Wilde Tiere, wilde Nächte

Christa Sigg

Von Christa Sigg

Sa, 27. Juni 2020

Literatur & Vorträge

Ein postumer Band des Fotografen Peter Beard.

Er ist immer wieder verschwunden. Oft genug schlug er sich durch die afrikanische Wildnis zu Elefanten und Nilpferden. Auf der anderen Seite ist Peter Beard nur zu gern ins Nachtleben abgetaucht; dann zog er mit Prominenten und hübschen Girls bis zum Morgengrauen durch die Bars. Ende März hatte sich der 82-jährige Starfotograf in ein Naturschutzgebiet auf Long Island aufgemacht. Am 19. April wurde seine Leiche gefunden.

Für einen großen Medienauftritt hätte es diesen Abschied nicht gebraucht. Beard war mit seinen Bildern präsent, der Erfolg riss nie ab. Die Veröffentlichung eines Fünf-Kilo-Prachtbands war lange geplant. Gleich einem Vermächtnis führt er nun dieses Œuvre noch einmal mit Wucht vor Augen. Tatsächlich liefert der einfach "Peter Beard" betitelte Band eine Flut von Fotografien, die in den meisten Fällen üppig collagiert sind: mit Zeichnungen, Zeitungsschnipseln, Schriftzügen.

Und natürlich findet man beide Welten. Jackie Kennedy, die Jaggers, Andy Warhol und Truman Capote, aber auch stolze Massai-Krieger, Leoparden und testosteronpralle Großwildjäger. Dann wieder eine gazellenhafte Nackte, die eine Giraffe füttert oder blankbusige Schönheiten aus Nairobi. Drastisch sind die Tierkadaver und Knochenreste, die Beard 1965 zum ersten Mal in "Die letzte Jagd" veröffentlicht hat und die ihm den Durchbruch bescherten. Denkt man sich die Collagen weg, erinnern seine Schlangen, Krokodile und Löwen an die eindringlichen Bilder der Kriegsfotografen. Überall lauert Gefahr. Doch es ist ja anders: Die Welt wilder Tiere wird immer weiter ausgelöscht.

Beard litt seit Längerem an Demenz, und im Grunde tat er Ende März das, was er immer tat: hinaus in die Wildnis gehen. Elefanten sondern sich zum Sterben ab von der Herde, legen sich nieder und warten auf den Tod. Ob es Beard intuitiv seinen Lieblingstieren nachtun wollte, wird man nicht mehr erfahren.

Peter und Nejma Beard: Peter Beard.
Taschen Verlag, Köln 2020. 770 Seiten,
100 Euro.