WORTE ZUM TAG: Raus aus den Gleisen

Susanne Lindinger

Von Susanne Lindinger

Do, 02. April 2020

Waldkirch

Wir haben alle etwas Unglaubliches geschafft: Vor etwa drei Wochen sind wir alle mit voller Wucht aus unseren Gleisen gesprungen! Ab da verliefen unsere Wege ohne Spur, unsicher, suchend. Einwände wie: "Aber das geht doch gar nicht!" und: "Wie soll das gehen?" änderten daran nichts. Wie es tatsächlich gehen kann, das herauszufinden ist seither unsere tägliche Aufgabe. Wenn ich mit Kindern unserer Kitas und Grundschulen über das Leben Jesu nachdenke, dann bereitet es uns immer große Freude, uns vorzustellen, wie verblüfft die Jünger Jesu über dessen Verhalten gewesen sein müssen. Bestimmt haben sie öfters gesagt oder gedacht: "Aber das geht doch gar nicht!" oder "Wie soll das gehen?". Denken wir nur an Heilung von Kranken und Besessenen, seinen Kontakt mit Menschen über religiöse und soziale Grenzen hinweg, seine Vergebung und gar die Auferstehung. Jesus fordert die Menschen damals wie heute auf, Gleise und eingefahrene Spuren zu verlassen. Ihm nachzufolgen, heißt Neuland unter die Füße zu nehmen, unsicher, suchend. Das machen wir nicht so gerne. Zeitdruck, Sachzwänge, die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Familie – alles scheint uns in den Gleisen zu halten, die wir so ungern verlassen. Doch letztlich ist es immer unsere Verantwortung, welchen Weg wir gehen, ob auf Gleisen oder auf Neuland. Unsere Spielräume sind je nach Situation zwar unterschiedlich groß. Aber dass es Wege außerhalb der Gleise gibt, das erfahren wir gerade jetzt! Wir erleben jede Menge Kreativität, Flexibilität und Mitmenschlichkeit in dieser Krisenzeit. Das könnte uns ermutigen, auch "danach" hin und wieder aus den Gleisen zu springen für mehr Menschlichkeit, Frieden und Lebensqualität.

Die Autorin: Susanne Lindinger ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Kirchengemeinde Waldkirch.