Infoveranstaltung zu Windkraft

"Wir müssen uns gegenseitig öffnen, um Frieden zu schließen."

Gerald Nill

Von Gerald Nill

Fr, 24. Januar 2020 um 18:38 Uhr

Kleines Wiesental

Ist es eine nachhaltige Kehrtwende? Die nächste Runde im Kleinen Wiesental zum Thema Windkraft ist geprägt von versöhnlichen Tönen. Der Sprecher der BI Gegenwind will einen neuen Ton anschlagen.

Die nächste Runde im Streit um geplante Rotoren am Zeller Blauen war geprägt durch versöhnliche Töne seitens der Windkraft-Gegner. 240 Zuhörer füllten am Donnerstagabend die Halle in Tegernau bis auf den letzten Platz, um drei Vorträge auf Einladung des Vereins Schwarzwald Vernunftkraft zu verfolgen.
Rückblick zur Gemeinderatssitzung: Erneut diskutiert der Gemeinderat Kleines Wiesental hitzig über das Thema Windkraft. Das Ergebnis der Bürgerbefragung in Bürchau wird von den Räten unterschiedlich interpretiert.

Einen Wendepunkt in der erhitzten Debatte kündigte Sprecher Bernd Fischbeck für die Bürgerinitiative Gegenwind in seiner Begrüßung an. Bezugnehmend auf den wiederholt geäußerten Vorwurf, "dass eine Handvoll Leute Unfrieden im Kleinen Wiesental bringen", kündigte er an: "Wir wollen Schluss machen damit." Ausdrücklich dankte er den Windkraft-Befürwortern, dass sie zahlreich der Einladung gefolgt seien. Fischbeck: "Wir müssen uns gegenseitig öffnen, um Frieden zu schließen." Der neue Ton solle "angenehm und verständnisvoll" ausfallen. "Wir wollen auf keinen Fall Gräben aufreißen", so Fischbeck weiter. "Das Gegenteil ist der Fall." Er wolle fortan, "dass sich alle wieder in die Augen blicken können". Zu diesem Zweck gebe er die Moderation an zwei Studenten, die als Katharina und Till vorgestellt wurden. Ihr Hintergrund blieb unklar. Die beiden machten ihre Sache gut, forderten gegenseitigen Respekt und blieben neutral.

Den Auftakt dreier Referate übernahm Samuel Hufnagel von der Deutschen Wildtier Stiftung in Hamburg. Hufnagel stellte einen aktuellen Waldschadensbericht vor und skizzierte, dass inzwischen fast jeder zweite Laubbaum stark geschädigt sei. Das seien mehr als während des Waldsterbens durch Schadstoffe in den 1980er Jahren. Jetzt seien trockene und heiße Sommer schuld. Der Wald sei aber jener Lebensraum, der im Vergleich den geringsten Artenverlust aufweise, weshalb er für die Biodiversität bedeutsam sei.

Der Wald als Rückzugsort

Damit kam er zur Windkraft, die nach Hufnagels Überzeugung die Artenvielfalt im Wald gefährdet. Seine Beispiele: Fledermäuse und Wildkatzen. "Jedes Jahr sterben eine Viertel Million Fledermäuse durch Rotoren im Wald." Und Wildkatzen legten keine Jungtierverstecke in einer Distanz von 200 Metern zu Windrädern an. Hufnagels Fazit: Der Wald müsse als Rückzugsort erhalten bleiben.

Patricia Fromm, Gemeinderätin im Kleinen Wiesental, stellte die Frage, ob der Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung, Fritz Vahrenholt, Ende vergangenen Jahres seinen Hut nehmen musste aufgrund zu großer Nähe zu Shell und RWE. Noch ehe Hufnagel antworten konnte, sprang Bernd Fischbeck von seinem Stuhl auf, um diese Frage zu blockieren, wurde aber von den beiden Moderatoren gebremst.

Der zweite Vortrag

Im zweiten Vortrag knüpfte Andreas Lang von der Nabu-Kreisgruppe Lörrach an die "Biodiversitätskrise" an, die nach seiner Auffassung noch bedrohlicher sei als der Klimawandel. Das Artensterben auf der Erde nehme immer "rapidere und gravierendere" Ausmaße an. Im Moment verschwänden jedes Jahr Tausende Arten. Ursache für das Artensterben, so Lang, sei der Lebensraumverlust der Tiere durch eine "Überbeanspruchung der Natur". Damit kam er zur Windkraft-Problematik, die einen ganz erheblichen Eingriff in die Umwelt darstelle. Insbesondere Greifvögel seien durch Rotor-Schlag gefährdet. Deutschland biete weltweit jedem zweiten Rotmilan einen Lebensraum. Fatal sei, dass der Milan durch Windräder im Wald angelockt werde, weil er die Schneise und das Aas suche. Jedes Jahr sterben geschätzt 3000 bis 3900 Milane in Deutschland. Das Auerhuhn sei im Schwarzwald ebenfalls stark gefährdet. Lang: "Ja zu regenerativer Energie, aber nicht auf Kosten des Artenschutzes."

Das dritte Referat

Im dritten Referat legte Christine Alewell von der Uni Basel ihr Augenmerk auf die Bodenkunde. Man müsse sich vorstellen, dass sieben Milliarden Bakterien in einem Teelöffel Erde lebten. Beim Bau jedes Windrades würden zwei bis drei Hektar Waldboden vernichtet. Applaus erhielt Alewell für ihre Kritik an einem Werbeplakat von der EWS, das zwar schöne Schwarzwald-Höhenzüge zeige, aber eben keinen Windpark. Sie erlaubte es sich, die Windräder in das Bild zu montieren. Die Wissenschaftlerin warnte: "Es wird keinen Rückbau der Anlagen geben." Das Beispiel Fröhnd zeige, dass die Fundamente im Boden bleiben. "Die Zerstörung ist lokal, dauerhaft und unumkehrbar", so Alewell. Ihr Fazit: "Wir brauchen keine neuen Standorte." Die vorhandenen 30.000 Windkraftanlagen in Deutschland reichten aus, um das Land mit grüner Energie zu versorgen, wenn dort die modernste Rotor-Technik installiert werde. Langer Applaus für sie.

Anschließend forderte das Moderatorenteam die Zuhörer zur Diskussion in Gruppen mit den Referenten in den Ecken der Halle auf. Auch wenn die größte Gruppe letztlich in der Hallenmitte stehen blieb, war die neue Diskussionsform letztlich ein erfolgreicher Versuch, die Menschen im Kleinen Wiesental wieder zusammenzubringen.