Südbaden

Darf man Obst und Nüsse einfach aufsammeln? Nein, sagt die Expertin

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

So, 02. Oktober 2022 um 18:04 Uhr

Südwest

Der Sonntag "Die paar Nüsse, die ich mitnehme, das macht doch nichts": So denkt wohl mancher Spaziergänger – und liegt falsch. Eine Landwirtschaftskennerin erklärt, wieso diese Haltung viele Bauern ärgert.

"Obst zum Mopsen?" – unter diesem Titel ist am 25. September ein Beitrag der Nachrichtenagentur dpa in unserer Sonntagszeitung "Der Sonntag" erschienen. "Jeder Baum und jeder Strauch gehört jemandem", stand da zwar geschrieben – trotzdem kam der Artikel bei vielen südbadischen Landwirten nicht gut an. Verginiya Kaerger, Bezirksgeschäftsführerin Müllheim beim Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband (BLHV), räumt im Interview mit Missverständnissen auf.

BZ: Frau Kaerger, wieso hat der Artikel zum Thema Sammeln von Obst und Nüssen die Landwirte in der Region so aufgebracht?
Kaerger: Landwirte haben uns berichtet, dass Menschen extra mit großen Plastiktüten gekommen sind, um Walnüsse und Obst einzusammeln. Als sie von den Landwirten darauf hingewiesen worden sind, dass das nicht erlaubt sei, beriefen sich die Sammler auf den Text aus "Der Sonntag". Dort sind einige Sachen zum Thema missverständlich formuliert, so dass bei vielen der Eindruck entstanden ist, sie könnten tatsächlich hingehen und zum Beispiel heruntergefallene Walnüsse aufsammeln. Das ist sehr unschön für die Landwirte, denn diese führen einen wirtschaftlichen Betrieb. Sie brauchen die Ernte, die sie veredeln und verkaufen. Dass verbotenerweise Früchte, Nüsse und auch mal Gemüse mitgenommen werden, führt sowieso schon immer wieder zu finanziellen Einbußen bei den Landwirten, da macht so ein Text natürlich sauer.

"Sich an fremdem Eigentum zu bedienen, und genau das ist das Aufsammeln, ist strafbar." Verginiya Kaerger
BZ: Die paar Nüsse, die ich mitnehme, das macht doch nichts – mag da so mancher denken...
Kaerger: Doch, das tut es, es bringt den Landwirt um sein Geld. Und wenn wir uns vorstellen, dass zehn, zwanzig, dreißig Leute so denken, dann sind wir schnell bei beträchtlichen Einbußen. Aber darum geht’s gar nicht, wir reden hier nicht von ein bisschen mehr oder weniger. Sich an fremdem Eigentum zu bedienen, und genau das ist das Aufsammeln, ist strafbar. Der Landwirt hat das Problem, dass diese Straftat schwer zu verfolgen ist. Bei Diebstählen, die einen Wert von unter 50 Euro haben, muss er selbst Anzeige erstatten. Das heißt, er muss den Übeltäter auf frischer Tat ertappen. Er hat dann zwar das Recht, denjenigen festzuhalten und seine Personalien aufzunehmen, ich brauche ja nicht ausführen, wie unzumutbar das für die Landwirte ist. Wir haben generell das Problem, dass sich einige Menschen und auch Hundebesitzer auf Feldern, Wiesen und Gärten überall sehr willkommen fühlen und sich nach Herzenslust bedienen.
Hintergrund: Es gibt auch legale Ernte an fremden Bäumen – nämlich dann, wenn diese speziell gekennzeichnet sind: mit einem gelben Band. Wie das funktioniert, zeigt beispielsweise der Obst- und Gartenbauverein Kappel-Grafenhausen.

BZ: Es gibt doch aber Situationen, in denen das erlaubt ist. Davon handelte ja auch der Text.
Kaerger: Das ist korrekt, es gibt Ausnahmen. Doch hier in Südbaden ist die Landwirtschaft so kleinteilig, hier wird quasi jedes Eckchen bewirtschaftet, so dass diese Ausnahmen so gut wie gar nicht vorkommen. Wir haben so gut wie keine wilden Apfelbäume, diese müssten dann auch unveredelt sein, also kleine Holzäpfel tragen. Auch die Walnuss-, Kirsch- und andere Obstbäume auf Ackerrändern, selbst wenn sie ganz vereinzelt stehen, sind mal angelegt worden und gehören jemandem. Die Formulierung "wild lebender Baum" heißt nicht, wie viele annehmen, einer, der alleine steht. Sondern "nicht angelegt". Auch Bäume auf Böschungen sind nicht zwingend wild, die Böschung kann einem Angrenzer gehören und von ihm oder einem Vorfahren künstlich angepflanzt worden sein. Außerdem haben wir in Südbaden viele Kleinbrenner. Die lassen Obst oft eine Weile unter den Bäumen liegen und holen es später für den Schnaps. Nur weil da was rumliegt, heißt das also nicht, es wird nicht gebraucht. Bäume auf öffentlichen Straßen gehören zwar oft der Gemeinde, die verpachtet diese Flächen aber gern.

BZ: Dabei liest man doch immer wieder, die Früchte wild lebender Bäume auf frei zugänglichen Flächen seien freigegeben für alle?
Kaerger: Dafür müssen sie erst mal einen wilden Baum finden, das wird wie gesagt bei uns sehr schwierig. Zudem ist der Begriff der frei zugänglichen Fläche auch irreführend. So formuliert entsteht der Eindruck: Wenn da kein Zaun drumrum ist, darf ich alles aufsammeln. Nein, darf man nicht. Wenn sie im Wald unterwegs sind und dort eine Handvoll wilde Brombeeren sammeln, ist das in Ordnung, das fällt unter die sogenannte Handstraußregel.

"Der Begriff der geringen Menge meint eben den Handstrauß oder den mit einer Hand tragbaren Pilzkorb." Verginiya Kaerger
BZ: Die besagt was genau?
Kaerger: Das ist der Paragraf 39 aus dem Bundesnaturschutzgesetz: "Jeder darf abweichend wild lebende Blumen, Gräser, Farne, Moose, Flechten, Früchte, Pilze, Tee- und Heilkräuter sowie Zweige wild lebender Pflanzen aus der Natur an Stellen, die keinem naturschutzrechtlichen Betretungsverbot unterliegen, in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich entnehmen und sich aneignen." Der Begriff der geringen Menge meint eben den Handstrauß oder den mit einer Hand tragbaren Pilzkorb. Die Handstraußregelung greift nicht bei landwirtschaftlich, gärtnerisch oder forstlich, also "künstlich", angebauten Pflanzen oder Bäumen.

BZ: Wie kann Ihrer Meinung eine gute Lösung aussehen?
Kaerger: Die Bürgerinnen und Bürger sollten einfach davon ausgehen, dass sie sich nirgends bedienen dürfen, wenn sie keine ausdrückliche Genehmigung vom Eigentümer haben. Man kann sich auch auf der Internetseite mundraub.org informieren, wo vielleicht ein Eigentümer etwas zum Ernten freigegeben hat oder wilde Bäume stehen. Anhand der Einträge sieht man auch, wie selten das bei uns der Fall ist.

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