Debatte

Das Glück, kinderlos zu sein

Britta Schultejans, dpa

Von Britta Schultejans & dpa

Do, 14. März 2019 um 08:33 Uhr

Panorama

Eine Lehrerin aus Regensburg hat mit ihrem Buch eine neue Debatte ausgelöst: Sie will auf gar keinen Fall ein Kind - der Umwelt und sich selbst zuliebe.

Verena Brunschweiger ist Lehrerin, 38 Jahre alt und will keine Kinder. Damit macht sie im Moment Schlagzeilen, weil sie ein Buch darüber geschrieben hat. In "Kinderfrei statt kinderlos" bricht sie eine Lanze für ein Leben frei von Kindern – und begründet das vor allem mit dem Klimaschutz. "Kinderfreie Frauen müssen von ihrem schlechten Ruf befreit werden", fordert sie.

Ihr Hauptargument: Kinder sind schlecht für die Umwelt, die CO2-Bilanz. Viele Leute in Deutschland wüssten gar nicht, "welche Belastung es für das Klima bedeutet, wenn wir so massig neue Leute produzieren", sagt sie im dpa-Interview.

Ihr Fazit: Je weniger Kinder, desto besser. Ein ziemlich misanthropischer Ansatz. Folgerichtig hat sie ihrem Werk ein Friedrich-Nietzsche-Zitat vorangestellt: "Ein neues Kind: oh wieviel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Voll ist die Erde von Überflüssigen, verdorben ist das Leben durch die Viel-zu-Vielen."

Seitdem wird sie für ihre Meinung auch heftig kritisiert. "Herzlos-Lehrerin" nennt die Bild-Zeitung die Autorin. Unter ihrem eigenen Hashtag #Brunschweiger wird sie angefeindet.

Birgit Kelle, Autorin des Buches "Muttertier" – selbst vierfache Mutter – lästert in einem Beitrag für Focus.de über "Gebärstreik-Verena". Steile Thesen seien immer gut, wenn man ein Buch verkaufen wolle. "Wenn man dann noch im Vorbeilaufen ein paar Millionen Eltern beleidigen kann und das ganze mit einer satten Portion moralischer Überhöhung untermauert, ist es fertig, das Buch für neurotische Frauen diesseits der Menopause."

Sie habe aber auch positive Reaktionen bekommen, betont Brunschweiger – "gerade von Frauen, die tatsächlich erleichtert wirkten. Die haben dann so Sachen gesagt wie: Endlich spricht mir mal einer aus der Seele. Das hat mich dann schon gefreut. Die hatten ja bislang alle keine Stimme und keine Lobby in Deutschland", einem Land, in dem das "pro-natalistische Dogma" herrsche.

Eine Nachricht des EU-Statistikamtes Eurostat dürfte die Gymnasiallehrerin freuen: Die Gesamtzahl der Babys in der EU sank von 5,148 Millionen im Jahr 2016 auf 5,075 Millionen im Jahr darauf. Das bedeutet im Schnitt 1,59 Geburten pro Frau. Deutschland lag sogar noch knapp unter dem EU-Durchschnitt.

Für Brunschweiger, die sich selbst Radikal-Feministin nennt, ist ihr kinderfreier Ansatz ein "bewusster, feministischer Akt". Sie nennt Kinder ein reaktionäres "Projekt" und Mütter, die nur noch den Nachwuchs sehen, "Mombies" – Mama-Zombies.

Mit dem Thema ist Brunschweiger Teil eines kleinen Literatur-Trends. Gerade ist auch das Buch "Mutterschaft" der kanadischen Schriftstellerin Sheila Heti auf deutsch erschienen, das – wenn auch in anderer Form – ebenfalls die selbstgewählte Kinderlosigkeit zum Thema hat.

Die Debatte darum erinnert ein wenig an den Aufschrei, der vor einigen Jahren vor allem durch die Online-Mütterforen dieser Welt ging. Damals trendete nach dem Erscheinen des gleichnamigen Buches der israelischen Soziologin Orna Donath "Regretting Motherhood". Frauen räumten öffentlich ein, dass sie es zumindest zeitweise bedauern, Mutter geworden zu sein. Das galt vielen als Tabubruch.

Dabei haben Studien herausgefunden, dass Kinder tatsächlich kein Garant sind für das dauerhafte Glück. "Über alle Altersgruppen hinweg sind Leute mit Kindern unglücklicher als Leute ohne Kinder", sagt der Direktor des Max-Planck-Institutes für demografische Forschung in Rostock, Mikko Myrskylä. "Kinder zu haben macht zwar zeitweise glücklicher. Aber nach ein paar Jahren verschwindet der positive Aspekt und die Leute sind genau so glücklich – oder unglücklich – wie vorher." Wenn frisch gebackene Mütter unglücklich sind, begründen sie das vor allem mit postnatalen Depressionen, sozialer Isolation, Schlafentzug und Veränderungen in der Beziehung.

Frauen und vor allem Mütter seien in Deutschland ständig konfrontiert mit gewissen Erwartungshaltungen, sagt die Marburger Psychoanalytikerin Helga Krüger-Kirn, die zu Mutterschaft und Geschlechterverhältnissen forscht. "Gesellschaftlich ist eine Mutter anerkannt, wenn sie alles schafft, Beruf und Muttertätigkeiten optimal vereinbart."

Allerdings tritt auch Brunschweiger ihrer Ansicht nach mit der These, Frauen, die Kinder auf die Welt bringen, schaden der Umwelt, in eine altbekannte Falle: "Das ist so typisch: Mütter sind an allem schuld."