Verdingkinder in der Schweiz

Um die Kindheit betrogen

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Mo, 08. April 2013

Ausland

Die Schweiz will sich in dieser Woche erstmals für das schwere Unrecht entschuldigen, das die Behörden den Verdingkindern angetan haben – ein Betroffener erzählt.

Dort, wo die Idylle am größten ist, geschehen die schlimmsten Verbrechen. Den Satz hatte Hugo Zingg Stunden zuvor nahezu beiläufig gesagt, lange vor dem Ausflug ins Berner Oberland. Da hat er nicht von sich gesprochen, sondern ganz allgemein von den Klöstern und Dorfschulen, angesehenen Bürgern, frommen Priestern und blind funktionierenden Beamten, ja von der Schweiz im Allgemeinen.

Jetzt steht er am Rand eines schmalen Weges, es ist kalt, ein klarer, sonniger Märztag, im Hintergrund erheben sich die schneebedeckten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau, im Vordergrund biegt sich der Thuner See wie eine Banane um eine Bergkette. "Ein wunderbares Panorama", sagt Zingg ein wenig träumerisch. Es gibt Momente, in denen er freudig schwärmen kann. Trotz allem.

Der 77-Jährige ist stolz auf seine Heimat und dieses Panorama. "Nur habe ich das damals nicht gesehen", sagt er in einen Moment der Stille hinein, und in seine bisher feste Stimme mischt sich ein resignierter Grundton. Schon bei der Einkehr im Dorfgasthof Bären hatte sich ein leichtes Zittern der Finger gezeigt, als er das Glas hielt. Dabei hatte Zingg ohne Zögern eingewilligt in die Fahrt in den kleinen Ort nahe der Stadt Thun. Er wollte zeigen, wo das Verbrechen geschah.

Das Verbrechen hat im Strafgesetzbuch keinen Namen, keinen Paragrafen, aber Zingg formuliert eine klare Anklage: "Man hat mir meine Kindheit genommen. Man hat mir mein Recht genommen, ein Mensch zu sein." Das Verbrechen begann vor 71 Jahren, und Zingg will, dass seine Mitmenschen es endlich sehen – und damit ihn in seiner ...

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