Psychedelische Welten

Wie war’s bei … Flying Lotus und Aïsha Devi in Basel?

Bernhard Amelung

Von Bernhard Amelung

So, 16. Juni 2019 um 13:33 Uhr

Rock & Pop

"On" heißt eine neue Veranstaltungsreihe des Kunstmuseums Basel, die Musik, bildende Kunst und Design verbinden soll. Der Auftakt fand während der Art Basel statt. Wie’s war.

Der erste Eindruck

Lewis Carroll hat recht. Das Land hinter den Spiegeln gibt es tatsächlich. Es liegt im Untergeschoß des Neubaus des Basler Kunstmuseums am St. Alban-Graben. Doch anders als im 1871 unter dem Titel "Through the Looking-Glass" erschienenen Roman des englischen Schriftstellers begegnet man dort keinem strickenden Schaf oder dem Ei Humpty Dumpty.

Wer durch den Spiegelgang geht, kommt in einen lichtdunklen Raum-im-Raum, der von Bühne, Leinwand und kreisförmigen, seitlich arenaartig ansteigenden Stufen abgeschlossen wird. Auf der Leinwand jagt ein Lichtimpuls den anderen. Mal tritt es in scharf gebündelter Form auf. Mal fließen die Impulse ineinander. Digitale Farb- und Formenspiele, die den Sound, der durch die Lautsprecher perlt, optisch ergänzen: Trippige Synthesizerpads und perkussive Metamorphosen. Ein Wunderland aus Klängen und Tönen.

Der Ort

2016 hat der Neubau des Kunstmuseums Basel eröffnet. Entworfen haben ihn die Basler Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein. Wie ein erratischer Körper steht er in der Innenstadt. Übergroß. Wuchtig. Als ob er dort nicht wirklich hingehört.

Ganz so wie die Musik der Musikerinnen und Musiker, die zur ersten Ausgabe der Veranstaltungsreihe "On" an diesem Samstag auftreten. Es sind Laurel Halo, Aïsha Devi, Flying Lotus, Michal Turtle, Suso Saiz, die mit ihrem Sound auch- beim ersten Anhören – wirr, gar willkürlich zwischen diversen Genre der elektronischen Musik hin- und her bewegen und im Vergleich zu anderen Künstlern der Gegenwart erratisch wirken.

Das Publikum

Leder knirscht. Perlenketten klirren. Stiletto-Absätze klackern: In Basel findet "die Art" statt, die weltgrößte Kunstmesse. "On" im Kunstmuseum flankiert diese Veranstaltung, und so trägt das internationale Publikum auf, was Modeschöpfer zwischen New York, Mailand und Tokio entwerfen. Zwischen die Vertreterinnen und Vertreter der bunt schillernden Kunstwelt mischen sich ältere Männer in dezent grauen Anzügen und Hornbrille, in der Hand ein Glas Sekt oder einen Gin and Tonic. Kultursponsoren und Mäzene vielleicht. Das Schöne am Halbdunkel eines Raumes, ganz gleich ob Bar oder Club: Man sieht sein Gegenüber nur grobkörnig, unscharf, wie durch einen Nebel hindurch. Wenn alles sich auflöst, kann auch kein schöner Schein mehr trügen.

Die Auftritte der Musikerinnen und Musiker

Michal Turtle und Suso Saiz: An Synthesizer und Perkussion entwerfen Michal Turtle, als Michael Turtle in England geboren, und der Spanier Suso Sáiz, eigentlich Jesús Sáiz Alcántara, akustische Unterwasserwelten. Die Synthesizerklänge und perkussiven Rhythmen perlen, blubbern, zischen. Wer sich auf ihren ambienten Tiefsee-Sound einlässt, kann sich darin leicht verlieren. So muss es auch Jamie Tiller und Tako Reyenga gegangen sein, zwei Discjockeys, die auf ihrem Plattenlabel Music From Memory 2016 und 2018 die Musik des Engländers Turtle neu aufgelegt haben ("Phantoms Of Dreamland" und "Return To Jeka").

Aïsha Devi: Aus dem Urmeer in eine zerklüftete Felsenwelt. Der Kontrast zur Performance der Schweizerin Aïsha Devi könnte kaum größer sein. Bis 2012 hat sich die Elektronikmusikerin mit Techno auf Plattenlabel wie Border Community und Mental Groove einen Namen gemacht. Der Name des letztgenannten Plattenlabels ist auch Programm für den Sound, den sie inzwischen unter ihrem bürgerlichen Namen veröffentlicht. Mit energetischen Drums und hypnotisierendem Gesang entwickelt sie eine spirituelle Atmosphäre, die das Publikum in Trance versetzen kann. Klanggeschichten für den Wirklichkeitsverlust. Mental Groove eben.

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Flying Lotus: Geheimniskrämerei von Anfang an. Die Spielzeit von Flying Lotus, 1983 als Steven Ellison im San Fernando Valley in Kalifornien geboren, wird nicht bekannt gegeben. Das ist auch gut so. Es erzieht das Publikum, früh zu erscheinen, sich auf andere Künstler einzulassen und den Abend als Gesamtkonzept auf sich wirken zu lassen.

Ellison, der 2006 sein Debütalbum "1983" veröffentlicht und schon kurz darauf vom englischen Plattenlabel Warp Records unter Vertrag genommen wurde, führt die Königsklasse der Produzenten an, die aus der Beatszene seiner kalifornischen Heimat Los Angeles entstammen. Als Enkel von Marilyn McLeod, die Songs für Marvin Gaye und Diana Ross geschrieben hat, als Großneffe der Jazzmusikerin Alice Coltrane, hätte er es leicht gehabt, in dieselbe musikalische Kerbe zu schlagen: Das Erbe von Jazz, Soul, Funk zu bewahren.

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In gewisser Weise macht er das auch. Für seine Stücke geht er mit Ravi Coltrane und Herbie Hancock zusammen. Er arbeitet mit Kamasi Washington, Anderson.Paak und Kendrick Lamar, die Neuerer des Jazz, Soul und HipHop. Auf seinem aktuellen Album "Flamagra", im Mai dieses Jahres erschienen, finden sich so illustre Gäste wie David Lynch und Solange Knowles ein. Seit seinem Album Cosmogramma, das 2010 erschienen ist, arbeitet er mit dem Funk-Bassisten Thundercat, dessen Slap-Bass die Stücke zusammen hält.

Ein so tiefes, festes Fundament brauchen sie auch. Denn als Flying Lotus dekonstruiert Ellison den Jazz, Funk, Soul und HipHop nach Herzenslust jeweils in ihre atomaren Bestandteile. Diese nimmt er, verfremdet sie und baut daraus sein eigenes Periodensystem der Genre. So stehen seine Songs ebenfalls erratisch im Raum. Übergroß. Wuchtig. Als ob sie dort nicht hin gehören. Sie brauchen Platz zum Spielen – und zum Nachwirken.

Die Visuals

"Wie verwirrt man von dem vielen Wechseln wird! Ich weiß nie, wie ich den nächsten Augenblick sein werde! Doch jetzt habe ich meine richtige Größe: nun kommt es darauf an, in den schönen Garten zu gelangen." Was Alice in Lewis Carrolls Roman "Alice im Wunderland" sagt, nachdem sie ein Stück vom Pilz der Pfeife rauchenden Raupe geknabbert hat, trifft auch auf die Bildwelten zu, die Ezra Miller an diesem Abend auf die Leinwand im Kunstmuseum Basel zaubert. Farbketten und -reihen, geometrische Figuren, die sich kaleidoskopisch verformen, fantastische Welten und Figuren: Man wird verwirrt von den vielen, rasanten Wechseln, man weiß nie, was im nächsten Augenblick kommt. Ein psychedelischer Trip.

Fazit

Großer Auftakt für eine neue Veranstaltungsreihe.