Die ausgestreckte amerikanische Hand ist vergiftet

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Mi, 15. September 2021

Literatur & Vorträge

C Pam Zhang liest auf Einladung des Carl-Schurz-Hauses in Freiburg aus ihrem Debütroman "Wie viel von diesen Hügeln ist Gold".

Als am 11. September der Opfer der Attentate vor zwanzig Jahren gedacht wurde, die Amerika in seinen Grundüberzeugungen erschütterte, sprach auch der damalige US-Präsident George W. Bush. Er sagte, dass 2001 Millionen Menschen instinktiv die Hand des Nachbarn ergriffen und einander gegenseitig unterstützt hätten. Dass dies das Amerika sei, das er kenne. Andere erleben andere Instinkte. Als Lucy, die Protagonistin von C Pam Zhangs Roman "Wie viel von diesen Hügeln ist Gold", von ihrem Lehrer gefragt wird, was sie machen würde, verlöre sie im Treck ihre Vorräte, kommt die Antwort prompt. Einen Ochsen schlachten, sein Blut trinken und weiterziehen, bis sie an frisches Wasser kommt. Die Runde ist schockiert. Denn: "Die Antwort", sagt der Lehrer, "muss natürlich lauten, dass du um Hilfe bittest. Ich würde dir die Hälfte meiner Vorräte anbieten und auf diese Weise mein Wohlwollen zeigen. Damit ich später, wenn mir vielleicht selbst ein Unglück widerfährt, im Gegenzug von dir Hilfe erhalte."

Lucy, die zu diesem Zeitpunkt nicht einmal zehn Jahre alt ist, hat ihre Lektion gelernt. Als Tochter chinesischer Eltern Mitte des 19. Jahrhunderts im Westen Amerikas braucht man nicht die Hand zum Nachbarn auszustrecken, die Milde ist vergiftet. Doch da sie lesen kann und ehrgeizig ist, wird sie unter den Familien der Kohlebergleute für den Lehrer ein interessantes Studienobjekt. Es fragt sich, welches Amerika-Bild fiktiver ist, das der jungen Autorin oder das des früheren Präsidenten? In den USA wurde das Buch viel beachtet, war für den Booker-Prize nominiert.

C Pam Zhangs Debüt, mit dessen Lesung das Freiburger Carl-Schurz-Haus in die – analoge – Herbstsaison startet, hat mit der Besiedelung des Westens und des kalifornischen Goldrauschs ein uramerikanisches Setting. Lucys Vater erliegt dieser Suche, auch vielleicht, weil er das Gold bereits 1842 entdeckt und nicht erst 1848, als die Massen zu den Goldhügeln aufbrachen. Er wurde schon immer um seinen Teil betrogen. 2020 einen Western zu schreiben, bedeutet, es mit ausrangierten Helden zu tun zu bekommen. Wer John Williams’ "Butcher’s Crossing" gelesen hat, dürfte die Fotos von Büffelschädelbergen kennen, aus denen Dünger, Leim und Gelatine gemacht wurde, wer die Romane von Cormac McCarthy gelesen hat, für den ist im Westen keine Verheißung, sondern allenfalls der Tod zu finden. Zhang bedient diese Vorstellungen: Bevor der Traum eines besseren Lebens beerdigt wird, müssen Lucy und ihre Schwester Sam den Vater bestatten – und dies lässt an Drastik nichts zu wünschen übrig. Zhang hat sich das Genre angeeignet, sie wurde 1990 in Peking geboren und kam als Vierjährige in die USA. Ihre Eltern gehören nicht zu jenen vergessenen Migranten, die der Goldrausch anlockte oder die als billige Arbeitskräfte für den Eisenbahnbau angeworben wurden.

Die Geschichte dieser beiden ungleichen Schwestern, die, auf sich allein gestellt, versuchen, heimisch zu werden, reflektiert die Gegenwart. Sam, die jüngere, trägt kurze Haare, Männerkleidung und in einer verborgenen Tasche in der Hose eine Karotte. Sie reitet mit Cowboys durch das Land und gibt ihm, was dem Vater vorgehalten wurde: Gold. Es sind die Probleme und Themen unserer Gesellschaft, die uns in der Vergangenheit anschauen: Rassismus, insbesondere gegenüber Asiaten (man denke an Donald Trumps "Kung flu"), Gender, Ausbeutung von Arbeitern und Frauen und nicht zuletzt die Umweltzerstörung, die mit den Goldminen sowie dem Bau der Eisenbahn einhergingen.

Das ist so wohlmeinend und ausgewogen, dass es verstimmt. Jeder und jede soll hier zumindest in der Literatur zu seinem und ihrem Recht kommen. Abgesehen von diesem Versprechen auf eine Versöhnung durch eine andere Geschichtsschreibung sind da jedoch die stark rhythmisierte Sprache der Übersetzung von Eva Reguol, die nach vorn drängt und die Landschaftsbeschreibungen, die nach der Lektüre bleiben. Das Gold "war eigentlich nichts im Vergleich zum flammenden Gras in der Mittagssonne. Von Horizont zu Horizont ein einziges Schimmern."

C Pam Zhang: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Regul. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2021. 352 Seiten, 22 Euro.
Lesung am 16. September um 19 Uhr
im Hörsaal 1010, KG I, Uni Freiburg.