Das trügerische Gefühl sozialer Ungerechtigkeit

Maja Tolsdorf

Von Maja Tolsdorf

Sa, 08. Februar 2020

Lörrach

Ökonomin Judith Niehues zeigt in einem Vortrag auf, dass die Bekämpfung gesellschaftlicher Ungleichheit ihre Fallstricke hat.

LÖRRACH. Mit gängigen Stammtisch-Phrasen räumte Referentin Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln in ihrem Vortrag "Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit in Deutschland – zwischen Wunsch, Wahrnehmung und Wirklichkeit" auf. Im Sparkassen-Forum gab es am Dienstag einen Austausch über sozialpolitische Themen auf durchgängig hohem Niveau.

Umverteilung unrealistisch: "Es gibt kaum politische Maßnahmen, um etwas fundamental an der Vermögens- und Einkommensverteilung zu ändern", sagt die Referentin – und stellte damit eine durchaus ernüchternde These in den Raum. Ohnehin könne die Politik nichts an dem Gefühl zahlreicher Bürger ändern, vom Staat in Sachen Besteuerung übervorteilt zu werden, erklärte sie. So gebe es über eine Veränderung des Steuersystems auch keine schnelle Lösung: "Allein über die Besteuerung lässt sich kein Mehrwert an sozialer Gerechtigkeit erzielen". Damit würden nur Wenige erreicht.

Im Zweifel trifft es die Falschen: Im Zweifel treffe eine Steuererhöhung aus Sicht der Bevölkerung ohnehin immer die Falschen. Mit "den Reichen" meine schließlich jeder den jeweils anderen. "Irgendwer muss aber zu den reichsten acht Millionen Menschen in Deutschland gehören", merkte Niehues an. So zählten viele Paarhaushalte ohne Kinder statistisch dazu . Und zwar mit einem Monatsnetto von 3400 Euro, bei einem Haushalt mit Kindern sind es etwa 7000 Euro.

Falsche Wahrnehmung: Oftmals schlage die Berichterstattung, sei es als Zeitungs- oder auch als Bundesbankbericht, in diese emotionale Kerbe: etwa durch einseitige Auswertung von Statistiken. Niehues zeigt in ihrem Vortrag, wie sich Aussagen verändern, wenn weitere Statistiken hinzugezogen werden. Für das IW Köln hat die Ökonomin zusammen mit ihrem Kollegen Hanno Lorenz einen Beitrag verfasst unter dem Titel "Kaum einer merkt, dass es uns besser geht als früher". Darin stellt sie fest, dass der Anteil der Menschen, die weltweit in extremer Armut leben, von mehr als 44 Prozent im Jahr 1981 mittlerweile auf unter zehn Prozent gesunken sei. Gleichwohl aber glaubten laut aktuellen Umfragen nur etwa zehn Prozent der Deutschen, dass die Armut in der Welt in den vergangenen 20 Jahren gesunken ist. Ähnlich verhält es sich mit der Arbeitslosigkeit: Ein großer Teil der Bevölkerung hierzulande glaube unbeirrt von den Fakten, dass die Arbeitslosenquote aktuell im zweistelligen Bereich liegt.

Kommunalpolitik ist machtlos: Lörrachs Oberbürgermeister Jörg Lutz meinte im Anschluss auf Anfrage, dass dem subjektiven Gefühl der Ungerechtigkeit kommunalpolitisch kaum etwas entgegenzusetzen sei. "Die Stadt arbeitet in vielen Bereichen, wie dem Wohnungsbau oder dem öffentlichen Nahverkehr daran, für Ausgleich zu sorgen. Ob das aber zur Zufriedenheit der Bürger beiträgt, vermag ich nicht zu sagen", sagt Lutz.

Fragen über Fragen: In der Fragerunde wurden fundierte Fragen gestellt, anhand derer Niehues weiter aufzeigen konnte, dass es für Gerechtigkeitsthemen einer Gesellschaft kaum einfache Lösungen gibt. Da war die Frage, ob es nicht gerechter wäre, wenn auch Beamten in die Rentenkasse einbezahlen müssten. Weil damit auch die Zahl der Bezieher ansteige, sei das keine langfristige Lösung, meinte die Referentin. In den sozialen Sicherungssystemen sieht sie zugleich einen Mechanismus, der zur Vermögensungleichheit beiträgt. Würde man etwa erworbene Rentenansprüche dem Vermögen hinzurechnen, würde die Ungleichheit um rund ein Viertel sinken.