Selbstversuch

Beim Backbeatfestival in Vogtsburg lernt man von Profis zu trommeln

Eva Buchholz

Von Eva Buchholz

Di, 14. Juni 2022 um 10:33 Uhr

Vogtsburg

Beim Backbeatfestival des Volksbildungswerks Vogtsburg konnten auch musikalische Einsteiger tief in die Welt des Rhythmus eintauchen.

Was geschieht, wenn sich jemand ohne jegliche Vorkenntnisse zu einem Kurs rund ums Trommeln anmeldet? Das wollte BZ-Mitarbeiterin Eva Buchholz wissen, die von Musiknoten keine Ahnung hatte und trotzdem beim viertägigen Backbeatfestival auf dem Gelände der Wilhelm-Hildebrand-Schule teilnahm. Nach vier Tagen mit Kursen und Konzerten ging sie mit einer neuen Erkenntnis nach Hause.

Der Einstieg
Als Dozent Pitti Hecht aus Hannover seinen Koffer vor den Teilnehmern aufklappt, staune ich nicht schlecht: ein Durcheinander aus Holz, Metall und buntem Plastik, das entfernt an Spielzeug erinnert – sogenannte Effect Percussions. Als ich den Rainmaker in die Hand nehme und leicht neige, kommt es zu einem akustischen Regenschauer, der gar nicht so recht zum sonnigen Wetter zu passen scheint.

Der Perkussionist setzt die Effect Percussions gerne zwischendurch ein, während seine bunt gemischte Schülerschar versucht, den Rhythmus mit den flachen Händen auf den großen, blauen Congas zu halten. Dumba dumba dumba dumba dum. Solange alle Teilnehmenden im gleichen Rhythmus bleiben, ist alles noch recht einfach.

Nun lässt Pitti einige einen schnelleren Takt schlagen, während andere die geübte Klopf-Folge beibehalten sollen. Einem unserer Workshopteilnehmer gelingt sogar ein kleines Solo mit einer eigenen, viel schnelleren Schlag-Folge. Ein anderer "antwortet" darauf mit einer ähnlich schnellen Schlagfolge. Ich konzentriere mich nur auf den Rhythmus und die Laute, die ich mit den noch fremden Menschen um mich herum erzeuge und die nach trommelnder Übereinstimmung klingen.

Entspannung wie im Urlaub
Festivalorganisator Sebastian König aus Oberrotweil mischt sich gutgelaunt mit den Effect Percussions aus Pittis Koffer in unseren Kreis: mal wispernd, mal quakend, dann scheppernd, schnarrend, zischend oder rasselnd. Trotz der akustischen Ablenkungsmanöver gelingt es mir, den Rhythmus beizubehalten und dabei den anderen zuzuhören, mich weder von den Soli noch von den eingestreuten Soundeffekten ablenken zu lassen. Mein Arbeitsalltag ist jetzt so weit weg wie sonst erst nach drei Wochen Urlaub. Auch Workshops mit afrikanischer Percussion, mit Rahmentrommeln, Drumset mit Soundboard und Electronic und ein Stepptanzseminar hat das Festival im Angebot.

Die Idee dazu kam Sebastian König, nachdem die Landesmusikräte das Drumset zum Instrument des Jahres 2022 gewählt hatten: "Ich wollte Anfänger ebenso ansprechen wie Fortgeschrittene, Semiprofis und Profis", sagt König über die Kurse, die er für das Bildungswerk Vogtsburg organisiert hat. Wer strenge Zeitpläne gewöhnt ist, kann sich hier lockermachen: Wir sind schließlich unter Musikern. Dafür hören sich die Dozenten auch mal die Soundkomposition einer Schülerin an, ohne auf die Uhr zu schauen.

Notenkunde ganz nebenbei
Ich gehöre zur Gruppe der Anfänger und kann nicht einmal Noten lesen. Darauf kommt’s beim Trommeln auch gar nicht so sehr an, erfahre ich bei Murat Coskun, einem weiteren Dozenten. Immerhin lerne ich in seinem Rahmentrommel-Workshop beim Rhythmusklatschen innerhalb weniger Minuten den Unterschied zwischen Achtel-, Sechzehntel- und sogar Zweiunddreißigstel-Noten.

In der Schulaula weiht derweil Raphael Kofi seine Workshopteilnehmer in die Geheimnisse des afrikanischen Trommelns mit Djemben ein. Wir finden in eine Art Grundrhythmus, laut und sehr synchron. Manchmal singt Raphael in einer fremden Sprache, während wir weitertrommeln. Ich fühle mich entspannt und fokussiert zugleich, das Wort "Trance" kommt mir in den Sinn, während vor meinem inneren Auge Löwen und Giraffen vor einem Sonnenuntergang vorbeiziehen.

Weinkarton als Instrument
Marvin Blamberg zeigt, wie man den Klang des Beckens mit elektronischen Effektgeräten verändern kann: Mal geht der Sound nach oben, mal nach unten; mal klingt er wärmer, mal aggressiver. Wie das funktioniert, zeigt Sebastian (wir sind alle von Anfang an per Du) während der abendlichen Konzerte. Auf einem Weinkarton erzeugt er mit Jazz-Besen Töne am Drumset: klackernd und quakend, scheppernd, schnarrend, knackend und schnipsend. Mit der Stimme formt er fragende Laute, die im Saal nach Antworten suchen und nur ein zartes Echo zurückbekommen: bizarr; experimentell. Das Drumset ist mit Mikrofonen von Tontechniker Ingo Rau bestückt, der die Musiker mit Effekten in Szene setzt.

Ein persönliches Fazit
Es ist fast Nacht, als ich mit dem Fahrrad den Heimweg antrete. Neben dem Zirpen der Grillen höre ich nicht nur Vogelstimmen – ich merke, dass ich ihnen regelrecht zuhöre. Auch sie scheinen etwas in die Stille hinein zu fragen, um nach wenigen Sekunden von irgendwoher eine Antwort zu bekommen, ähnlich den Effect Percussions aus Pittis Reisekoffer. Mein Resümee: Das herzliche Miteinander und das spontane Jammen waren wohltuend und inspirierend. Miteinander zu trommeln ist auch ein Prozess des einander Zuhörens, des sich fragend und antwortend Aufeinanderbeziehens – wie in einem angeregten Gespräch, in dem Zuhören und Sprechen abwechseln, die Gesprächspartner sich hie und da ein Solo leisten, ohne in Monologe abzudriften.