Würdigung

Wim Wenders wird 75: Der Poet der Lichtspielkunst

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Do, 13. August 2020 um 21:33 Uhr

Kino

Sein jüngster Film über Edward Hopper ist in der Fondation Beyeler in Riehen zu sehen: Heute wird der große Filmemacher Wim Wenders 75.

Sein jüngster Film wird bisher nur in Basel gezeigt, aber da dürften ihn inzwischen auch schon weit über 100 000 Menschen gesehen haben: Wim Wenders drehte den 3D-Kurzfilm "Two or Three Things I Know about Edward Hopper" eigens für die laufende Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen. Wobei er natürlich ein bisschen mehr als zwei oder drei Dinge über Hopper (1882–1967) weiß – der melancholische Maler des Amerikanischen Realismus ist unübersehbar im Werk des renommiertesten deutschen Autorenfilmers der Gegenwart, der am heutigen Freitag 75 Jahre alt wird.

Ob in "Der amerikanische Freund" (1977), "Paris, Texas" (1984), "Am Ende der Gewalt" (1997), "The Million Dollar Hotel" (2000) oder "Don’t Come Knocking" (2005): Immer wieder erscheint ein Moment, ein Fluidum, eine Szene wie ein Bewegung gewordenes Gemälde von Hopper. Der freilich nicht der einzige Maler ist, von dem sich der Regisseur geprägt sieht – Paul Klee und Jan Vermeer, sagte er in einem Interview, hätten ihn vielleicht noch tiefer berührt.

In seiner Jugend wollte Wim Wenders selbst Maler werden – aber auch Priester oder Arzt. Der in Düsseldorf geborene Sohn eines Chirurgen, aufgewachsen in einem konservativ katholischen Elternhaus, begann Studien in Medizin, Philosophie und Soziologie, unter anderem in Freiburg, und beschäftigte sich mit Aquarellmalerei und Radierung, bevor er über Paris und München zu seiner eigentlichen Profession fand. Seine Filme künden allesamt von diesem weiten künstlerischen und gesellschaftsphilosophischen Horizont. Sie sind Gemälde unserer Zeit, durchpulst vom Sound der Gegenwart, nicht nur die Musikdokus wie die über den Buena Vista Social Club (1999) oder BAP (2002).

Das Kino, mit dem sich Wenders seit einem halben Jahrhundert ins visuelle Gedächtnis einschreibt, eröffnet dem Bild die dritte Dimension. Auch im Wortsinne: So hat er seine Doku "Pina" (2011) über das Tanztheater Wuppertal oder jetzt die Hopper-Hommage in 3D realisiert und auch sein neues Projekt stereoskopisch geplant, eine Langzeitdokumentation über den Schweizer Architekten Peter Zumthor. Der Filmemacher schwärmt für die Möglichkeiten von 3D – und beklagt ihre Entwertung durch ein Actionkino, das den Zuschauer bloß anspringen und damit schnelle Kasse machen will.

Er selbst drehte immer ohne Kalkül. Mit vollem Risiko des künstlerischen Scheiterns, des kommerziellen sowieso. Wenders begreift seine Arbeit als immersiv, wie er es einmal im Gespräch mit der Badischen Zeitung nannte, als Eintauchen in die Welt seiner realen und fiktiven Figuren. Er erzählt von Liebenden, Suchenden, Einsamen und Gestrandeten, von Künstlern, Kriminellen und zuletzt einem Papst. Und zwar auf eine Weise, die das Publikum spaltet in Entzückte und Entnervte.

Wer eine Handlung im herkömmlichen Sinne erwartet, einen Plot, den man in drei Sätzen umreißen kann, dürfte von seinem Werk gelangweilt sein. Das trifft exemplarisch auf das Drama "Der Himmel über Berlin" (1987) zu, für das sein alter Freund Peter Handke (in der bereits vierten Zusammenarbeit der beiden) Texte beigesteuert hat.

Für viele Cineasten aber ist dieser Film, in dem Bruno Ganz und Otto Sander als Engel der Menschenliebe über der Stadt wachen, sein schönster überhaupt. Weil er so vieles zeigt von dem, wofür das Œuvre des Regisseurs steht: einen zärtlichen Blick, meditative Ruhe und existenzielle Traurigkeit, sorgfältig komponierte, betörende Bilder (hier in schwarz-weiß), atmosphärische Dichte, metaphysische Tiefe und pathetische Überhöhung, Sinnlichkeit, Geheimnis und ein Echo von der Melodie des Lebens.

Seine Werke wurden weltweit gefeiert, er bekam die Goldene Palme von Cannes und den Goldenen Löwen von Venedig, Oscarnominierungen, Ehrendoktorwürden, Professuren und (als erster Filmschaffender überhaupt) den Orden "Pour le Mérite", dazu natürlich etliche Filmpreise in Europa und den USA, wo er mehr als zehn Jahre lang überwiegend lebte.

Wim Wenders ist ein Wanderer zwischen den Welten, im geographischen wie im künstlerischen Sinne, einer, für den Orte nicht nur Settings sind, sondern Spielfelder des Daseins. Einer, der Malerei, Fotografie, Musik, Literatur, Theater und Tanz ins Gespräch miteinander bringt. Ein Poet der Lichtspielkunst. Solange der Film die hat, muss einem um seine Zukunft nicht bange werden.

Filme von und über Wim Wenders: Die ARD würdigt den Regisseur mit einer sensationellen Werkschau und präsentiert noch bis 14. September in der Mediathek 28 seiner Spielfilme und Dokus, dazu Kurzfilme und Interviews. Heute um 23:50 Uhr wird ebenfalls in der ARD das dokumentarische Porträt "Wim Wenders, Desperado" von Eric Friedler und Andreas "Campino" Frege gezeigt (das derzeit auch im Kino zu sehen ist), danach laufen "Buena Vista Social Club" und "Der Himmel über Berlin".