Interview

Amerika-Haus-Leiterin: "Trump profitiert von Wählergruppen, gegen die er Politik macht"

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

Sa, 16. Januar 2021 um 18:59 Uhr

Ausland

"Die Zeit mit Grenell war hart für uns", sagt die Direktorin des Freiburger Amerika-Hauses über ihre Erfahrung mit Trumps Botschafter. Ein Interview über die USA in schwierigen Zeiten.

Am Mittwoch wird Joe Biden 46. Präsident der USA. Damit geht auch für das Carl-Schurz-Haus in Freiburg keine einfache Zeit zu Ende. Das Deutsch-Amerikanische Institut ist bei seinen Kultur- und Diskussionsveranstaltungen zu den USA um Neutralität bemüht. Unter der Präsidentschaft Donald Trumps sei das eine Herausforderung gewesen, sagt Direktorin Friederike Schulte.

BZ: Frau Schulte, Sie haben vor viereinhalb Jahren, also noch vor der Präsidentschaftswahl, in einem Interview mit dem Sonntag gesagt, dass sich Donald Trump mit seinen Aufrufen zur Gewalt selbst demontiere. Ist das jetzt, kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, eingetreten?
Schulte: Das habe ich gesagt? Es scheint so zu sein, dass ich Recht behalten habe. Für das Interview habe ich damals nicht direkt Schelte bezogen, doch im Umfeld des Carl-Schurz-Hauses wurde es als etwas unvorsichtig empfunden, sich so klar gegen einen Kandidaten zu positionieren. Das ist eigentlich nicht meine Aufgabe.

"Die überschrittenen roten Linien mehren sich." Friederike Schulte
BZ: Hat Trump mit der Aufforderung an seine Anhänger, zum Kapitol zu marschieren, um sich gegen die seiner Meinung nach gestohlene Wahl zu wehren, endgültig die rote Linie überschritten?
Schulte: Eine solche Situation hatten wir in den vergangenen Jahren x Mal. Denken Sie nur an seine beschwichtigenden Worte nach den rechtsradikalen Ausschreitungen in Charlottesville. Oder als er 2020 dazu aufrief, das demokratisch regierte Michigan zu befreien. Die überschrittenen roten Linien mehren sich. Ob das jetzt in Gang gesetzte Amtsenthebungsverfahren glückt und Trump politisch ausgeschaltet werden kann, ist eine ganz andere Frage. Dafür müssten im Senat mindestens 17 Republikaner Trump verurteilen.

BZ: Welche Reaktion haben Sie in Freiburg auf den Sturm des Kapitols bekommen?
Schulte: Durch die Corona-Pandemie ist der Austausch im Carl-Schurz-Haus leider sehr reduziert. Die USA gilt für viele aber immer noch als Vorbild der Demokratie. Das war der Grundstein der Amerika-Häuser. "Teaching the Germans Democracy", hieß es nach dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb sind die Vorgänge in den USA gerade für die ältere Generation verstörend. Amerikaner, die seit drei oder vier Jahren in Deutschland leben, fühlen sich von der Diskussion in ihrer Heimat abgeschnitten. Sie können nicht mehr nachvollziehen, was da drüben passiert.

BZ: Wie haben Sie den 6. Januar erlebt?
Schulte: Ich hätte mich den Ereignissen am liebsten verweigert. An dem Tag stand ja auch der Sieg der beiden demokratischen Senatskandidaten in Georgia fest. Darüber habe ich mich gefreut, und ich hatte gehofft, dass das die letzten wichtigen News aus den USA an dem Tag sein würden. Es kam anders. Im Carl-Schurz-Haus waren wir am Ende aber froh, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. Wenn man an die freizügigen Waffengesetze denkt und weiß, wie sich die rechten Gruppen abgesprochen hatten, zum Beispiel welche Waffen sie zum Kapitol mitnehmen sollen, dann muss man dankbar sein, dass es nicht mehr Tote gab.

"Es könnte auch zu einer rechten Abspaltung bei den Republikanern kommen. Damit würde das Zweiparteien-System zerbrechen." Friederike Schulte
BZ: Müssen wir zur Amtseinführung Bidens mit Gewalt rechnen?
Schulte: Viele sagen das. Allerdings haben gewaltbereite Gruppen Probleme, sich zu organisieren, weil entsprechende Internet-Plattformen gesperrt sind. Inzwischen gibt es auch die Video-Ansprache von Trump, in der er dazu aufruft, friedlich zu bleiben. Er wirkte dabei allerdings sehr gestresst. Wie immer ist das nur eine Momentaufnahme. Schon morgen kann er etwas ganz anderes sagen. Vielleicht bedarf es auch keines weiteren Aufrufs zur Gewalt, weil die Dynamik dafür bereits in Gang gesetzt ist unter etlichen seiner Anhänger. Der Anlass des Videos dürfte ohnehin das Amtsenthebungsverfahren sein: Er will sich retten.

BZ: Es gibt auch warnende Stimmen vor einem Bürgerkrieg oder rechten Terrorgruppen.
Schulte: Manche sagen, die Demokratie in den USA sei so stark, dass es unter Biden zur Deeskalation kommt. Doch Gewalt gibt es bereits. Man kann nur hoffen, dass es nicht schlimmer wird. Andere sehen jetzt den Breaking Point erreicht, an dem sich das politische System verändert.
Hintergrund: Das Amerika-Haus in Freiburg wurde 1952 wie Dutzende andere in Deutschland von der US-Regierung gegründet. Ziel war eine transatlantische Verständigungsarbeit in Form von Kulturveranstaltungen, Sprachkursen und Diskussionen. Den Namen des deutsch-amerikanischen Revolutionärs Carl Schurz trägt das Haus mit Sitz in der Eisenbahnstraße seit 1969. Heute wird es nur noch zu fünf Prozent von der US-Regierung finanziert. Das Gros der Zuschüsse teilen sich Bund, Land und die Stadt Freiburg. 50 Prozent erwirtschaftet das Institut mit acht Beschäftigten selbst. Friederike Schulte ist seit 2010 Direktorin.

BZ: Gibt es Anzeichen dafür? Ohne große Mehrheiten dürfte das nicht möglich sein.
Schulte:Dazu kann es zwei Wege geben: Entweder man setzt sich zusammen und beschließt eine Änderung. Das ist eher unwahrscheinlich. Es könnte auch zu einer rechten Abspaltung bei den Republikanern kommen. Damit würde das Zweiparteien-System zerbrechen. Die Reformbedürftigkeit des politischen Systems lässt sich alleine daran ablesen, dass die Republikaner in den zurückliegenden 20 Jahren nach absoluten Stimmen keine Wahl hätten gewinnen können.

"Jeder kann sich seine eigene Wahrheit suchen. Wie man das auflösen will, ist mir nicht klar." Friederike Schulte
BZ: Wie kann Biden die Gesellschaft befrieden?
Schulte: Der Historiker Timothy Snyder hat in der New York Times geschrieben, dass unter der Galionsfigur Trump die USA aus dem Postfaktischen herausgetreten sind und vor dem Präfaschistischen stehen. In den USA gibt es kaum noch Lokaljournalismus, das mediale Verhalten, eine Zeitung in die Hand zu nehmen, ist verlernt worden. Jeder kann sich seine eigene Wahrheit suchen. Wie man das auflösen will, ist mir nicht klar.

BZ: Ist damit die Grundlage für das Phänomen Trump schon beschrieben?
Schulte: Hinzu kommt die Unzufriedenheit in der Gesellschaft. Die Wahnwitzigkeit eine Trump besteht darin, dass er in der von sozialer Ungleichheit geprägten amerikanischen Gesellschaft von Wählergruppen profitiert, gegen die er Politik macht.

BZ: Wieso erkennen die Menschen das nicht?
Schulte: Jede Gesellschaft hat ihre Mythen. In den USA ist es der Amerikanische Traum vom sozialen Aufstieg. Der Business-Mann Trump verkörpert das in geradezu überzeichneter Form.

BZ: Auch damit bleibt erklärungsbedürftig, wie Trump auf 74 Millionen Wähler kam.
Schulte: Es gibt selbstverständlich auch viele, die mit dem Portemonnaie wählen. Von Trumps Steuersenkungen haben viele profitiert. Trump hat eine große, schweigende Wählergruppe, die nicht zugibt, ihn zu wählen. Die schauen nur auf ihr Konto.

BZ: Wie sieht die Bilanz im Carl-Schurz-Haus nach vier Jahren Trump aus?
Schulte: Unsere Aufgabe der Verständigungsarbeit ist uns in dieser Zeit ganz besonders bewusst geworden. Davor hatten wir mit Präsident Barack Obama acht Jahre Heldenkultsituation. Da konnten wir Veranstaltungen zum Klimaschutz mit der US-Botschaft in Berlin anbieten, über Minderheiten und Einwanderung diskutieren. Das war ein harmonisches und produktives Verhältnis. Dann kam Trump, und plötzlich gab es von der US-Botschaft andere Ideen, auch wenn wir nicht verpflichtet sind, diese umzusetzen. Die Zeit mit Trumps Botschafter Richard Grenell war hart für uns. Wir wollten das Thema Trump nicht aussparen, aber auch keinen Personenkult betreiben. Um nicht den USA-Koller zu befördern, haben wir uns neben den Diskussionen um seine Person und seine Politik viel mit amerikanischer Kunst und Literatur befasst und Autoren eingeladen, packende Fotoausstellungen zum Beispiel über Armut in den USA gezeigt und versucht, neue Blickwinkel und Zugangsmöglichkeiten zum politisch verfahrenen Diskurs zu finden. Wir haben uns sehr ins Dialogische bewegt und Gesprächsrunden angeboten, in denen sich das Publikum einbringen konnte. Das ist immer wichtiger geworden.

"Die Wahnwitzigkeit eines Trump besteht darin, dass er in der von sozialer Ungleichheit geprägten amerikanischen Gesellschaft von Wählergruppen profitiert, gegen die er Politik macht." Friederike Schulte
BZ: Das Bild der USA hat unter Trump gelitten. Müssen Sie jetzt Aufbauarbeit leisten?
Schulte:Erstaunlicherweise ist das Interesse an den USA in den zurückliegenden Jahren sogar gestiegen. Dadurch, dass Protestbewegungen wie Black Lives Matter und Intellektuelle laut gehört werden, gibt es auch Mitgefühl. Auf der anderen Seite haben wir in Deutschland die AfD und die Querdenker, und wir hatten die Proteste vor dem Reichstag. Gefeit vor Spaltungsproblemen ist auch die deutsche Gesellschaft nicht. Zum Glück gibt die deutsche Kultur eine Figur wie Trump nicht her. Die Probleme im Ansatz kennen wir aber auch.

BZ: Gelingt es Biden, die Spaltung aufzuhalten?
Schulte: Ich mach mir schon Sorgen um seinen Slogan ’Es ist Zeit zur Heilung’. Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass man sich damit leicht lächerlich macht. Er wird seine Rhetorik anpassen müssen. Hoffnung macht mir sein Team, das er aufgestellt hat. Aber schwierig wird es auf jeden Fall.
Termin: Transatlantic Tuesday, Veranstaltungen im Carl-Schurz-Haus auf dieser Website ; am Dienstag, 19. Januar, 19 Uhr, geht es um QAnon und Verschwörungstheorien.