Zwischen allen Stühlen

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Di, 11. Mai 2021

Literatur & Vorträge

Juliane Pickels preisgekrönter Roman "Krummer Hund".

"Nachdem er meinen Hund umgebracht hat, fragt der Typ meine Mutter, ob sie am Abend mit ihm Sushi essen geht." Das muss man Juliane Pickel lassen: Erste Sätze kann sie. Und nicht nur die, auch das in diesem einen Satz verdichtete Drama auf Romanlänge ausbuchstabieren, ohne eine Sekunde zu langweilen, kann sie. Die Jury, die ihrem Romandebüt "Krummer Hund" den Peter-Härtling-Preis zugesprochen hat, listet noch einige andere gute Gründe auf, sich mit diesem Buch zu befassen, aber der überzeugendste ist, nach dem ersten Satz auch den zweiten, den dritten und dann bis zum Ende weiterzulesen.

Der Hund gehörte Daniel. Das Abschiedsgeschenk vom Vater, der sich fünf Jahre zuvor endgültig aus dem Leben seines damals zehnjährigen Sohns verpisst hatte. Wahrscheinlich hat das mit Daniels gelegentlichen Ausrastern zu tun, bei denen er völlig die Kontrolle über sich verliert und auf alles eindrischt. Mit seinem einzigen Freund Edgar läuft er eher unterm Radar vom Rest der Schulklasse. Trotzdem wollen sie etwas für ihre Mitschüler tun: Princess Evil abschießen. Ihr nicht bürgerlicher Name lautet Alina von Wildern, sie ist reich, schön, unnahbar und grausam treffsicher in ihren vernichtenden Kommentaren über andere.

Derweil hat Daniels Mutter den Hundemörder gedated, scheint was Ernstes zu werden. Und der Typ, obwohl der zigste auf einer langen für Daniel quälenden Liste, scheint seltsamerweise okay zu sein. Lässt Daniel sogar eine Proberunde mit seinem Lotus drehen. Selbst Daniels zerstörerische Ausraster scheint das neue Glück seiner Mutter auszuhalten.

Doch nach einer Party wird alles anders. Der Bruder von Princess Evil stirbt bei einem Autounfall mit Fahrerflucht. Ein Sportwagen. In Daniel keimt ein schrecklicher Verdacht. Im Leser auch, aber der richtet sich nicht gegen den Hundemörder, der eigentlich ein ganz netter Tierarzt ist. Daniel sitzt plötzlich zwischen allen Stühlen, kann selbst mit Freund Edgar nicht mehr reden, und die Annäherung an Princess Evil fühlt sich auch wie Verrat an.

Spannende Story, Humor an den richtigen Stellen, kein Zukleistern mit Kitschsoße zum Happy End – gutes Buch.

Juliane Pickel: Krummer Hund. Roman. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2021. 261 Seiten, 14,95 Euro. Ab 14.