Das Ende der Dorfkrankenhäuser

Roland Weis

Von Roland Weis

Mo, 18. Mai 2020

Titisee-Neustadt

Der Hochschwarzwald wurde zwischen 1976 und 1982 zentralisiert – ein Rückblick.

HOCHSCHWARZWALD. Zwischen 1976 und 1982 hat der Hochschwarzwald seine drei selbstständigen kommunalen Krankenhäuser verloren. Nacheinander wurden die Häuser in Lenzkirch, Neustadt und Löffingen geschlossen. In Zeiten von Corona hätte mancher sie gerne wieder zurück.

Die These lautet: Hätten wir überall noch die kleinen Krankenhäuser, hätten wir nicht über Jahrzehnte hinweg im Gesundheitswesen rationalisiert und ökonomisiert, dann könnte uns die Pandemie nichts anhaben und wir müssten nicht das öffentliche Leben vollständig lahmlegen. Am drastischsten hat dies der Journalist Arno Luik (taz, Stern, Tagesspiegel) kürzlich Tage formuliert: "Es rächt sich nun bitterlich, dass im neoliberalen Privatisierungswahn (…) kommunale oder staatliche Fürsorgeeinrichtungen an Privatkonzerne verscherbelt worden sind (…) zu Profitzentren wurden, oft zum Nutzen von global agierenden Heuschrecken – zu Lasten von fast allen Bürgern."

Der Blick auf die konkreten Schließungsgründe von damals zeigt, dass tatsächlich wirtschaftliche Gründe in allen Fällen ausschlaggebend für Schließung oder Umwandlung (in Altenheime) waren. Das städtische Krankenhaus von Neustadt ging auf eine Bürgerstiftung zurück, die 1858 den Bau am Denneberg ermöglichte. Initiator und erster "Chefarzt" und Direktor war der Medizinalrat Dr. Josef Winterhalder, dessen Büste noch heute als Denkmal vor der Helios Klinik steht. 1925 erfolgte der Umzug in das ehemalige "Pfründnerhaus" der Stadt an der Friedhofstraße, das Platz für 90 Betten bot. Die Stadt nahm das Haus über die Konstruktion eines Krankenhausfonds in ihren Besitz. Dieser Fonds musste 1959 auf Druck der Aufsichtsbehörden aufgelöst werden, das Krankenhaus wurde zur unmittelbaren städtischen Einrichtung.
Die Schließung des zu diesem Zeitpunkt stark defizitären Neustädter Krankenhauses stand 1980 in direktem Zusammenhang mit dem Bau und der Inbetriebnahme des Kreiskrankenhauses. Die Standortfrage war vom Kreistag nur deshalb zugunsten von Titisee-Neustadt gefallen, weil dort der Gemeinderat die Schließung des eigenen Hauses zugesagt und beschlossen hatte. 1981 ließ Bürgermeister Lindler dann das leerstehende städtische Krankenhausgebäude abreißen. Bis heute liegt das Gelände ungenutzt als Brache mitten in der Stadt.

Dramatische Ereignisse

in Löffingen

Dramatischer waren die Ereignisse rund um die Schließung des Löffinger Krankenhauses. Auch das dortige Haus ging auf eine Bürgerstiftung zurück und wurde über die Konstruktion eines Krankenhausfonds von der Stadt geführt. Es stand 1980 wirtschaftlich gesund und mit jährlichem Gewinn da, doch hatte sich ein erheblicher Investitions- und Modernisierungsstau angesammelt.

Entgegen früherer Zusagen, die Landesgesundheitsminister Dietmar Schlee dem damaligen Bürgermeister Mellert gegeben hatte, fiel jedoch das Löffinger Krankenhaus 1980 überraschend aus dem Krankenhausbedarfsplan des Landes, und damit waren auch die Zuschussbescheide für Umbau und Modernisierung hinfällig. Minister Schlee ließ sich in der Zeitung zitieren: "Vergangenheit ist Vergangenheit und Gegenwart ist Gegenwart". Das Krankenhaus könne sich nicht wirtschaftlich behaupten, die Patienten würden weglaufen und der wirtschaftliche Zusammenbruch sei unvermeidlich", so der Minister weiter. Gemeinderat und Bürgermeister gingen vors Verwaltungsgericht, erlitten dort eine Niederlage und hielten das Krankenhaus unverdrossen offen. Engagierte Bürger unter Anführung der Löffinger Kreisräte Paul Bugger und Ekkehard Marx gründeten daraufhin eine Bürgerinitiative zum Erhalt ihres Krankenhauses, die binnen weniger Tage 1000 Unterschriften einsammelte. Doch Löffingen war alleine auf weitere Flur. Landesregierung, Regierungspräsidium, die Landesversicherungsanstalt und auch die Gerichte blieben hart. So stand die Schließung des Hauses zum März 1982 fest. Es gab noch ein letztes Aufbäumen, ausgelöst durch den grünen Landtagsabgeordneten Helgo Bran, der sich damals anschickte, bei der Bürgermeisterwahl 1982 für das Amt des Bürgermeisters gegen Dieter Mellert anzutreten.

Helgo Bran ließ sich drei Tage vor der Schließung des Krankenhauses am 31. März 1982 als Patient einliefern (mit einer Stimmbänderentzündung) und kettete sich mit Handschellen an sein Krankenhausbett fest. Er hatte aber keinerlei politische Unterstützung mehr, denn in Löffingen bereitete man bereits die Umwandlung in ein Seniorenheim vor. Bürgermeister Mellert besuchte den grünen Kämpfer zwar im Krankenhaus, kommentierte aber nüchtern: "Er kommt ein paar Jahre zu spät. Wir müssen einsehen, dass die Landesplanung das Urteil über das Löffinger Krankenhaus längst gesprochen hat." Geräuschloser vollzog sich die Schließung beziehungsweise Umwandlung des Krankenhauses in Lenzkirch. Auch dieses Krankenhaus war einst mit Hilfe einer Bürgerstiftung entstanden. 1883 als Lenzkircher Krankenhaus erbaut, hat der damalige Bürgermeister Klaus Denzinger 1976 die Umwandlung in das heutige Seniorenheim St. Franziskus angestoßen. In Lenzkirch gab es dabei weniger Proteste, eher Wehmut.

Die Entwicklung und Bedürfnislage im Bereich von Altenheimplätzen, Altenpflege und Seniorenresidenzen hat der Lenzkircher Entscheidung im Nachhinein Recht gegeben. 2005 erfolgte die Erweiterung des Hauses um den östlich gelegenen Neubau.