Interview

Bergwacht-Chef als Fluthelfer in Rheinland-Pfalz: "Das begreift man erst mit der Zeit"

Florian Kech, Nina Witwicki

Von Florian Kech & Nina Witwicki

Do, 29. Juli 2021 um 18:53 Uhr

Südwest

Nach der Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz und NRW reisten Helfer auch aus Südbaden in die Krisengebiete. Einer von ihnen: Adrian Probst, Landeschef der Bergwacht Schwarzwald.

BZ: Herr Probst, Sie waren in Rheinland-Pfalz im Einsatz. Was war Ihre Aufgabe?
Probst: Unser Auftrag bestand darin, den Stab des Landes Rheinland-Pfalz zu unterstützen, der sich im Landkreis Ahrweiler aufgebaut hat, oberhalb von Bad Neuenahr-Ahrweiler in der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und zivile Verteidigung. Auf dieser Anhöhe war unser Standort und die Kräfte waren im Ahrtal selbst.

"Da waren Einsatzkräfte, die schon zwei, drei Tage im Einsatz waren und gleichzeitig auch private Vermisste in der Familie hatten."

BZ: Die Bilder machen fassungslos. Welche Lage bot sich Ihnen?
Probst: Wir sind am 18. August, also Sonntagfrüh um 7 Uhr nach Rheinland-Pfalz aufgebrochen. Wir hatten auf der Anfahrt verschiedene Vorstellungen davon im Kopf, wie es sein könnte, verglichen mit anderen Umweltereignissen. Aber was uns dann im Ahrtal da tatsächlich sich als Lagebild geboten hat, das war ganz schwer zu begreifen. Ein Bild der Verwüstung. Ganz schwierige Zugänglichkeit der Orte, natürlich auch viel menschliches Leid. Da waren Einsatzkräfte, die schon zwei, drei Tage im Einsatz waren und gleichzeitig auch private Vermisste in der Familie hatten. Selbst kein eigenes Haus mehr hatten. Also unglaubliche Szenen, die man in Mitteleuropa, in Deutschland, kaum vermuten würde.
Adrian Probst (32) ist Bürgermeister von St. Blasien und Landeschef der Bergwacht Schwarzwald.

BZ: Wie geht es Menschen, die Angehörigen und ihren gesamten Besitz verloren haben?
Probst: Am Montag vergangene Woche war ich im Ahrtal selbst. In Ahrbrück trafen wir, vier Tage nach dem Unglück, auf Kräfte, die völlig überarbeitet waren und die Tag und Nacht durchgearbeitet hatten. Die Bevölkerung befand sich auf dem Schulgelände, hatte einen großen Grill aufgebaut und den Supermarkt leer geräumt, um sich auf eigene Faust zu ernähren. Das waren unglaubliche Szenen.

BZ: Sind Ihnen einzelne Schicksale besonders nahe gegangen?
Probst: Es sind viele einzelne Geschichten. Eine Familie hat berichtet, dass die Nachbarn auf dem Dach waren, um sich vor den Fluten in Sicherheit zu bringen. Man hatte wohl Rufkontakt zueinander, bis das Haus der Nachbarn mit der Familie weggeschwemmt wurde. Sie sind bis heute vermisst. Dazu kommt das gesamte Umfeld, in dem man dort arbeiten muss. Es kommt zu Bränden, weil Gastanks Leckagen haben, es kommt zu Stromunfällen, weil noch Stromleitungen im Wasser liegen und vieles mehr. Das alles passiert an jedem Eck und an jedem Ende im großen Ahrtal. Das sind eindrückliche Erlebnisse, die uns nahe gegangen sind und die man erst mit der Zeit begreift.



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"In einer hoch vulnerablen Situation Menschen aufzuwiegeln gegen die, die helfen wollen, das ist eine Sache, die überhaupt nicht geht. So eine Situation hat uns bei diesem Einsatz zum ersten Mal in dieser Form beschäftigt."

BZ: Es gab Berichte darüber, das Rettungskräfte aggressiv angegangen worden sind. Haben Sie solche Erfahrungen machen müssen?
Probst: Ja, aber man muss sich auch in die Menschen hineinversetzten. Wenn keine Brücken mehr bestehen, keine Zufahrtswege mehr vorhanden sind, wenn das Wetter auch Flüge nicht zulässt, dann kann es länger dauern, bis Hilfe zu den Menschen vordringt. Und diese Erfahrung ist in einer Notsituation eine nur schwer zu ertragende, auf die Menschen ganz unterschiedlich reagieren. Die einen reagieren mit großer Dankbarkeit, die anderen aber auch mit Kritik und Vorwürfen. Doch es gab auch Kräfte vor Ort, Interessensgruppen, Staatsgegner, Selbstverwalter, Querdenker, die diese hoch sensible Lage genutzt haben, um ganz gezielt Stimmung gegen Staatlichkeit zu machen. Sprich gegen die Hilfsdienste, die Polizei, die Bundeswehr, die Feuerwehren. In einer hoch vulnerablen Situation Menschen aufzuwiegeln gegen die, die helfen wollen, das ist eine Sache, die überhaupt nicht geht. So eine Situation hat uns bei diesem Einsatz zum ersten Mal in dieser Form beschäftigt.

BZ: Sie konnten in Rheinland-Pfalz Gespräche mit dem Bundesinnenminister Horst Seehofer und dem Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz des Katastrophenhilfe Armin Schuster führen. Was wurde besprochen?
Probst: Diese extreme Unwetterlage der Flutkatastrophe ist ein Extrem in einer Reihe von Unwetterereignissen, Katastrophen und Krisenlagen. Corona war eine davon. All diese Punkte bringen uns, die Organisationen und Behörden zu der Erkenntnis, dass wir im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz viele Weichen für die Zukunft stellen müssen. Ich fand es gut, dass sich die Politik vor Ort ein Bild gemacht hat.Und ich finde es richtig, dass man schon jetzt damit beginnt, zu überlegen, was wir besser machen können. Das ist ein großes Aufgabenfeld für unsere Gesellschaft. Der Austausch darüber mit Horst Seehofer und Armin Schuster war wertvoll und konstruktiv.

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