"Ich habe mir gesagt, ich schaffe das"

Sonja Zellmann

Von Sonja Zellmann

Di, 13. Juli 2021

Liebe & Familie

BZ-INTERVIEW mit Fränzi Kühne, Geschäftsfrau und Aufsichtsrätin, über die Quote und darüber, was Männer nie gefragt werden.

Fränzi Kühne ist erfolgreiche Unternehmerin und wurde 2017 mit 34 Jahren jüngste Aufsichtsrätin eines börsennotierten Unternehmens in Deutschland. Seither hat sie zahlreiche Interviews über ihren Werdegang gegeben. Und wurde darin immer wieder nach Dingen gefragt, die bei erfolgreichen Männern kaum eine Rolle spielen: ihre Frisur, ihre Turnschuhe und wo ihre Kinder gerade sind. Weniger wichtig dabei: ihre berufliche Kompetenz. Kürzlich hat Kühne ein Buch veröffentlicht, in dem sie all diese Fragen Karrieremännern stellt. Was dabei herausgekommen ist, hat sie Sonja Zellmann erzählt.

BZ: Sie haben mit 22 Männern gesprochen, darunter Außenminister Heiko Maas, Ex-RTL-Chef Helmut Thoma und Julian Otto alias Rapper Bausa. Wie haben die Männer auf die Fragen reagiert?

Kühne: Meine Abschlussfrage war immer: Hat sich das Interview für Sie komisch angefühlt? Die meisten sagten dann: Nö, warum? Als ob sie die Fragen dauernd hören würden. Als ich aber etwas nachgebohrt habe, bezeichneten viele die Fragen als gleichzeitig sehr oberflächlich und persönlich. Fynn Kliemann beispielsweise, Youtuber, Musiker und Unternehmer, wurde im Gespräch immer kürzer angebunden und richtig patzig. Als ich ihm sagte: Du, das sind genau die Fragen, die mir immer gestellt werden, hat er sich wahnsinnig darüber aufgeregt, wie anmaßend und respektlos sie seien. Er war das gar nicht gewohnt, weil er, wie er sagt, sonst sehr wertschätzend und auf seine Karriere bezogen befragt wird. In Interviews mit erfolgreichen Frauen haben Fragen aber oft den Unterton: Wie kannst du das geschafft haben, das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.

"Er fand die Fragen

anmaßend und respektlos"

BZ: Gab es Reaktionen, die Sie nicht erwartet hatten?

Kühne: Absolut, ich dachte, das würde viel lustiger werden. Oder dass die Männer auflegen würden, weil sie die Fragen unverschämt finden könnten. Ich bekam aber oft sehr ernsthafte, überlegte Antworten. Dabei kamen interessante Sachen heraus. Zum Beispiel, dass Gregor Gysi alleinerziehender Vater im Osten war. Er erzählte, dass er damals sehr viel Anerkennung und Hilfe bekommen hat – ganz anders als Frauen aus seinem Wohnhaus in derselben Situation. Es wurde auch klar, welche Opfer die Männer für ihre Karriere bringen, und dass es da viel Reue gibt. Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser bedauert zum Beispiel, dass er den ersten Schultag seiner Tochter verpasst hat. Geschichten wie die verdeutlichen, dass sich Männer in hohen Positionen ihrer Vorbildfunktion oft gar nicht bewusst sind. Das sollten sie für junge Männer aber viel stärker sein, finde ich. Damit diese später nicht bereuen müssen, sollten die Älteren ihnen mitgeben: Überlegt euch gut, welche Prioritäten ihr setzen wollt!

BZ: Warum haben Sie es geschafft, beruflich so erfolgreich zu sein?

Kühne: Ich habe mit Mitte 20 mein Unternehmen gegründet und konnte mich da total reinfallen lassen, weil ich keine weitere Verantwortung hatte. Später dann, als ich die Chance bekam, in den Aufsichtsrat zu gehen, habe ich diese ergriffen, obwohl ich eigentlich nicht in der Öffentlichkeit stehen und so eine Verantwortung haben wollte. Es war eine sehr bewusste Entscheidung, diesem inneren Impuls zu widerstehen. Ein Grund ist sicher auch, dass ich es geschafft habe, mir eine gewisse jugendliche Leichtigkeit zu bewahren – die Positivität, zu glauben, dass das, was ich mache, schon gut wird.

BZ: Sie sagen, dass Ihre Entscheidung für den Aufsichtsrat eine sehr bewusste war – weshalb? Viele Frauen wagen diesen Schritt nicht, wie ihnen ja auch oft vorgeworfen wird.

Kühne: Ich finde, wir müssen viel öfter unsere Chancen ergreifen, auch wenn wir innerlich nicht wollen. Ich habe mich nicht sehr vorbereitet gefühlt und habe trotzdem gesagt: Ich schaffe das. Man wächst da rein. Daran glauben Männer viel eher. Dieses Selbstvertrauen zu haben, wünsche ich viel mehr Frauen.

BZ: Sie sind für die Frauenquote in Unternehmen. Weshalb?

Kühne: Ich bin ja selbst durch die Quote an meinen Aufsichtsratsposten gekommen. Ohne Quote gibt es keinen Impuls, das klassische Besetzungsschema zu ändern. 2017 gab es mehr Thomasse und Michaels in den Vorständen großer deutscher Unternehmen als Frauen insgesamt. Vorstände befördern gerne ihr Spiegelbild, was ja total menschlich ist. Jeder arbeitet gern mit ähnlichen Leuten zusammen. Daher brauchen wir die Quote als Krücke, damit wir es schaffen, dass 30 Prozent Frauen in den Chefetagen landen. Erst dann ändert sich langfristig die Unternehmenskultur, das ist wissenschaftlich erwiesen.

BZ: Wie fühlt es sich an, so oft auf sein Frausein reduziert zu werden?

Kühne: Das Problem ist, dass sich die Rollenbilder verfestigen, wenn man sie immer reproduziert. Fragen nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben ja durchaus eine Berechtigung, aber es ist einfach ungleich, dass Männer danach nicht gefragt werden. Für mich selbst sind die Fragen furchtbar langweilig.

BZ: Was denken Sie, woher kommen diese spezifischen Frauenthemen?

Kühne: Die Gesellschaft braucht sie, um die Dinge einordnen zu können. Bei Männern ist das Thema Klamotten, wenn überhaupt, Requisite, Frauen werden dadurch erst sichtbar gemacht. Nicht ihre Kompetenz, sondern das Aussehen stellt oft die Frau dar. Heiko Maas habe ich darauf angesprochen, dass er zum bestangezogensten Politiker gewählt wurde. Er sagte darauf, er möge das gar nicht, auf die Kleidung reduziert zu werden. Da kann ich nur sagen: Kenn ich. Wir haben so viele Probleme und sprechen über Kleidung – das können wir uns echt nicht leisten.

BZ: Was muss sich ändern?

Kühne: Quoten sind natürlich ein wichtiges Instrument, aber letztendlich geht es um eine gesamtgesellschaftliche Veränderung und die fängt mit dem Bewusstsein für Diversität an. Deshalb kann ich nicht verstehen, warum gendergerechte Sprache oft so abgetan wird. Denn Sprache trägt wesentlich zu unseren Rollenbildern bei. Und junge Frauen brauchen starke Rollenbilder, um sich mit ihnen zu identifizieren. Dieser gesamtgesellschaftliche Prozess muss viel schneller in Gang kommen. Auch deshalb habe ich das Buch geschrieben, um die Debatte weiter anzustoßen. Ich empfehle jedem Unternehmen, nicht auf die Politik zu warten, sondern selbst kreativ zu werden, um gleichberechtigteres Arbeiten zu ermöglichen, zum Beispiel mit Bonussen für Vätermonate oder Jobsharingmodellen in Chefpositionen. Schlaue Unternehmen geben sich schon im Mittelmanagement eine Quote, um daraus später ihre Führungskräfte zu rekrutieren.

BZ: Trügt der Eindruck, dass Gleichberechtigung für die jüngere Generation schon selbstverständlicher ist?

Kühne: Ja, da gibt es auf jeden Fall ein anderes Bewusstsein. Da die Arbeitswelt aber geprägt ist von Thomassen, adaptieren die jüngeren oft bestimmte Verhaltensmuster und achten in der Folge wieder weniger auf Vielfalt. In den Start-ups, die in den letzten fünf Jahren an die Börse gegangen sind, sind in den Vorstandspositionen nur fünf Prozent Frauen – das ist noch schlechter als die 13 Prozent, die wir in den Dax-Konzernen haben.

Fränzi Kühne, Jahrgang 1983, hat mit zwei Partnern 2008 die Firma TLGG, die erste Social-Media-Agentur Deutschlands, gegründet und wurde 2017 in den Aufsichtsrat der Freenet AG berufen. Kühne lebt mit ihrem Partner und ihren zwei Töchtern in Berlin.
Das Buch: Fränzi Kühne: Was Männer nie gefragt werden. S. Fischer Verlage, Frankfurt 2021. 240 Seiten, 14 Euro.