175 Jahre Karl May

Wird Winnetou heute überhaupt noch gelesen?

Tanja Bury

Von Tanja Bury

Sa, 25. Februar 2017 um 18:22 Uhr

Titisee-Neustadt

Am 25. Februar vor 175 Jahren wurde der Schriftsteller Karl May geboren. Seine Abenteuerromane und Reiseberichte sind Klassiker – aber heute bei jungen Lesern nicht mehr gefragt, wie eine BZ-Umfrage ergab.

Wie wurde Winnetous geliebtes Pferd gerufen? Wer war Nscho-tschi? Was konnte der Henrystutzen? Und wie lautete Hadschi Halef Omars kompletter Name? Wer all diese Fragen ohne Zögern beantworten kann, hat sie gelesen: die Bücher von Karl May. Am 25. Februar vor 175 Jahren wurde der Schriftsteller geboren. Viele Generationen hat er mit seinen Abenteuerromanen und Reiseberichten begeistert. Doch welche Rolle spielen die Geschichten aus dem Wilden Westen und dem Vorderen Orient heute noch im hohen Wald? Die BZ hat nachgefragt.

Bibliothek Titisee-Neustadt
"Karl May – der ist bei uns kein Thema mehr", sagt Brigitte Schnäbele von der Öffentlichen Bibliothek in Titisee-Neustadt. Zwar finden sich hier noch die Winnetou-Bände, außerdem "Der Schatz im Silbersee" und "Der Schut", aber nachgefragt werden die Bücher praktisch nicht mehr – "vor allem nicht von Kindern und Jugendlichen". Der Nachwuchs von heute steht laut Brigitte Schnäbele auf Fantasyromane wie Percy Jackson oder auf Dystopien wie "Die Tribute von Panem". Dennoch aber will die Bibliotheksleiterin die Werke von Karl May nicht aus den Regalen verbannen – zumindest vorerst.

Leihbücherei Hinterzarten
Gisela Laule von der Leihbücherei im katholischen Pfarrzentrum Hinterzarten ist schon einen Schritt weiter: "Ich habe Winnetou aussortiert." Seit die Bücher weg sind, hätte sich gerade mal eine Person nach dem Häuptling der Apachen erkundigt. "Der Mann fand die alten Bücher so toll", erzählt Laule, die gesteht, Karl May selbst nie gelesen zu haben. Ihre Erfahrung – auch vom großen Bücherflohmarkt im Sommer – ist, dass sich nur Leute für die Bücher interessieren, die sie als Kind selbst verschlungen haben. Für die heutige Jugend seien die Geschichten jedoch kein Thema mehr: "Die Aufmachung, die Sprache – das macht nicht an." Womit Jungs allerdings was anfangen könnten, seien die Filme mit Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand in den Hauptrollen. Die DVDs sind in Hinterzarten zu haben – "und sie werden regelmäßig ausgeliehen."

Stadtbücherei Löffingen
Auf Leinwandabenteuer stehen auch die Löffinger. "Väter leihen die Winnetou-Filme für ihre Söhne und na ja, auch für sich bei uns aus", sagt Birgit Kuttruff von der Stadtbücherei Löffingen. An Karl-May-Büchern bietet die Einrichtung die fast komplette Auswahl. "Die Bücher stammen aus den 60er und 70er Jahren, ein Buch ist sogar von 1951." Sie ausmisten kommt für Kuttruff nicht in Frage. "Zu den Klassikbeständen einer Bücherei gehört Karl May einfach dazu, auch wenn er im Regal nicht mehr die vorderen Plätze einnimmt."

Bibliothek Lenzkirch
Auch für Michaela Meier von der Bibliothek in Lenzkirch ist das Entsorgen der Bücher kein Thema – auch wenn sie niemand mehr ausleiht. "Das ist Weltliteratur", sagt sie. Wer also ins Kurhaus geht und durch die Regale stöbert, trifft auf Winnetou, das Halbblut Apanatschi und Trapper Sam Hawkens.

Mediathek Schluchsee
"Wir haben noch 13 Stück", antwortet Ruth Keller auf die Frage, wie viele Bücher von Karl May sich in der Schluchseer Mediathek finden. Die Auflagen aus den 50er Jahren gehören aber nicht zum offiziellen Bestand der Bibliothek. Bei einem Blick in die Kartei wird auch deutlich, warum: Die letzten offiziellen Ausleihen fanden in den Jahren 1997 und 1998 statt. "Einen Leser hatten wir jedoch im vergangenen Jahr, der sich alle Bücher tatsächlich noch mal geholt und nachgelesen hat", berichtet Ruth Keller und freut sich über das Interesse über die May’sche Literatur.

Buchhandlung Neustadt
An keinerlei Nachfrage kann sich das Team von der Buchhandlung im Roten Haus in Neustadt erinnern. Wer Karl May dort sucht, wird deshalb auch nicht fündig. "Nein, wir haben die Bücher nicht vorrätig", sagt Steffen Berninger. Er selbst hat auch keines selbst gelesen: "Diese Westernromantik war nichts für mich." Doch irgendjemand müsse heute noch die Bücher kaufen, schließlich gebe es den Karl-May-Verlag noch immer: "Und das sei ihm auch gegönnt."
Zur Person

Karl May wurde am 25. Februar 1842 im sächsischen Ernstthal geboren und starb 1912 in Radebeul. Er ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren, die weltweite Auflage seiner Werke wird auf 200 Millionen geschätzt, davon die Hälfte in Deutschland. Einer seiner wichtigen Verleger war der in Freiburg ansässige Friedrich Ernst Fehsenfeld, den May auch besuchte. Bei einem dieser Besuche verbrachten Karl May und sein Verleger zusammen mit anderen Honoratioren eine Nacht im Lehenhof bei Ehrenstetten. Es wurde so viel geraucht, dass der Kanarienvogel im seinem Käfig, welcher im Zimmer stand, von der Stange fiel. Im weitesten Sinne hat Karl May auch eine Beziehung nach Neustadt: Eddi Arent, einstiger Besitzer des Neustädter Hofs, spielte in drei Karl-May-Verfilmungen mit.

Mehr zum Thema: