Zwischen Korruption und Terrorismus

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Do, 08. April 2021

Ausland

Islamisten attackieren in Mosambik die Bevölkerung und schrecken ausländische Investoren ab.

. Offiziell heißt sie "Cabo Delgado", doch von ihren Einwohnern wird die Provinz nur "Cabo Esquecido", das vergessene Kap, genannt. Selbst Fremden fällt der Grund dafür schon auf den ersten Blick auf: Die vierspurige Autobahn auf der tansanischen Seite des Rovuma-Flusses mündet in eine stattliche, mit riesigen Elefantenstoßzähnen geschmückte Brücke – um sich auf mosambikanischer Seite in einen Feldweg zu verwandeln. Der Pfad schlängelt sich Hunderte von Kilometern durch Mosambiks Nordosten: Nur hin und wieder tauchen strohbedeckte Lehmhütten auf.

Nichts deutet darauf hin, dass nur wenige Kilometer entfernt an der Küste des Indischen Ozeans derzeit mehr Geld als irgendwo sonst auf dem afrikanischen Kontinent investiert wird: Auf einer Halbinsel neben dem verwunschenen Hafenstädtchen Palma soll eine der größten Anlagen zur Erdgasverflüssigung im Wert von 20 Milliarden US-Dollar entstehen.

Palma geriet vor wenigen Tagen in die internationalen Schlagzeilen, nachdem angebliche "Isis-Terroristen" ein Blutbad unter den 75 000 Bewohnern angerichtet hatten. Dem fielen auch zahlreiche Angestellte ausländischer Subunternehmer zum Opfer. Der französische Konsortium-Führer "Total" stellte sämtliche Bauarbeiten ein: Dass das Megaprojekt wie vorgesehen 2024 fertig gestellt wird, ist nahezu ausgeschlossen. Eigentlich sollte die Erdgasanlage die Industrialisierung im südlichen Afrika anschieben.

Militärberater aus den USA, Südafrika und Portugal eilen herbei, um Mosambiks Armee im Antiterrorkampf zu trainieren, obwohl Fachleute davor warnen, den Konflikt um die hochexplosiven Gasfelder mit militärischen Mitteln lösen zu wollen. Was auf der Fahrt durch das Kap noch auffällt: In der Mitte jeder größeren Siedlung steht ein Schrein, der einem Kämpfer der Frente de Libertação de Moçambique (Frelimo) gewidmet ist. Ausgerechnet von Cabo Delgado ging vor einem halben Jahrhundert die Befreiung der portugiesischen Kolonie aus.

Offensichtlich glaubte sich die Elite der in unzählige Korruptionsskandale verwickelten Partei Frelimo und ihres Präsidenten Filipe Nyus der Unterstützung der Bewohner sicher: Jedenfalls ließen sie in die fast ausschließlich muslimisch bevölkerte Provinz des mehrheitlich christlichen Landes kaum einen Metical fließen. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen besucht keine Schule, nur zwölf Prozent der Haushalte sind ans Stromnetz angeschlossen. Die Provinz könne "lediglich Analphabetismus, Elend, Armut und Konflikte vorzeigen", heißt es in einem Bericht des Instituts für Sicherheitsfragen (ISS) in Pretoria.

Als vor zehn Jahren die enormen Erdgasvorräte vor Cabo Delgados Küste bekannt wurden, wähnten sich die Anwohner im Glück. Doch was sie statt Jobs und Krankenhäusern bekamen, waren Umsiedlungen, konfiszierte Felder und zerstörte Fischgründe. Vor drei Jahren gingen in Palma erstmals junge Männer auf die Straße, um gegen ihre Vernachlässigung zu protestieren. Gleichzeitig breitete sich eine radikalere Form des Islam aus.

2017 griffen Extremisten, die sich "Ansar al-Sunna" nennen, Regierungsgebäude und Polizeistationen an. Fühlte sich die Gruppe von der Bevölkerung jedoch nicht ausreichend unterstützt, wendete sie sich auch gegen sie: Im Dorf Nanjaba enthaupteten sie 2020 mehr als 50 Dorfbewohnern. Die Armee bombardierte Dörfer, folterte Gefangene und ließ sie verschwinden. Als sich die Terroristen vor zwei Jahren dem "Islamischen Staat" anschlossen, sah sich die Regierung in Maputo bestätigt: Terroristen kann man nur mit Waffen beikommen. "Wir müssen uns fragen, warum sich unsere Kinder von den Extremisten rekrutieren lassen", gibt Mosambiks ehemaliger Gesundheitsminister Ivo Garido zu bedenken: "Es ist die Armut und die Arbeitslosigkeit."