Beziehungen von Mensch und Natur

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Do, 19. Mai 2022

St. Blasien

Kreismuseum St. Blasien zeigt 15-teilige Werkserie des Künstlers Anthony Agbovi.

. Sind es Baummenschen oder Menschenbäume, die der aus Ghana stammende Künstler Anthony Agbovi im Kreismuseum in St. Blasien ausstellt? Seine 15-teilige Werkserie macht jedenfalls deutlich, dass Mensch und Umwelt untrennbar miteinander verbunden sind. Doch wer nimmt größeren Schaden an der Umweltzerstörung, die Umwelt oder der Mensch selbst? Jeder Betrachter soll sich dazu seine eigenen Gedanken machen, eigene Interpretationen entwickeln zu den dargestellten Beziehungen von Mensch und Natur.

Agbovi kreiert mit seinen Baum-Mensch-Mutationen jedenfalls eine in die Zukunft gewandte Antwort. Er betrachtet sie als Zeichen dafür, dass wir uns an die sich ändernden Verhältnisse anpassen und uns in ihnen neu integrieren müssen. "Bei Integration und Anpassung verlieren wir nicht, sondern wir lernen dazu", erklärt er , und fährt fort, die alten Werte blieben als Schatz in unserem Gedankenarchiv, aber das Neue erweitere unsere Äste und Zweige, die wiederum neue Blätter und Früchte hervorbrächten . "Wir sollten die Natur in uns und uns in der Natur erkennen", ist Agbovi überzeugt, "wir sind selbst Natur, und wenn wir uns um die Natur kümmern, kümmern wir uns um uns selbst".

Im Jahr 1981 in Dzogbeti Kofe, Ghana, geboren, malte Anthony als kleiner Junge gern im elterlichen Hof im Sand. Auf Künstlerisches wurde in seiner Schulausbildung indes kein Wert gelegt, und auch nachdem er mit 21 seine deutsche Frau kennengelernt hatte, die damals ein freiwilliges soziales Jahr in Ghana absolvierte, fand er noch nicht gleich zur Kunst, sondern nahm 2004 an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig sein Studium des Internationalen Managements auf.

Für den Berufseinstieg kehrte die junge Familie nach Ghana zurück, und erst bei der Rückkehr nach Europa 2013 begann Anthony Agbovi zu malen.

Heute arbeitet Agbovi beim Jobcenter in der Flüchtlingsintegration, die Familie lebt in Wehr, wo die Wohnung inzwischen überquillt vor Bildern. Dort hat er auch Wehrs Altbürgermeister Klaus Denzinger kennen gelernt, der den Künstler als Freund betrachtet, und ihn bei der Vernissage vorstellte.

Musikalisch begleitet wurde die Vernissage von der Band "Smoke generation", die sich aus Arbeitskollegen Agbovis rekrutiert, und ganz stolz darauf war, seinen Musikgeschmack ausfindig gemacht zu haben. Er habe, so Denzinger, Agbovis Hingabe, Liebe und Leidenschaft für seine Kunst kennen gelernt und staune immer wieder über sein großes Interesse an der Geschichte und an der Interaktion von Mensch und Natur.

Seine Aufgeschlossenheit, Freundlichkeit und Zuvorkommenheit erweise sich auch in der großen Zahl an Nachbarn, die sich eigens auf den Weg gemacht hätten, um dieser Vernissage beizuwohnen.

In kraftvollen, ausdrucksstarken Farben kommen Agbovis Baumwesen daher. Und auch der flächige Stil und der expressive Duktus, die Reduktion auf elementare Kennzeichen dessen, was abgebildet wird, erinnern möglicherweise an afrikanische Kunst. Zugleich aber erzählen Agbovis Bilder Geschichten, betonen ganz bestimmte charakteristische Merkmale der jeweils Porträtierten. So stellt etwa das "Dzogbeti – Bruder der Erde und des Feuers" betitelte Bild drei mächtige Stämme dar, deren beide äußere ein Tor bilden, in dessen Mitte im Vordergrund quasi die Titelfigur aufragt.

Gedanken, Wahrnehmungen, auch Erlebnisse spiegeln sich in den Bildern. Zu dem Werk "Alesia" beispielsweise hat den Künstler die Geschichte einer ihm unbekannten jungen Frau inspiriert, die einen schweren Unfall hatte. "Wenn Bäume beschnitten werden, treiben sie wieder aus", erklärt er dazu, und auch die Krone dieser Baumfrau strotzt förmlich vor prallem Leben, trotz der immer noch deutlich sichtbaren Narbe.