Festakt

Wolfram Wette ist neuer Ehrenbürger Waldkirchs

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

So, 11. Oktober 2020 um 17:53 Uhr

Waldkirch

Im Rahmen eines kleinen Festakts mit 110 geladenen Gästen ist der Historiker, Friedensforscher und Kommunalpolitiker Wolfram Wette zum neuen Ehrenbürger der Stadt ernannt worden.

Dem Historiker, Friedensforscher und Kommunalpolitiker Wolfram Wette wurde am Sonntag das Ehrenbürgerrecht der Stadt Waldkirch verliehen. Zu dem Festakt in der Stadthalle waren rund 110 geladene Gäste gekommen, darunter zahlreiche Familienmitglieder, aktuelle und ehemalige Vertreter der Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik, die Ehrenbürger Hugo Eisele, Helmut Hummel und Richard Leibinger, Vertreter aus Wissenschaft, Verwaltung und Kirchen sowie Wegbegleiter seiner Forschungen und seines politischen Engagements.

Notgedrungen kleiner Rahmen für große Verdienste

In seiner Laudatio bemerkte Oberbürgermeister Roman Götzmann einleitend, dass ein so seltenes und herausragendes Ereignis eigentlich einen größeren Rahmen verdient hätte, er aber froh und dankbar sei, dass man unter den Einschränkungen der Coronapandemie überhaupt zusammen kommen konnte. Der notgedrungen bescheidenere Rahmen schmälere in keiner Weise die Größe der Verdienste von Wolfram Wette.

Diese Verdienste beträfen zunächst einmal den akademischen Bereich. Als Wissenschaftler habe er maßgeblich an der Erforschung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs mitgewirkt und sich dabei internationale Anerkennung als einer der führenden Vertreter einer kritischen Militärgeschichtsschreibung und insbesondere auch der Friedensforschung erworben. Politisch habe er sich zudem erfolgreich für die 2009 vom Bundestag beschlossene Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure als Opfer der verbrecherischen NS-Justiz eingesetzt.

Weitere Verdienste habe sich Wette durch sein kommunalgeschichtliches und kommunalpolitisches Wirken erworben. So sei er entscheidend an der Durchführung der Waldkircher Friedenswoche 1978 und der Ausarbeitung der "Waldkircher Erklärung" gegen Rüstungsexporte von 2009 beteiligt gewesen. Seit 1989 konfrontiere er die Bürgerschaft mit den Taten des Waldkircher NS-Massenmörders Karl Jäger, der den Tod von 138 000 Menschen zu verantworten hatte. Als Autor und in Zusammenarbeit mit der "Ideenwerkstatt Waldkirch in der NS-Zeit" habe er in zahlreichen Beiträgen grundlegende Aufklärungsarbeit über Waldkirch im Nationalsozialismus geleistet und zur Herausbildung einer tragfähigen Erinnerungskultur entscheidend beigetragen. Götzmann erinnerte in diesem Zusammenhang an das vor einigen Monaten erschienene Buch "’Hier war doch nichts!’ Waldkirch im Nationalsozialismus", das von Wette herausgegeben wurde und in dem 27 Autoren unterschiedliche Aspekte der NS-Zeit beleuchten. Hinzu kämen weitere Arbeiten zur Regionalgeschichte. Dabei habe sich Wette immer einer auch für Nichthistoriker verständlichen Sprache bedient und sich als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit verstanden. Er verkrieche sich nicht im wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern rege zu zivilcouragiertem Handeln gegen die heutigen rechtspopulistischen Feinde von Demokratie und Menschenwürde an.

Seit mehr als 45 Jahren Sozialdemokrat

Kommunalpolitisch engagiert sich Wolfram Wette seit mehr als 45 Jahren bei der SPD, von 1975 bis 1981 war er Vorsitzender des Ortsvereins und von 1980 bis 1989 Gemeinderat und Fraktionsvorsitzender seiner Partei. In seinem Grußwort sagte der heutige SPD-Fraktionsvorsitzende Armin Welteroth, dass Wettes Wirken von einer tiefen demokratischen Überzeugung und einem moralischen Kompass geleitet werde. "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg" sei sein Leitmotiv. Die SPD-Fraktion habe die Ehrung Wettes angeregt, zwar im Bewusstsein, dass dies keine uneingeschränkte Zustimmung finde, aber in der Überzeugung, dass für eine solche Ehrung gerade jetzt der richtige Zeitpunkt sei. Die Gesellschaft brauche Menschen, die sich für Demokratie und Frieden einsetzen und dabei auch unangenehme Wahrheiten offen aussprechen würden.

Der Geehrte selbst sagte, dass seine Aufklärungsarbeit nicht im Konsens erfolgt sei, sondern ein langer, steiniger und kräftezehrender Weg hinter ihm liege. Oftmals sei die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit grundsätzlich in Frage gestellt und ein "Schlussstrich" unter das Thema gefordert worden. Vielleicht seien es Angst und Scham, die hinter einer solchen Haltung steckten. Aber das Beschweigen und Vergessen der Vergangenheit sei eine zerstörerische und destruktive Kraft. Er habe höchsten Respekt vor der Art und Weise, wie offen Heinz Jäger, der Enkel des NS-Massenmörders, mit seiner Familiengeschichte umgehe.

Nur wer sich der eigenen Geschichte stelle, könne aktuelle Gefahren für die Demokratie erkennen. Der aktuelle Rechtspopulismus und Rechtsterrorismus gründeten sich auf dieselbe inhumane Weltsicht, die schon die Weimarer Demokratie destabilisierte. Auch heute gelte: "Der Feind steht rechts!"

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