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BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Do, 23. Juli 2020

Breitnau

Jugendhilfeeinrichtung Timeout entlässt im Hofgut Rössle auf den Nessellachen acht Jugendliche mit einem Schulabschluss ins Leben.

Herausgeputzt hatten sie sich, als würde sie der Weg geradewegs zu einem Opernball führen. Stattdessen fanden sich die vier Schülerinnen und vier Schüler des Abschlussjahrganges 2020 mit ihren Eltern im Festsaal des Hofguts Rössle auf den Nessellachen ein, um in einer Feierstunde von Schulleiter Hubert Schwizler, die Zeugnisse entgegenzunehmen. Darunter befanden sich Jugendliche, die noch vor Jahr und Tag eine große Schulmüdigkeit und Schulferne lebten - und wohl selbst nicht mehr daran glaubten, eines Tages einen Schulabschluss zu erreichen.

(BZ).Einmal mehr bewährte sich das Konzept, der auf den Nessellachen im Hofgut Rössle beheimateten Jugendhilfeeinrichtung Timeout. Hier wird Schule anders gedacht und gelebt. Die Teilnahme am Unterricht im Schulzimmer setzt konsequent Freiwilligkeit und Verbindlichkeit der Schüler voraus und wird durch viele außerunterrichtliche Lernorte in Haus-, Forst- und Landwirtschaft, in Küche und Werkstätten und Arbeitsgemeinschaften ergänzt. Inzwischen ist die Timeout Jugendhilfe mit drei weiteren Standorten in Vörstetten, Titisee-Neustadt und St. Märgen im Landkreis vertreten.

In Einzelfällen wird auch eine ambulante Beschulung angeboten für Schülerinnen und Schüler, die weiter bei ihren Familien leben und bei Timeout lediglich das Unterrichtsangebot wahrnehmen.

Schulleiter Hubert Schwizler verabschiedete die Schulabgänger und erinnerte an einen der bedeutendsten Komponisten der Menschheitsgeschichte, Ludwig van Beethoven, der vor 250 Jahren geboren wurde und der ebenso schwierige Kinder- und Jugendjahre erleben musste. Seine Werke sollten in diesem Jahr nahezu rund um den Erdball erklingen – auch bei "Kultur im Rössle" auf den Nessellachen. Doch die allermeisten Konzerte fielen der Corona-Pandemie zum Opfer.

Beethoven komponierte nicht für seine Zeitgenossen, sondern für kommende Generationen. Er schuf und hinterließ der Menschheit damit ein gigantisches Werk von zeitloser Schönheit und Bedeutung. Und seine Popularität ist bis auf den heutigen Tag ungebrochen.

Auch die von Timeout betreuten und begleiteten Kinder und Jugendlichen sind durch Zufall, in die eine oder andere Lebenssituation hinein geboren. Was viele von ihnen dann in den wenigen Jahren ihres noch jungen Lebens erfahren haben, lässt sich zum Teil beschreiben mit Vorenthaltung und Vernachlässigung, Überforderung und Entmutigung, in manchen Fällen gar mit Gewalt und Missbrauch – kurzum mit massiver Erschütterung und Verunsicherung. So dass nicht wenige schließlich von sich glaubten und sagten: "Ich bin nichts. Ich kann nichts. Aus mir wird auch nichts werden."

"Wir aber sind fest davon überzeugt, dass in jedem Menschen ein Könner schlummert, vielleicht nicht auf dem Gebiet der Musik und vielleicht auch nicht vom Range eines Beethoven", sagte Schulleiter Schwizler.

Timeout sei bestrebt, diesen jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sie zu ermutigen und zu ermuntern, ihre ureigenen Talente und Begabungen zu entdecken, aus sich selbst heraus initiativ und tätig zu werden, um sich dadurch ihrer Identität bewusst zu werden.

Nun werden die Jugendlichen entlassen in das Leben. "Möget Ihr in guter Erinnerung behalten, was Ihr hier gehört habt und der Wichtigkeit dieses Augenblickes dann gedenken, wenn Zweifel und Anfechtungen Eure Weg kreuzen", gab Schwizler mit auf den Weg. Die Erinnerung an die Zeit hier auf dem Hof sollten Kraft, Zuversicht und Vertrauen geben in die eigene Könnerschaft – und davon, dass jede Schülerin und jeder Schüler eben einmalig sei.