800 Kilometer bis zur Ausgangssperre

Kurt Meier

Von Kurt Meier

Sa, 04. April 2020

Waldkirch

BZ-INTERVIEW mit Andreas Schweizer und Bernhard Schindler aus Elzach, die mit "Drive to help" nach Gambia wollten.

ELZACH. "Drive to help" ist eine kleine, als Verein in Waldkirch organisierte Hilfsorganisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein Krankenhaus im afrikanischen Gambia mit Sachspenden und Geld zu unterstützen. Mindestens einmal im Jahr geht ein Hilfskonvoi auf die dreiwöchige Reise über zwei Kontinente und durch sechs Staaten. Der jüngste Konvoi, der am 8. März in Waldkirch startete, musste jedoch vorzeitig abbrechen (die BZ berichtete). BZ-Mitarbeiter Kurt Meier sprach mit den beiden Teilnehmern Andreas Schweizer und Bernhard Schindler, beide aus Elzach.

BZ: Herr Schindler, Herr Schweizer, nach Ihrer gerade überstandenen freiwilligen Quarantäne hat Sie der Alltag wieder. Wie geht es Ihnen?

Schindler: Sehr gut! Wir haben uns zuhause gut erholt von den Strapazen der Reise. Die Quarantäne war eine reine Vorsichtsmaßnahme, um unsere Familien und unsere Umgebung nicht zu verunsichern. Darauf haben wir uns schon verständigt, als wir uns in Marokko dafür entschieden, nach Hause zu fahren.

Schweizer: Es war uns wichtig, unsere Familien nicht zu gefährden und so hat Bernhard all denjenigen angeboten, die die Quarantäne nicht zuhause verbringen konnten oder wollten, sich bei ihm einzuquartieren. Das waren entspannte Tage, denn niemand von uns hatte auch nur die geringsten Krankheitsanzeichen.

BZ: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich für "Drive to help" zu engagieren?

Schindler: Ich bekam zum Vorsitzenden Alex Gössel vor einigen Jahren Kontakt, als sich der Verein bei uns im Lions-Club vorgestellt hat. Ich muss sagen, das Engagement der jungen Leute hat mich beeindruckt und schon da hatte ich mir vorgenommen, sie im Rahmen meiner Möglichkeiten zu unterstützen. Als wir uns Ende letzten Jahres dazu entschlossen, den Kühlwagen unseres Edeka-Marktes zu ersetzen, hab ich das Altfahrzeug als Spende angeboten. Der hat zwar schon einige Jahre auf dem Buckel, aber nur 30 000 Kilometer auf dem Tacho. Technisch war das Auto noch tipp-top. Aber wenn ich das Auto spende, dann will ich es auch selbst nach Gambia bringen, hab ich zu Alex Gössel gesagt. Der meinte: "Kein Problem, fahr einfach mit. Such Dir einen geeigneten Partner".

Schweizer: Mich hat der Verein auch schon länger fasziniert und ich hatte vor, mich irgendwann einmal einzubringen. Ich dachte aber bisher, dass der Verein eher Mediziner bräuchte und keinen Mechaniker wie mich. Bei einem zufälligen Treffen im letzten Herbst hat Bernhard mich gefragt, ob ich im März schon etwas vor hätte und ob ich ihn auf der Fahrt nach Gambia begleiten wolle. Meine Frau hat sofort zugestimmt, denn sie weiß, dass das schon lange ein Traum von mir war. Und so war die Entscheidung gefallen.

BZ: Wer waren die zwölf Expeditionsteilnehmer?

Schindler: Die meisten der Gruppe kannten wir schon, weil wir fast alle aus dem Elztal stammen und so wuchsen wir schnell zusammen. Ingrid und Armin Ganter kommen aus Kollnau, Felix Burger aus Biederbach, Gerhard Walter Endres aus Ehrenkirchen, Birgit Barthle, Klaus Wagner, Liane Klein, Bouke Altenburg und wir beide sind aus Elzach. Dazu kamen noch Christina Müller, die derzeit in Berlin lebt, und Bianca Schlüter aus München. Die beiden Frauen waren für uns Gold wert. Die sind immer vorneweg gefahren und haben uns manche Türen geöffnet. Denn Christina ist ein Sprachentalent und konnte sich fließend auf Französisch, Spanisch und was weiß ich noch unterhalten. Einfach genial!

BZ: Corona war ja schon bei Ihrer Abfahrt ein Thema. Hatten Sie keine Bedenken, dass da etwas schiefgehen könnte?

Schweizer: Wir hatten im Vorfeld sicher Bedenken und das Thema auch in der Gruppe diskutiert. Da die Situation in Afrika allerdings noch sehr entspannt war, haben wir uns entschlossen, zu starten. Als wir am 8. März abfuhren, konnte sich niemand von uns vorstellen, wie rasant sich die Lage entwickeln und welche Auswirkungen die Pandemie auf die ganze Welt haben würde. Uns war wichtig, dass die Hilfsgüter so schnell wie möglich nach Gambia kommen. Dort werden diese Sachen dringend gebraucht, und sollte es zu einer Epidemie kommen, wäre die Lage noch verzweifelter, dachten wir.

BZ: Wie verlief die Reise?

Schindler: Zunächst ganz entspannt. Unser wichtigster Mann war Andreas, denn irgendwas gab es immer zu schrauben und zu reparieren an einem der alten Autos. Aber ansonsten war es einfach atemberaubend. Wir haben unglaublich viele Naturschönheiten gesehen, nette Menschen kennen gelernt und wurden überall mit offenen Armen empfangen. Dass wir als Hilfskonvoi unterwegs waren, hat uns Sympathien eingebracht.

BZ: Wann hat sich die Lage geändert?

Schindler: Als wir in Marokko waren. In Marrakesch, wo es sonst vor Touristen wimmelt, waren wir gefühlt plötzlich die einzigen Europäer. Wir haben da auch erstmals so etwas wie Feindseligkeit bei den Einheimischen verspürt. Da wir ja ständig in Kontakt mit Zuhause waren, waren wir auch über die Entwicklungen in Europa informiert. Wir haben uns dann zusammengesetzt und beraten: Was machen wir? Sollen wir es wagen, die Grenze nach Mauretanien zu passieren?

Schweizer: Dazu muss man wissen: Zwischen Marokko und Mauretanien gibt es einen viele Kilometer langen Wüstenstreifen, der Niemandsland ist. Wir mussten befürchten, in dieser Gegend zu stranden, da die Ausreise aus Marokko vermutlich möglich gewesen wäre, wir aber damit rechnen mussten, nicht nach Mauretanien einreisen zu können. Wir haben da erst mal so richtig realisiert, wie es den Millionen von Flüchtlingen gehen muss, die nirgends willkommen sind. Die irgendwo hängen und von keiner Seite Hilfe und Unterstützung bekommen. Das war ein beklemmendes Gefühl. Das macht einem wirklich Angst!

BZ: Sie haben sich dann entschieden, umzukehren. Warum nicht mit dem Flugzeug, sondern auf dem Landweg?

Schindler: Zum Einen, weil die Lage ja noch völlig unübersichtlich war. Bekommen wir in Marokko überhaupt einen Flug nach Deutschland und was machen wir mit den Autos? Wo sollen wir die unterstellen? Und was ist mit den Hilfsgütern? Die Wahrscheinlichkeit, dass die gestohlen werden, war groß. Der schnellste Weg zurück, so waren wir überzeugt, ist der, den wir hierher genommen haben.

Schweizer: Wir hatten das Glück, dass wir eine der letzten Fähren, die Afrika Richtung Europa verlassen hat, noch bekamen. Aber in Spanien begannen die Probleme erst: Man hat uns klipp und klar erklärt, dass wir das Land innerhalb eines Tages durchqueren müssen. Da am darauffolgenden Tag eine rigorose Ausgangssperre gelten würde und man nur noch alleine in einem Fahrzeug sitzen durfte, mussten wir zusehen, dass wir die französische Grenze so schnell wie möglich erreichen. Das wurde uns abends um 18 Uhr mitgeteilt und wir hatten noch 800 Kilometer vor uns. Das war eine sehr angespannte Situation. An jeder Autobahnabfahrt standen Polizisten, die kontrollierten. Ein Wettlauf mit der Zeit.

Schindler: In Frankreich war es etwas entspannter. Es gab keine Kontrollen auf der Autobahn, auch im Elsass nicht. Nur an der Grenze wurden wir befragt, wo wir her kommen und wo wir hin wollen. Das war’s dann schon. In Nullkommanichts waren wir wieder in Deutschland. Die Ankunft in Waldkirch war aber schon so etwas wie ein Kulturschock: Wir sind durch drei Länder im Shutdown gerast – und hier pulsierte das Leben. Die Leute saßen in den Straßencafés und ließen es sich gut gehen. Das war schon bizarr.

BZ: Wie geht es jetzt weiter mit Ihrem Engagement für "Drive to help"?

Schindler: Da liegt noch eine Aufgabe vor uns, die ist noch nicht erledigt! Wir werden es auf alle Fälle noch mal probieren, die Sachen nach Gambia zu bringen. Ich hoffe, dass wir im Herbst einen neuen Anlauf nehmen können.

Zur Person: Bernhard Schindler ist 57 Jahre alt und von Beruf Kaufmann, Andreas Schweizer ist 47 Jahre alt, gelernter Schreiner und Kfz-Mechaniker.