder eine Rede halten. Eine Altersquote sorgt dafür, dass vor allem die Jüngsten unter den Demonstranten zu Wort kommen.



Wer ist da?

Tausende Schülerinnen und Schüler, vor allem aus dem Großgebiet Freiburg, aber auch aus ganz Südbaden, sorgen für einen gewaltigen Pulk, der den Verkehr in der Innenstadt für kurze Zeit lahmlegt.

Die Teilnehmer ziehen am Ende des Marsches eine positive Bilanz. Christian und Paul, beide 13 Jahre alt, sind zum ersten Mal bei einer Demonstration dabei: "Unser Klassenlehrer hat uns empfohlen, hier herzukommen", sagt Christian. "Die meisten Lehrer finden die Streiks super, aber sie dürfen es halt nicht offiziell empfehlen." Amelie, die nächste Woche ihren 14. Geburtstag feiert, findet die Demo "voll cool." Heute Morgen hätte sie einen Lateintest geschrieben und sei "danach einfach aufgestanden und hier hergekommen." Auch sie betont die Befürwortung ihrer Lehrer: "Im Prinzip finden die meisten es richtig gut. Zudem können die Lehrer uns ja auch nicht aufhalten."

Julia (14) und Mirija (13) sind wie viele Streikenden noch zu jung, um zu wählen. "Wir haben eher nicht das Gefühl, dass wir in der Gesellschaft eine Stimme haben", sagt Julia und Mirija fügt hinzu: "Zumindest nicht, wenn wir kein Zeichen setzen können wie heute."

Neben den Schülerinnen und Schülern nehmen auch andere Gruppen und viele Erwachsene an der Demo teil. Die "Parents for Future" sowie "Scientists for Future" stehen im engen Austausch mit der Fridays-for-Future-Bewegung. Daneben sind auch viele Studenten am Start. "Unser Ziel ist es, die Jugendlichen zu unterstützen und zu informieren, wenn beispielsweise Pressetermine anfallen", sagt Leonhard Probst von Scientists for Future.

Thomas Schmitt engagiert sich mit rund 230 Erwachsenen bei Parents for Future. "Wir unterstützen die Bewegung argumentativ sowie mit kleinen finanziellen Mitteln", erzählt der 63-Jährige während des Protestlaufs. Schmitt, der mittlerweile drei erwachsene Kinder hat, war bereits in der Friedensbewegung der 1980er-Jahre aktiv. "Die beiden Bewegungen sind nicht miteinander vergleichbar", zieht er einen Vergleich zu damals. "Es ist ein Novum, dass eine Bewegung von solch jungen Leuten ausgeht. Bei der Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1980ern waren die Initiatoren hauptsächlich Studenten und junge Erwachsene."



Die Themen

Das hauptsächliche Thema dieses Streiks sind die Europa- und Kommunalwahlen am Sonntag und ein Appell an die Demonstranten, die Chance zu ergreifen und das Kreuzchen an der richtigen Stelle zu setzen. "Geht wählen oder wenn ihr noch nicht dürft, überzeugt eure Eltern, Großeltern, Verwandte und Bekannte, die richtige Wahl zu treffen. Lasst uns diese Wahlen zu Klimawahlen machen", rief Felix Quartier von der Freiburger Fridays-for-Future Ortsgruppe von der Bühne aus den Streikenden zu.

Ein weiteres Thema ist ein Forderungspapier, das die Ortsgruppe Freiburg am vergangenen Freitag dem Oberbürgermeister Martin Horn übergeben hat. Als Ziele formulierten die Schülerinnen und Schüler unter anderem eine hundertprozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien bis im Jahr 2030, die baldige Einführung einer City-Maut für den motorisierten Verkehr sowie Maßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt.

"Wir haben von vielen Listen eine positive Resonanz bezüglich unserer Forderungen erhalten", sagt Niklas Koch, der seit der Demo im März bei der Freiburger Ortsgruppe für die Pressearbeit zuständig ist. "Wir werden uns nach der Wahl dahinterklemmen, dass die Forderungen umgesetzt werden. Das wäre schon ein anderes Kaliber als bloß ein Streik, falls wir politisch in der Stadt etwas verändern können." Mit Horn gebe es bereits Gespräche darüber, ob die Ortsgruppe ihre Ideen vor dem Gemeinderat vortragen darf.

Explizit gibt an diesem Tag keiner eine Wahlempfehlung ab – weder für die Kommunal-, noch für die Europawahl. "Es sind einige Listen, die gemeint haben, unsere Forderungen unterstützen zu wollen", betont Koch. Demonstrationsteilnehmer Elias Brauch von der Grünen Jugend findet es nicht schlecht, dass die Ortsgruppe ein klares Bekenntnis zu einer Partei oder Liste vermeidet: "Es geht hier nicht um eine einzelne Partei. Das Ding ist, dass man wählen geht und das Kreuzchen bei einer Partei setzt, die den Klimaschutz umsetzten wird."



Die Atmosphäre

Freundlich und friedlich geht es auf der Veranstaltung zu. Für Gänsehautmomente sorgen vor allem die knapp Acht- bis Zehnjährigen, die auf der abschließenden Kundgebung das Wort ergreifen: "Es ist Zeit, zu handeln, Klimaschutz statt Kohleschmutz, Politiker hört auf damit", ruft ein Junge ins Mikrophon und erntet dafür flammenden Applaus. Ein anderer propagiert: "Wenn Lehrer oder andere uns sagen, dass unsere Bewegung nichts bringt, müssen wir trotzdem genauso weitermachen."

Die besten Plakate

Hunderte Plakate und Fahnen fordern die Politiker dazu auf, etwas gegen die Missstände in Sachen Klimaschutz zu unternehmen. Neben den bereits als klassisch einzustufenden Plakaten wie "There ist no Planet B" gibt es auch einige ausgefallene Ideen: "Auf dieser Titanic fehlt noch die Panik", heißt es auf einem. Auf anderen: "Mama, was ist ein Eisbär?", "Wir lernen nicht für eine zerstörte Zukunft" und "Die Dinos dachten auch, sie hätten Zeit."



Fazit

Die Fridays-for-Future-Bewegung wird immer größer. 10.000 Menschen, die friedlich und gut gelaunt durch die Innenstadt ziehen, sind ein Indiz dafür, dass die Jugend nicht mehr passiv zuschauen wird, was in den nächsten Jahren auf politischer Ebene passiert. Das verdeutlichen auch die konkreten Forderungen der Freiburger Ortsgruppe an die Politik.

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