Literaturarchiv Marbach

Außen hui, innen pfui? Direktorin Sandra Richter in der Kritik

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 04. August 2020 um 19:08 Uhr

Literatur & Vorträge

Sandra Richter, seit 2019 Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach und erste Frau auf dem Posten, steht in der internen Kritik. Doch sie sieht ihr Haus in einem konstruktiven Prozess.

Sie kann – nach nur eineinhalb Jahren – eine glänzende Bilanz vorweisen. Eigentlich. Vier Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln eingeworben, 19 neue Stellen für ihre Institution gewonnen, finanziert von Bund und Land: Sandra Richter, 46, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach (DLA) und die erste Frau auf diesem Posten, ist in ihre neue Karriere fulminant gestartet. Bis zum Umzug auf die Schillerhöhe war die Literaturwissenschaftlerin – seit 2008 – Professorin in Stuttgart und Nachfolgerin des legendären Heinz Schlaffer. Doch seit diesem Frühsommer, in dem Corona immer noch für eine weitgehende Stilllegung aller öffentlichen Aktivitäten beim Hort literarischer Hinterlassenschaften sorgt – um die 1500 Dichternachlässe lagern hier, es kommen naturgegeben ständig welche dazu –, rumort es hinter den Fassaden: vor allem hinter denen des unspektakulären Hauptgebäudes aus den 1970er-Jahren, in dem unter anderem die Bibliothek untergebracht ist.

Offenbar an die Südwestpresse durchgesteckte anonyme Briefe brachten eine Dynamik ins Rollen, die bis heute nicht an Fahrt verloren hat; gerade auch was das mediale Echo – von den regionalen über die überregionalen Tageszeitungen bis zum Magazin Spiegel und den ARD-"Tagesthemen" – angeht. Die Archivleiterin bemüht sich, es positiv zu sehen, auch wenn sie das durch die Berichterstattung aus ihrer Sicht entstandene "Zerrbild" heftig kritisiert, sogar vom "Kampagnencharakter" spricht: Hier hätten sich Stimmen Luft verschafft, die sich seit vielen Jahren schon, also lange vor ihrem Amtsantritt, an den Marbacher Strukturen rieben. Jetzt könne man die Probleme endlich angehen; sie sei froh, dass sich der – "zum Leidwesen aller an die Öffentlichkeit gelangte" – Unmut von 38 der 272 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Beginn ihrer Amtszeit artikuliert habe. Ein konstruktiver, produktiver Prozess sei in Gang gekommen, der zu einschneidenden Änderungen führen werde. In Bälde soll außerdem eine Organisationsanalyse im Haus beginnen.

Eine Mitarbeiterversammlung Mitte Juli, bei der man sich ausgesprochen habe, gibt Richter Anlass zur Hoffnung. Mit dem Betriebsrat, der zu den internen Vorgängen – vordergründig geht es um die Kündigung einer Abteilungsleiterin – öffentlich keine Stellung bezieht, habe man sich auf ein externes Coaching, einen, wie das heute heißt, Change-Management-Prozess geeinigt – mit dem Ziel, die verkrusteten Marbacher Verhältnisse neu zu justieren. Es gebe, deutet Richter im Gespräch mit der BZ an, Mitarbeiter, die sich nicht ausreichend geschätzt fühlten. Die an der Außenwahrnehmung des Archivs in Ausstellungen und Veranstaltungen eher nicht beteiligt seien. Die aber die Basisarbeit leisteten, um das Material des Archivs für die Forschung überhaupt erst zugänglich zu machen. Sie versuche, versichert Richter, mehr mit diesen öffentlich Unsichtbaren in Kontakt zu kommen. Mit einem betriebsinternen "Reformstau" in diesem Ausmaß habe sie nicht gerechnet.

Sandra Richter, eine große schlanke Erscheinung, die allein aufgrund ihrer Haarpracht in keinem Raum länger als wenige Sekunden unbeachtet bleiben kann, gibt sich gelassen. Dabei ist in den vergangenen Wochen einiges eingeprasselt auf die Direktorin. Ein schlechter Führungsstil wurde ihr ebenso vorgeworfen wie ihre mangelnde Präsenz in der verschlafenen baden-württembergischen Kleinstadt, die allein deshalb zum literarischen Herzen Deutschlands geworden ist, weil hier vor fast 260 Jahren, am 10. November 1759, der große Friedrich Schiller geboren wurde, hier die ersten fünf Lebensjahre verbrachte. Das schneeweiß getünchte Schiller-Nationalmuseum entstand auf dem Höhepunkt des patriotischen Kults um den Goethe-Freund. Die seit 1890 existierende Schillergesellschaft ist Gründerin und Trägerin des seit 1955 bestehenden Archivs. Ihr Präsident Peter André Arlt stellt sich in einem Schreiben vom 7. Juli an die Betriebsratsvorsitzende mit klaren Worten auf die Seite der angegriffenen Direktorin. Von "regelmäßigen Arbeitstreffen" ist darin die Rede, vom "kontinuierlichen Austausch mit dem Betriebsrat" und von "vierteljährlichen Rundbriefen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" zur Verbesserung der internen Kommunikation. Von der in dem Brief des Betriebsrats beklagten "desolaten Lage" in Marbach könne keine Rede sein.

Richter selbst, Mutter von zwei Töchtern, die sich zu mehr Präsenz in Marbach verpflichtet sieht, empfindet sich eher als Teamarbeiterin denn als autonom entscheidende Führungskraft. Ihr sei daran gelegen, sagt sie, den einzelnen Abteilungen mehr Freiraum einzuräumen. In den schwierigen Corona-Zeiten sei eine kontinuierliche Kontaktpflege notgedrungen kaum möglich gewesen. Auch die Einstellung neuer Mitarbeiter erweist sich zur Zeit als zäh und schleppend. Erst drei der 19 bewilligten Zusatzstellen sind bereits in der Besetzungsphase. Mit der dringend erforderlichen Digitalisierung der Bestände komme man nur mit dem nötigen Fachpersonal voran. Dass dieser Prozess forciert werden müsse, darin sei man sich einig, sagt Richter. Nur durch Digitalisierung seien die Bestände auf Dauer zu sichern – was die analoge Arbeit am Originalmanuskript allerdings nie ersetzen werde.

Parallel dazu soll in Marbach weiter gebaut werden: an einem dringend notwendigen Neubau fürs Archiv, der auch ein Erlebnisort für Besucher werden soll. 2,5 Millionen Euro sind vom Bund bewilligt, das Land muss finanziell noch nachziehen wie bei den 19 neuen Stellen. Eine Routinesache, meint Richter. Die Zeichen stehen also auf Zukunft im DLA. Eigentlich. Ob sie trotz allem Spaß habe an ihrer Arbeit? "Auf jeden Fall. Fragen Sie mich das aber gern auch nochmal in sechs Monaten", sagt Sandra Richter. Und fügt hinzu: "Fragen Sie mich, ob ich das Amt angenommen hätte, wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt: Ich hätte es mir noch mal überlegt."