Studie der Bertelsmann-Stiftung

Zusammenhalt in Baden-Württemberg hat in der Pandemie gelitten

Jens Schmitz

Von Jens Schmitz

Mi, 21. September 2022 um 20:49 Uhr

Südwest

Nach Corona ist der Zusammenhalt gesunken, so die Wahrnehmung vieler Menschen. Jüngere, höher Gebildete und Menschen auf dem Land haben noch das stärkste Vertrauen in ihre Mitmenschen.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Baden-Württemberg ist während der Corona-Pandemie deutlich gesunken. Das ergibt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung im Auftrag des Sozialministeriums. Ein Überblick.

Wie hat sich der Zusammenhalt insgesamt verändert?
Auf einer Skala von 0 bis 100 ist er von 63,8 im Jahr 2019 auf 53,8 Punkte zum Jahreswechsel 2021/22 gefallen. Bei einer Pressekonferenz mit Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) vermuteten die Mit-Autoren Klaus Boehnke (Jacobs University Bremen) und Kai Unzicker (Bertelsmann-Stiftung) am Mittwoch als Grund für den erstmals so deutlichen Einbruch, dass von der Pandemie tatsächlich alle Bevölkerungsteile betroffen waren. Der Rückgang sei nicht spezifisch für Baden-Württemberg. 24 Prozent der Befragten waren zum Jahreswechsel 2021/22 der Meinung, man könne sich auf niemanden verlassen. Vor der Pandemie hatte dieser Wert nur neun Prozent betragen. Insgesamt fand zuletzt mit 48 Prozent fast die Hälfte der Befragten, der Zusammenhalt sei gefährdet, sechs Prozentpunkte mehr als 2019.

Was genau wurde untersucht?
Die Studie unterscheidet neun "Dimensionen": soziale Netze, Vertrauen in die Mitmenschen, Akzeptanz von Diversität, Identifikation mit dem Gemeinwesen, Vertrauen in Institutionen, Gerechtigkeitsempfinden, Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln sowie gesellschaftliche Teilhabe. Bei allen waren Rückgänge zu verzeichnen. Am stärksten gesunken ist der Wert für Identifikation (20 Punkte), das Gerechtigkeitsempfinden hat mit minus 1,3 Punkten am wenigsten gelitten. "Neu ist, dass erstmals nur noch eine Minderheit der Befragten (47 Prozent) den Zusammenhalt in der eigenen Wohngegend als gut oder sogar sehr gut einschätzt", heißt es in der Studie. 2019 hatte der Wert noch bei 80 Prozent gelegen.

Welche Einzeltrends zeigen sich?
Die Pandemie habe zu "erheblichen" psychoemotionalen Belastungen geführt. Rund 30 Prozent der Befragten fühlen sich seither oft oder immer müde und erschöpft. 60 Prozent erklärten, gar nicht oder nur wenig unter den Anti-Corona-Maßnahmen zu leiden. Mit 46,2 Prozent war zum vergangenen Jahreswechsel die größte Gruppe der Meinung, der Schutz der Gesundheit solle Vorrang vor der Freiheit der Bürger haben; nur 15,8 Prozent gaben der Freiheit den Vorrang. Die Forscher halte das Potenzial für Verschwörungstheorien für "immer noch sehr hoch": 42 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Regierung "bei vielen Ereignissen" die Wahrheit verschleiere, 54 Prozent stimmten der Aussage zu, dass Politiker "normalerweise" keine Auskunft über ihre wahren Motive gäben, und 32 Prozent glauben an geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. "Je stärker die Menschen an Verschwörungstheorien glauben, umso schwächer empfinden sie den Zusammenhalt", so die Wissenschaftler.

Wer war besonders betroffen?
Rund 60 Prozent der Befragten glauben, dass die Politik nicht genug für Menschen wie sie selbst getan hat. Politisch vernachlässigt fühlen sich vor allem Jüngere, Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund. Ärmere und nicht-erwerbstätige Personen, Menschen mit Migrationshintergrund, niedrigerem Bildungsstand oder chronisch Kranke erleben den gesellschaftlichen Zusammenhalt als geringer. Das gilt auch für Menschen in Großstädten und die Altersgruppe von 45 bis 64 Jahre sowie für Alleinerziehende.

Wie ist es jungen Menschen ergangen?
Laut Studie hatten sich bis Januar 2022 Befragte zwischen 16 und 24 Jahren deutlich häufiger mit Corona infiziert als ältere Menschen. Sie berichteten häufiger von schweren Krankheitsverläufen in ihrem Umfeld, bei sich selbst sowie von psychoemotionalen Problemen. Mit 71 zu 58 Prozent bewerten sie auch den politischen Umgang mit der Pandemie kritischer. Der Lichtblick: Sie erleben den sozialen Zusammenhalt als weniger gefährdet und blicken optimistischer in die Zukunft.

Der Studie zugrunde liegen Befragungen von knapp 1400 Personen im Januar und Februar 2019. Von Dezember 2021 bis Januar 2022 wurden erneut 2716 Menschen befragt. Es wurden Landesergebnisse aus zwei deutschlandweiten Umfragen von 2017 und 2020 herangezogen. Lucha bezifferte die Kosten auf 80.000 bis 90.000 Euro, die sich das Sozialministerium mit der Bertelsmann-Stiftung teile.