"Es ist ein stilles Sterben"

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Fr, 12. Mai 2017

Südwest

BZ-INTERVIEW mit dem Ornithologen Gernot Segelbacher über die Bedrohungen für die Vogelwelt.

Auch wenn es noch aus vielen Bäumen singt und piept, warnen Experten seit Jahren vor einem stetig voranschreitenden Rückgang der Vogelzahlen. Michael Saurer sprach darüber mit dem Ornithologen Gernot Segelbacher.

BZ: Herr Segelbacher, geht es den Vögeln wirklich so schlecht?

Segelbacher: Man muss da zwei Aspekte unterscheiden. Das ist zum einen der Rückgang der Arten. Wir sehen, dass viele Arten in den vergangenen Jahrzehnten aus unserer Landschaft verschwunden sind. Zum anderen gibt es eine deutliche Abnahme in der Quantität, also in der Gesamtzahl der Vögel bei uns. Und das ist ein stilles Sterben. Man sieht zwar noch Vögel, aber bei Zählungen kommt dann heraus, dass ihre Zahl stark zurück geht.

BZ: Woran liegt das?

Segelbacher: Vor allem Langstreckenflieger und Bodenbrüter leiden. Das liegt an der Intensivierung der Landwirtschaft, in deren Folge die natürlichen Lebensräume und Brutmöglichkeiten der Vögel schwinden. Hinzu kommt, dass sie immer weniger Nahrung finden – auch die Zahl der Insekten nimmt ja deutlich ab.

BZ: Man hat in Südbaden oft den Eindruck, dass wir inmitten von Natur leben. Betrifft das trotzdem auch die Region?

Segelbacher: Ja, das betrifft auch Südbaden. Wenn Sie sich einmal Daten von vor 50 Jahren anschauen, dann sehen Sie, dass damals noch ungleich mehr Arten bei uns vorgekommen sind. Natürlich haben wir einen vielfältigen Lebensraum mit Schwarzwald, Rhein und Kaiserstuhl – aber die Lebensräume an sich sind dann doch sehr eintönig geworden.

BZ: Was hat sich da verändert?

Segelbacher: Durch die Flurbereinigung sind die landwirtschaftlichen Nutzflächen größer geworden und es fehlen Brachflächen, naturbelassene Randbereiche und Hecken. Hinzu kommt, dass vermehrt Mais angebaut wird, was ökologisch gesehen sinnlos ist. Darunter leiden Wiesenvögel wie Feldlerche, Braunkehlchen oder das Rebhuhn. Aber selbst die Zahl des Haussperlings nimmt ab.

BZ: Der Spatz? Der lebt doch in der Stadt.

Segelbacher: Ja, aber auch dort gibt es immer weniger naturnahe Nischen. Und die neuen Bauten ermöglichen oft keine Bruten mehr für Haussperling, Mauersegler und Alpensegler.

BZ: Aber der Storch etwa nimmt seit Jahren stetig zu und ist mittlerweile fast in allen Dörfern der Region zu sehen.

Segelbacher: Das ist richtig. Ausgehend von Wiederansiedlungsprogrammen im Elsass brüten heute wieder Störche in der Rheinebene und im Dreisamtal. Störche ernähren sich dabei nicht nur von Amphibien, sondern auch von großen Insekten und Mäusen. Auch manche Greifvögel wie der Wanderfalke oder der Uhu haben in den Beständen zugenommen. Aber das soll eben nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Arten regelrecht im Niedergang begriffen sind.

BZ: Ist da die Talsohle erreicht oder wird sich der Trend fortsetzen?

Segelbacher: Er wird sich ganz klar fortsetzen. Die Intensivierung der Landwirtschaft wird weiter zunehmen und so auch die Vögel vor immer größere Probleme stellen. In 20 Jahren werden wir noch einmal deutlich weniger Arten haben.

BZ: Wird sich das auch bei einem Waldspaziergang bemerkbar machen?

Segelbacher: Das merken Sie jetzt schon. Die Feldlerche etwa war bis vor kurzem noch ein häufiger Vogel unserer Wiesenlandschaften. Den hören Sie bereits jetzt kaum noch.

BZ: Was muss sich nun ändern?

Segelbacher: Wir sollten alles dafür tun, dass die noch verbleibenden Lebensräume verbessert oder zumindest erhalten werden. Die Vorgaben dazu sind ja da. Es ist oft nur eine Frage, wie und ob sie umgesetzt werden. Landwirte stehen heute unter einem hohen ökonomischen Druck – aber hier ist ein Ausgleich zwischen nachhaltiger und ökonomischer Nutzung gefragt.

Gernot Segelbacher ist Ornithologe und Professor für Wildtierökologie an der Uni Freiburg. Er forscht über die Anwendung molekularer Methoden im Naturschutz.