Literatur

Arno Camenischs Museum der Abschiede

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Do, 28. Mai 2020 um 20:00 Uhr

Literatur & Vorträge

Schreibt der Schweizer Literaturstar Arno Camenisch das immergleiche Buch? Das nun nicht, aber er setzt mit "Goldene Jahre" unbeirrt sein Archiv verlorener Zeiten in Graubünden fort.

Es hat eine sanfte Ironie, dass Margrit und Rosa-Marie just im Jahr der Mondlandung losgelegt haben, 1969, als die Welt nur eine Richtung kannte: in die Zukunft. Denn heute, 51 Jahre später, sitzen die beiden noch immer in Spaghettistühlen vor ihrem kleinen Kiosk mit der schmucken Leuchtreklame, dem "ewigen Liechtli" des Dorfes – und blicken zurück auf "Goldene Jahre" in Graubünden, wo Arno Camenischs Bücher in der Regel spielen und zurückblicken. Seit fünf Jahrzehnten ist der Kiosk Nachrichtenzentrale und Kummerkasten, und im Grunde ist es wie immer, auch wenn die Umgehungsstraße Kunden auf einen anderen Orbit lotst, die Benzinpreise für die Zapfsäule heute jeden Tag wechseln und die Schweizer Nationalbonbons Sanagol und Sugus nicht mehr in aller Munde sind.

Heftli-Psychologie und Pfarrers Geheimnisse

Rosa-Marie und Margrit mussten nicht viel tun, um nun all diese Geschichten erzählen zu können, denn sie kamen und kommen ja zu ihnen. Vom Gauner bis zum Hotelchef, vom klapprigen Töff bis zum ersten Trabi der Wendezeit, von den Rennradlern der Tour de Suisse bis zu den Damen auf E-Bikes, vom Bundesrat bis zu Filmstars wie Ornella Muti: Die Kioskbesitzerinnen kennen die Liebhaber und Sehnsüchte, die großen Träume und die kleinen Niederlagen. Sie helfen mit der Heftli-Psychologie ihrer Magazine, wenn der Pöstler Liebeskummer hat, und sie schweigen über die heimlichen Vorlieben des Pfarrers.

Der heute 42-jährige und vielfach ausgezeichnete Camenisch betrat 2009 mit "Sez Ner" die literarische Bühne. Die Kindheitserzählung "Hinter dem Bahnhof" und der "Ustrinkata" in der schließenden Beiz komplettieren seine "Bündner Trilogie", die mit ihrer Mischung aus schweizerisch gefärbtem Hochdeutsch und rätoromanischen Einsprengseln einen neuen, ganz ortsspezifischen Ton einführte, dem er bis heute treu blieb.

Auch in "Goldene Jahre" bleibt das literarische Prinzip die mündliche Erzählung: Anekdoten und Tratsch der Akteure, hinter denen der Erzähler bis auf kleine Regieanweisungen verschwindet. In den besten Fällen schwingt in den Geschichten etwas allgemein menschlich Berührendes, sie können aber auch in flacheren Pointen über "Mombuts"-Stiefel landen. Die Nostalgie kann Camenisch mit lakonischem Schmunzeln meist von den Staubflusen der Heimatliteratur freihalten, sein spürbar großes Herz nimmt die mal mehr, mal minder lebensweisen Figuren in Schutz.

Wie bei Neil Young: "Es ist ein einziges Lied!"

Elf Bücher hat Camenisch inzwischen geschrieben, alle um die 100 Seiten lang, ein Museum der Abschiede: von der Dorfbeiz, vom Schnee, vom Leben im Schulhaus, von der Liebe. Die zwei von der Zapfsäule sind da nur scheinbar eine Ausnahme: Sicher, nach 51 Jahren denken sie noch nicht ans Aufhören, aber auch Rosa-Marias refraingleicher Blick durch die Goldrandbrille richtet sich zurück. Auch bei ihnen ist weniger Schnee als früher, weniger Zeit, weniger Gemeinsamkeit, mehr Konkurrenz, Hektik und Druck: "Die es immer so pressant haben, die sind uns sowieso etwas suspekt."

Nach Dorfschule, Beiz, Skilift und weiterem Alpeninventar hat Camenisch nun einem sympathischen Kiosk ein Denkmal gesetzt und es sich zugleich vielleicht etwas bequem gemacht in seiner bündnerischen Komfortzone. Wenig ist vom Beckett’schen Ausgeliefertsein des "Letzten Schnee" zu spüren, wenig vom lebensfroh angetrunkenen Witz der "Ustrinkata", die Ausschläge sind flacher.

Überhaupt: Schreibt Camenisch nicht das immer gleiche Buch mit wechselnden Protagonisten? Neil Youngs Live-Album "Year Of The Horse" beginnt mit einem legendären Zwischenruf: "Sie klingen alle gleich!" – worauf der Musiker kontert: "Es ist ein einziger Song!" So schreibt auch Arno Camenisch seit Jahren am großen Buch über die Suche nach einer verschwundenen Schweiz und einem verschwindenden Leben. Das macht ihn ein Stückweit tatsächlich zum Heimatautor: als Chronist des schleichend schmerzhaften Verlusts.

Arno Camenisch: Goldene Jahre, Engeler-Verlag 2020, 101 Seiten, 19 Euro.