Wo Jungsträume wahr werden

Elmar Stephan

Von Elmar Stephan (dpa)

Di, 22. Juni 2021

Panorama

Im Baggerpark im niedersächsischen Emsland können große und kleine Fans die tonnenschweren Baumaschinen bedienen.

Einmal einen tonnenschweren Bagger bedienen – davon träumen vor allem Jungs und Männer. Ein Baggerpark im emsländischen Haren bietet die Gelegenheit, das einmal auszuprobieren.

Der Bagger brummt, der Greifarm geht leicht ruckelnd nach unten. "Bruno!", ruft Rudolf Schnieders zum Baggerfahrer und macht eine Bewegung mit der Hand. Baggerfahrer Bruno nickt und führt den Steuerhebel etwas vorsichtiger. Prompt gleitet der Baggerarm mit der Schaufel deutlich geschmeidiger in die Grube, um Erdreich herauszuholen. Bruno sitzt erst seit ein paar Minuten an den Steuerknüppeln der kleinen Baumaschine, vor zehn Minuten hat Schnieders ihm die Handgriffe gezeigt. Außerdem ist Bruno erst acht Jahre alt. Und er strahlt. Ein Traum ist für ihn in Erfüllung gegangen.

Seit 2007 betreibt Ursula Meyer ihren Baggerpark im niedersächsischen Haren. "Wir machen das jetzt in der 14. Saison", erzählt die gelernte Hotelfachfrau. Die Geschäftsidee habe ihr Schwager gehabt: "Er hat gesagt, man sieht so viele Bagger überall stehen, und denkt sich, ich möchte auch mal in einen einsteigen." Inzwischen stehen fünf Bagger auf dem Areal, zwei Minibagger, zwei 21-Tonner und ein 4,5-Tonnen-Bagger. Rund 15 000 Gäste kommen jedes Jahr zum Bagger-Park Emsland, den die 56-Jährige mit ihrem Mann Wolfgang betreibt.

Gleichwohl: Fahren dürfen die Gäste mit den Baugeräten nicht. Nach einer Einweisung, die erfahrene Baggerführer geben, dürfen sie die Baggerarme und Schaufeln bedienen, unter Aufsicht des Experten. "Die Leute möchten ja möglichst viel alleine machen", sagt Meyer. Aber wer Hilfe benötige, bekomme auch Unterstützung. Und wen der Ehrgeiz gepackt hat, kann auch ein Baggerdiplom machen, für das man bestimmte Aufgaben erledigen muss – etwa eine Schubkarre mit Erdreich vollladen.

In Deutschland gibt es zahlreiche Baggerparks. Nach Beobachtung des Hamburger Freizeitforschers Ulrich Reinhardt ist ein Baggerpark-Besuch vor allem für Männer interessant. Älteren Statistiken zufolge seien von zehn Besuchern sieben bis acht Männer. "Für Männer ist das vielleicht ein Kindheitstraum, wenn sie in der Sandkiste schon mit Baggern gespielt haben, haben sie für diese Fahrzeuge eine kleine Faszination, und jetzt können sie endlich mal einen bedienen." Dann zähle auch, dass ein Baggerparkbesuch etwas Ungewöhnliches sei. Anschließend gebe es dann bei Freunden, Kollegen und in der Familie viel zu erzählen.

Auch eine Frau mit Rollator war schon im Bagger-Cockpit

Dass die Besucher öfter in einen Baggerpark kommen, sei eher selten. "Man hat es einmal gemacht, und dann ist es auch gut", sagt Reinhardt. Also: Einmal in einem Baggercockpit sitzen, ist ein ungewöhnliches Erlebnis, das auch gerne verschenkt werde. Dies ist bei Bruno der Fall. "Er interessiert sich für Trecker, Baustellen und so weiter, das war schon immer ein Faible von ihm", erzählt seine Mutter. Sie habe von einer Freundin gehört, dass es in Haren diesen Baggerpark gebe. Als Brunos Onkel gefragt habe, was er seinem Neffen zur Kommunion schenken könne, habe sie ihm den Tipp gegeben.

Rudolf Schnieders jedenfalls ist voll des Lobes für Bruno. "Er ist ein Naturtalent", sagt der 68-jährige frühere Maschinist. Auf dem Bau habe er selbst alles gefahren, vom Lastwagen bis zum Tieflader. Er spüre, wenn jemand Talent zum Baggerfahren habe. "Mancher macht den Baggerschein und sitzt 20 Jahre drauf, kann es aber trotzdem nicht." Bruno hingegen habe er die Griffe gezeigt, und der Junge habe sofort gewusst, was er tun müsse.

Schnieders arbeitet schon seit 2007 im Baggerpark, mit drei Jahren Unterbrechung. Jetzt, im Ruhestand, bessere er seine Rente mit dem 450-Euro-Job ein bisschen auf. "Man hat ja nie viel verdient auf dem Bau." In den Jahren habe er alle Altersgruppen auf dem Bagger gehabt. "Der älteste Mann war 91 Jahre alt, und eine Oma im Alter von 87 Jahren hatte ich auch schon mal", erzählt er. Auch einer älteren Frau mit Rollator habe er bereits in das Bagger-Cockpit geholfen. "Ich habe das Fahrzeug eingebuddelt. Dann konnte man den Rollator reinschieben, und sie konnte einsteigen. Man muss sich einfach was einfallen lassen."

Wenn er sein schönstes Erlebnis schildert, wird der stille Emsländer emotional. Es geht um einen körperlich und geistig behinderten Zwölfjährigen, der inzwischen schon fünf Mal da war. "Er konnte erst keine Hand bewegen. Mit ihm gehe ich immer auf den großen Bagger. Jetzt habe ich ihn so weit, dass ich seine rechte Hand nehme und auf den rechten Hebel lege – und er kann ihn bewegen. Was sagen Sie jetzt? Ist das nicht toll?"

Das im Baggerpark erwerbbare Baggerdiplom berechtigt natürlich nicht zum Führen eines Baggers außerhalb des Parks. Ein echter Baggerschein koste 3000 Euro, weiß Schnieders.