Botanische Exkursion

Wo sich die Stadt-Natur in Lahr in Ritzen und Fugen zeigt

anv, bnh

Von Annika Vogelbacher & Bastian Bernhardt

Sa, 13. August 2022 um 08:00 Uhr

Lahr

Was ist Natur in der Stadt und welche Funktion hat sie? Leserinnen begaben sich bei einer BZ-Sommeraktion mit BZ-Redakteur und Botaniker Bastian Bernhardt auf botanischen Streifzug durch Lahr.

Zwischen schwarzem Asphalt, graumeliertem Pflaster und Mülltonnen in einer Lahrer Seitengasse, bahnt sich eine unscheinbare Pflanze ihren Weg durch kleine Ritzen: Es ist das Zimbelkraut, ein sogenannter Spaltenkriecher, weiß Bastian Bernhardt. Immer wieder geht der BZ-Redakteur und studierte Botaniker in die Hocke, um auf kleine Pflänzchen am Boden oder in den Mauerfugen der Lahrer Altstadt aufmerksam zu machen. Die teilnehmenden sechs BZ-Leserinnen verfolgen die Ausführungen interessiert und machen sich teils Notizen in ihre Hefte.

"Im Lahrer Stadtpark und bei der Chrysanthema gibt es hier prächtige Pflanzen in zu sehen. Diese Bepflanzung haben sich aber Gärtner ausgedacht", sagt Bernhardt. Jene Pflanzen, um die sich die BZ-Aktion dreht, finden ihren eigenen Weg in die Lahrer Altstadt. Klein und unscheinbar muten sie an, doch sie trotzen manch widrigen Umständen: Autoreifen, Schritte unzähliger Passanten, Trockenheit, Luftverschmutzung und Hunde-Urin.

Der Portulak kann seine Photosynthese an die Situation anpassen

Spontane Stadtvegetation wird genannt, was in städtischen Räumen ohne Zutun des Menschen wächst. Um zu überleben, verfolgen die Kräuter, Gräser und holzigen Pflanzen ganz verschiedene Strategien. Der Vogelknöterich etwa, kann tiefe Wurzeln ausbilden, um an Wasser zu kommen, erklärt Bernhardt. Der Portulak, eine kleine Pflanze mit fleischigen Blättern, die bei der Stadtmühle wächst, kann ihren Photosynthese-Mechanismus je nach Situation ändern.

Überraschung dann in einer Seitengasse des Schlossplatzes an einer Parkplatzeinfahrt. Dort wollte Bastian Bernhardt eigentlich hoch gewachsene Gänsefuß- und Berufskraut-Pflanzen zeigen – aber in der Erde lassen nur noch einige Löcher vermuten, wo die Pflanzen am Vortag standen. "So ist das mit der spontanen Stadtvegetation", meint Bernhardt schmunzelnd, "sie unterliegt ständig den Störungen des Stadtgeschehens, sie kommt und geht." Die Reste der ausgerissenen Pflanzen finden sich am Rande der Einfahrt zu einem Haufen aufgeschichtet. Der BZ-Redakteur hält eine der an die zwei Meter hoch aufgeschossenen Gänsefuß-Pflanzen in die Höhe und zeigt den Teilnehmerinnen die winzigen Früchte daran. Der Weiße Gänsefuß, der zu den Amaranth-Gewächsen zählt, sei für eine Vielzahl von Schmetterlingen und Insekten eine wichtige Nahrungsquelle, erklärt er.

Diskussion unter den Teilnehmerinnen zum Stadt-Naturschutz

Auch der Schwarze Nachtschatten wuchs hier, Bernhardt hebt einige Pflanzen auf und zeigt die grünen unreifen Früchte daran. In dieser Form seien sie giftig, in anderen Ländern würden sie in reifer und ungiftiger Form verzehrt.

Angesichts des über Nacht drastisch veränderten Standorts der Exkursion diskutieren einige Teilnehmerinnen lebhaft über den Wert solcher Stadtvegetation. "Muss man das wirklich alles herausreißen? Das darf doch ruhig auch wachsen", meint eine. Eine andere entgegnet: "Das verbreitet sich so schnell und überwuchert alles. Das kann man nicht stehen lassen." Genau diese Debatte werde auch auf wissenschaftlicher Ebene geführt, meint Bastian Bernhardt. Naturschutz in der Stadt bedeute nicht in erster Linie, seltene Pflanzenarten zu schützen. Vielmehr könnten die wildwachsenden Pflanzen den Städtern Kontakt zur Natur ermöglichen – solange sie nicht stören und entfernt werden müssen.

Die Artenvielfalt in Städten ist größer als im Umland. "Die Natur strebt in Mitteleuropa an durchschnittlichen Standorten immer hin zum Buchenwald", erklärt Bernhardt den Prozess der Sukzession. "In Städten mit ihren ständigen Störungen von außen finden dagegen regelmäßig auch Keimlinge Halt, die sonst keine Chance hätten", sagt Bernhardt.

An diesem Vormittag lassen manche Stadt-Pflänzchen ihre Köpfe hängen – für sie ist der Sommer zu heiß und trocken. Zeit für eine Erfrischung in Eisdiele oder Café ist es auch für die Teilnehmerinnen am Ende der botanischen BZ-Führung beim Storchenturm. Die Notizblöcke sind voll – und der Blick für die manchmal unscheinbaren aber umso interessanteren Stadtkräuter geschärft.

Mehr zum Thema: