Innovationskongress in Freiburg

Der Öffentliche Nahverkehr fährt beim Klimaschutz hinterher

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Do, 14. März 2019 um 08:11 Uhr

Südwest

Experten beraten beim Innovationskongress in Freiburg über nachhaltigen Öffentlichen Nahverkehr. Tübingens OB Palmer will den Nulltarif erproben.

Deutschland braucht nach Überzeugung von Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) dringend eine Verkehrswende, sollen die in Paris verbindlich festgelegten Klimaschutzziele erreicht werden. Zur Eröffnung des dreitätigen 9. Innovationskongress für den Öffentlichen Nahverkehr in Freiburg erinnerte Hermann daran, dass der Verkehrssektor bislang noch keinen Beitrag zum Klimaschutz geleistet habe. Die Vorgaben zur Reduktion von 30 Prozent beim Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 würden nicht annähernd erfüllt.

600 Experten aus der Wissenschaft aber auch aus der Praxis beraten seit Dienstag, wie die Mobilität 4.0 aussehen könnte, was also die Digitalisierung zu einer Verbesserung des öffentlichen Verkehrs beitragen könne. Dabei steckte Hermann drei Ziele ab: Das Angebot müsse stärker vom Nutzer her gedacht werden. Konkret gelte dies für die Abwicklung des Verkehrs, also die gesamte Transportkette, wie für die Information über Angebote, die Nutzung und eventuelle Störungen. Und das gelte für die Bezahlung, die einfacher werden müsse, zudem müssten die Preise sinken. Dabei verwies Hermann auf den im Dezember eingeführten Landestarif. Das Angebot selbst müsse nachhaltiger werden und sich an den Erfordernissen des Klima- und Umweltschutzes sowie der Energiewende ausrichten. Und drittens dürfe es sich nicht auf die Zentren beschränken, sondern müsse den ländlichen Raum gleichberechtigt mit einbeziehen. "Der Öffentliche Nahverkehr muss sich den daraus resultierenden Herausforderungen stellen", forderte Hermann. "Die Zukunft wird nicht von alleine gut."

Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer vermisst beim Bund die Bereitschaft, ernsthaft voranzugehen. Nachdem der Bund 1,5 Milliarden Euro für innovative Projekte bereitgestellt habe und als ein Modell die Erprobung eines kostenlosen Nahverkehrs vorgeschlagen hat, hat sich Tübingen beworben. Dort ist die Bussnutzung seit Ende 2017 an Samstagen kostenlos. In der Folge sei die Zahl der Fahrgäste um 20 Prozent gestiegen. Nun habe der Gemeinderat entschieden, in einem zweijährigen Modellversuch einen komplett kostenfreien Nahverkehr zu erproben. Ein Förderantrag liege seit einem Jahr in Berlin, sei bisher aber unbeantwortet. Palmer sieht im kostenlosen Busverkehr "ein soziales Projekt". Nutznießer seien vor allem Geringverdiener ohne eigenes Auto. Er forderte das Land auf, die gesetzlichen Regelungen zu schaffen, damit Städte zweckgebundene Abgaben erheben dürfen.

Bei dem Kongress wurden eine Reihe von Beispielen vorgestellt, darunter das Projekt Taxito aus dem Kanton Luzern. Weil in einem dünn besiedelten Gebiet nur fünf Bussverbindungen pro Tage bestehen, wurde vor drei Jahren ein Mitfahrmodell installiert, das sich bestens bewährt hat und nun erweitert wird.