WOCHENSCHAU: Grenzregime

Sabine Ehrentreich

Von Sabine Ehrentreich

Sa, 16. Mai 2020

Lörrach

Selten war uns im Dreiländereck so bewusst, an Grenzen zu leben, wie in diesen Wochen. Wir haben doch schon lange kaum mehr wahrgenommen, wo das eine Land endet und das andere beginnt. Bis Corona die Schlagbäume für jene, die nicht im Nachbarland arbeiten, mit großer Wucht sinken ließ. Heute, Samstag, sollen die Kontrollen gelockert werden – was keineswegs zu verwechseln ist mit einer generellen Öffnung. Schweizer dürfen weiterhin nicht zum Einkauf nach Lörrach. Wer als Lörracher seinen Urlaub nun unversehens zu Hause verbringen muss, kann seinen Museumspass getrost stecken lassen: In die Schweiz darf man wohl noch bis Mitte Juni nur mit einem triftigen Grund und die Sehnsucht nach Kultur gehört ebenso wenig dazu wie die nach einem Bummel am Basler Rheinufer. Soweit also die Theorie. Wie die Praxis aussieht, wird ab heute, Samstag, zu besichtigen sein – zum Beispiel am Kundenaufkommen in der Lörracher Innenstadt. Dem Einzelhandel wäre von Herzen zu gönnen, dass die Schweizer zurückkommen. Gemeint ist dieser Aspekt nachbarschaftlichen Austauschs mit dem neuen Grenzregime aber nicht.

Abgeblitzt

Apotheker Birger Bär wird auch an diesem Samstag wieder eine schwer zu durchschauende Gruppe um sich scharen, die gegen Corona und gegen was auch immer protestiert. Das sind gewiss auch Leute, die einfach eine unbestimmte Sorge umtreibt oder die einen legitimen Protest gegen Corona-Maßnahmen vorbringen wollen. Im Windschatten segeln Rechte, Panikmacher oder Menschen mit sehr kruden Ansichten, die in diesen Tagen mit dem Begriff Verschwörungstheoretiker nicht falsch zusammengefasst werden. Um mit bekannten Personen aus dem öffentlichen Leben seine Veranstaltungen aufwerten zu können, hat Birger Bär mit großen Mailverteilern Einladungen verschickt. Die SPD hat ihre Antworten öffentlich gemacht. So antwortet etwa der Landtagsabgeordnete Rainer Stickelberger klipp und klar: "Für derartige Veranstaltungen lasse ich mich nicht instrumentalisieren." Birger Bär, der übrigens keineswegs erst wegen der Corona-Krise zu politischem Engagement getrieben wurde, sondern eine krachend gescheiterte OB-Kandidatur und CDU-Vorstandschaft in Lahr hinter sich hat, wird in Lörrach gewiss nicht mehrheitsfähig.

Problematisch

Das Thema Stadtbus bleibt eine knifflige Angelegenheit. Als vor drei Jahren untersucht wurde, welche Verkehrsmittel die Lörracher nutzen, fiel der öffentliche Nahverkehr glatt durch. Gerade einmal 7 Prozent der Wege werden mit Bus und Bahn bewältigt – und dies, obwohl die S 6 ein Erfolgsmodell und oft überfüllt ist. Im Umkehrschluss heißt das, der Anteil des Stadtbusses am Nahverkehrsaufkommen und erst recht an der gesamtstädtischen Mobilität ist gering. Deswegen werfen alle Bemühungen der Stadtpolitik um Verbesserungen beim Stadtbus die Grundsatzfrage auf: Ist es sinnvoll, in ein eher unbedeutendes System zu investieren, um es voran zu bringen, oder wären Geld und politische Anstrengung nicht bei Verkehrsträgern mit mehr Akzeptanz besser angebracht? Erste Antworten wird es im Sommer geben, wenn man errechnet haben wird, ob das Ein-Euro-Ticket tatsächlich mehr Menschen in die Busse bringt und somit den Nahverkehr stärkt. Die Frage auf eine andere Antwort kann jeder selbst geben: Wenn in Spitzenmonaten auf der recht neuen Linie 10 zwischen 600 und 700 Fahrgäste transportiert werden, also 20 bis 25 pro Tag, ist das dann Ausdruck steigender Akzeptanz oder einfach nur wenig?