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Déborah Ill

Von Déborah Ill

Sa, 13. Juni 2020

Kultur

Seit der Mensch denkt, beschäftigt er sich mit dem Ursprung der Welt. Die heutigen Erklärmodelle sind den Schöpfungsmythen erstaunlich ähnlich /.

in chinesischer Schöpfungsmythos besagt, dass am Anfang nur dunkles Chaos war. Das Chaos kondensierte sich, um ein kosmisches Ei zu formen. Aus den antagonistischen Mächten, die sich im Ei bekämpften, wird Pan Gu, der Schöpfer des Universums geboren. Als er das Ei aufbricht, wird ein Teil der Schale zum Himmel, der andere zur Erde. Pan Gu wächst anschließend 18 000 Jahre lang und entfernt mithilfe seiner Arme und Beine Himmel und Erde jeden Tag voneinander. Er stirbt, als die beiden Elemente komplett voneinander getrennt sind. Dem Mythos zufolge wurde sein letzter Odem zu Wind, seine Stimme zu Donner. Aus seinem linken Auge formte sich die Sonne, aus dem rechten der Mond. Sein Blut zerfloss zu Flüssen, sein Speichel wurde zu Regen, seine Haare zu Pflanzen, und aus dem an ihm haftenden Ungeziefer wurde die Menschheit.

Es gibt unzählige solcher Schöpfungsmythen. Die Suche nach dem Anfang des Anfangs beschäftigt die Menschheit seit Äonen. Es sind Fragen, die ihren Zauber bis heute nicht verloren haben: Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist der Sinn des Lebens? Und was war eigentlich davor? Oder, um es mit Leibniz zu sagen: Warum gibt es Etwas und nicht nichts?

Die Fragen zum Ursprung werden im weiteren Sinne auch Kosmogonien genannt (griechisch "Kosmogonia": Weltzeugung). Erklärungsmodelle zur Entstehung und Entwicklung der Welt gibt es in den verschiedenen Religionen, Kulturen und Glaubensformen in so vielen Varianten, dass ihre Vielfalt kaum überschaubar ist. Aber bevor man diese Mythen auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft, ist eine andere Frage wichtig: Warum sind Schöpfungsmythen in unserer hoch aufgeklärten Welt immer noch so wichtig?

Viele Weltanschauungen, mit denen wir leben, lassen sich auf Schöpfungsgeschichten zurückführen. Zweifellos bieten alle Mythen Erklärungsmuster für das Verständnis der Realität, aber Schöpfungsmythen tun das in besonderer Weise. Sie versuchen, auf ein breites Spektrum grundsätzlicher Fragen zu antworten. Ihr Welt-, Zeit-, und Raumverständnis ist ursprünglich und instinktiv. Ob wir sie bejahen oder nicht, ihr Einfluss auf das kollektive Bewusstsein ist allgegenwärtig. Sie bieten einen Ausgangspunkt, aber auch die Struktur und den Rahmen für alle späteren Mythen. Grundsätzliche Beziehungen wie die von Leben und Tod, Existenz und Nichts werden auf diese Weise festgelegt. Dass die Welt nur der Traum eines Gottes sein oder vor unserer Welt vielleicht andere Welten existiert haben könnten – wie Mythen der Azteken berichten –, passt nicht in unsere westliche Vorstellung vom Ursprung des Alls. Da derartige Hypothesen von Anfang an aus dem Modell ausgeschlossen wurden, fällt es uns extrem schwer, diese in unser Weltbild zu integrieren.

Ein besonderes Modell des Ursprungs bietet die Bibel an. Das Buch Genesis erzählt, wie Gott in sieben Tagen die Erde und das Leben auf ihr schuf.

  Und Gott sagte: Lasst uns Menschen machen nach 
  unserem Bild, uns ähnlich; sie sollen herrschen
  über die Fische im Meer, über die Vögel unter den
  Himmeln, über das Vieh, über die ganze Erde
  und über alle Kriechtiere, die auf Erden kriechen.

(Erstes Buch Mose, Kapitel 1, Vers 26)
  So vollendete Gott am siebten Tag seine Werke,
  die er machte, und ruhte am siebten Tag von allen
  seinen Werken, die er gemacht hatte. Und
 Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn.

(Kapitel 2, Verse 2–3)

Diese Verse aus dem Ersten Buch Mose deuten auf die Spuren hin, die der biblische Schöpfungsmythos in unserer Kultur hinterlassen hat. Man braucht nur an die Strukturierung der Zeit durch die Sieben-Tage-Woche zu denken oder auch an die gesetzlich verankerte Grundvorstellung, dass der Mensch ein unantastbares Wesen mit unveräußerlichen Rechten ist. Gleichzeitig ist der biblische Schöpfungsmythos für die Auffassung mit verantwortlich, dass der Mensch sich die Erde unterwerfen kann und ein Recht über andere Lebewesen hat.

Ein weniger naheliegendes Beispiel: Der Schöpfungsmythos der nordamerikanischen Cherokees besagt, dass die Erde fast ausschließlich von Tieren und Bäumen geschaffen wurde, wobei manche "heiliger" sind als andere, da sie bei dem siebentägigen Prozess der Welterschaffung nicht einmal einschlafen. In dieser animistischen Tradition ist die Idee, wir Menschen seien allmächtige Wesen, die durch ihren Intellekt über andere Lebewesen herrschen, nicht selbstverständlich. Beispiele aus verschiedenen Kulturen zeigen, wie wesentliche Grundaussagen der Schöpfungsmythen für alle Menschen in einem Kulturraum, ob Gläubige oder Nichtgläubige, gültig geblieben sind.

Die Rigveda, eine Sammlung hinduistischer Hymnen, die zwischen 2000 und 1500 vor Christus verfasst wurden, ist eine der seltenen Kosmogonien, die die Unmöglichkeit aufzeigt, Erkenntnis zu erlangen, wie das All entstanden ist. Sie macht gleichzeitig deutlich, dass wir in den Grenzen unserer Sprache gefangen sind, wenn es darum geht, das Unbeschreibliche in Worte zu fassen:

Zu jener Zeit war weder Sein, noch Nichtsein,
  Nicht war der Luftraum, noch der Himmel drüber,
 Was regte sich? Und wo? In wessen Obhut?
 War Wasser da? Und gab es den tiefen Abgrund?

Letztendlich beschreiben alle diese Geschichten dasselbe Phänomen aus verschiedenen Perspektiven. In den Ursprungsgeschichten der ganzen Welt findet man Gemeinsamkeiten. Zunächst ist da die Figur des allmächtigen Schöpfers, der die Welt schafft, wobei es viele Variationen der Schöpfungsweise gibt: Während für die ostafrikanischen Bushoong der Gott Bumba sich übergeben muss, um die Welt zu schaffen, entsteht sie für die Hindus aus einer Meditation von Brahma. Oft muss der allmächtige Schöpfer sich für den Abschluss seines Werks selbst opfern. Das gilt für Purusha in der indischen Tradition und für Ymir in den nordischen Mythen. Neben dem allmächtigen Schöpfer existieren Grundstrukturen und -elemente wie das Ei und das Chaos.

Das Weltenei (oder Ur-Ei) findet man häufig in den asiatischen Ursprungsgeschichten wie der von Pan Gu, aber auch bei den Dogonen in Mali oder in der irisch-keltischen Mythologie. Es symbolisiert gleichzeitig die mögliche Erneuerung der Natur. Doch die Welt kann auch im Chaos entstehen: Man denkt hier an die griechische Mythologie, insbesondere die Theogonien des Dichters Hesiod, die das Chaos als undifferenzierten Ursprungszustand des Universums beschreiben. Die Idee, dass aus Unordnung, Ordnung entsteht, ist sehr verbreitet, doch steht sie im Kontrast zur biblischen Schöpfung "ex nihilo" – aus dem Nichts durch den Schöpfergott.

Am Ende spielt das Wasser eine große Rolle. Der babylonischen Kosmogonie des Enûma Elîsch von 1200 vor Christus zufolge war das Universum mit dem Ursprungswasser gefüllt. In vielen Mythen entstehen die Welt oder die Götter aus dem Wasser, einem Symbol der Reinheit. Die Sintflut dagegen ist ein Motiv, das die Schwäche der Menschen gegenüber den Göttern hervorhebt.

In den modernen Gesellschaften hat die Aufklärung die traditionellen schöpferischen Elemente ersetzt. Zahlen haben größere Bedeutung als je zuvor. Wissenschaftliche Modelle versuchen mithilfe heutiger Erkenntnisse und technologischer Werkzeuge Schlussfolgerungen über Geschehnisse der ältesten Vergangenheit zu ziehen. Doch Mythen und wissenschaftliche Modelle schließen sich nicht nur aus, manchmal beeinflussten sie sich gegenseitig. Die 1931 von dem Astrophysiker Georges Lemaître aufgestellte These des Anfangs von Raum und Zeit, nach der sich die Welt durch die Fragmentierung eines "Ursprungsatoms" entwickelt, erinnert stark an den Aufbruch des Ursprungseis. Das Modell wurde weiterentwickelt und führte zur Urknalltheorie. In dieser Kosmologie wird die Entstehung von Raum, Materie und Zeit als schnelle Ausdehnung des Universums beschrieben.

Während man heute plausible Angaben machen oder zumindest ziemlich genaue Modelle über bis vor 13,7 Milliarden Jahren zurückliegende Ereignisse entwickeln kann – das geschätzte Alter unseres Universums –, gibt es für den Ursprung des Lebens auf der Erde bisher keine einheitliche Theorie. Das Alter der ältesten Fossilen von Mikroorganismen wird auf 3,5 bis 4,5 Milliarden Jahre geschätzt. Zwar vermag die darwinistische Evolutionstheorie zu erklären, wie die Lebewesen sich in diesem Zeitraum entwickelt haben, jedoch nicht, wie sie entstanden sind. Dazu gibt es widersprüchliche Ansätze, wie zum Beispiel die alte, sehr umstrittene wissenschaftliche Hypothese der Panspermie, nach der sich einfache Lebensformen über große Distanzen durch das Universum bewegen und die Anfänge des Lebens auf die Erde gebracht haben sollen. Ebenso wie bei den Mythen koexistieren in der Wissenschaft verschiedene Erklärungsmodelle. Eine große Schwierigkeit besteht darin, sich auf eine gemeinsame Definition des Lebens zu einigen. Doch ob alte Schöpfungsgeschichten oder moderne wissenschaftliche Hypothesen – wir sind immer noch darauf angewiesen, neue Ursprungsgeschichten zu entwickeln.

Ist am Ende derjenige glücklicher, der nicht über den Sinn des Lebens nachdenkt, da ein Nachdenken über die Schöpfung und die Herkunft des Lebens überhaupt sinnlos ist? Das behauptet jedenfalls der Buddhismus, für den die Gegenwart, das Erleben des Moments, wesentlich ist. Ein buddhistisches Gleichnis erzählt, das ein Mann von einem vergifteten Pfeil verwundet wird. Bevor er nach einem Arzt sucht, der ihn heilen könnte, will er wissen, woher der Pfeil kam, warum und wie er getroffen wurde. Bevor er die Antworten erhält, ist der Mann gestorben.