Zahlungsmittel

Die Bargeld-Liebe der Deutschen schwindet

dpa

Von dpa

Mi, 06. Juli 2022 um 19:36 Uhr

Wirtschaft

Vor allem in der Corona-Pandemie griffen Verbraucher beim Bezahlen häufiger zur Karte als zu Münzen und Scheinen. Eine Rückkehr zum alten Zahlungsverhalten scheint eher unwahrscheinlich.

Die Liebe der Bundesbürger zum Bargeld schwindet allmählich. Der Handelsverband Deutschland (HDE) schließt nicht aus, dass über kurz oder lang erste Händler keine Scheine und Münzen mehr annehmen könnten.
Nach einer Umfrage der Deutschen Bundesbank wurden im vergangenen Jahr 58 Prozent der Bezahlvorgänge für Wareneinkäufe und Dienstleistungen mit Scheinen und Münzen beglichen. Bei der letzten großen Erhebung der Notenbank im Jahr 2017 waren es noch 74 Prozent. "Das Zahlungsverhalten hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert", sagte Johannes Beermann, das für Bargeld zuständige Bundesbank-Vorstandsmitglied, am Mittwoch in Frankfurt.

Kontaktloses Einkaufen ist beliebt

Ein Grund ist nach Einschätzung der Bundesbank die Zunahme der Einkäufe im Internet sowie die geringere Nutzung von Bargeld in der Corona-Pandemie. Einzelhändler hatten für Bezahlen ohne Scheine und Münzen in der Pandemie geworben. Zudem sei bargeldloses Bezahlen sehr viel einfacher geworden, sagte Beermann mit Blick auf das kontaktlose Bezahlen. Dabei muss der Kunde seine Kreditkarte oder Girocard nicht mehr in ein Lesegerät einschieben, die Karte wird einfach vor das Gerät gehalten.

Gemessen am Umsatz betrug der Bargeldanteil im vergangenen Jahr 30 Prozent. Im Jahr 2017 waren es noch 48 Prozent. Von allen erfassten Zahlungen an der Ladenkasse, in der Freizeit oder im Onlinehandel erfolgten 29 Prozent mit einer Karte, bezogen auf den Umsatz waren es 40 Prozent. Besonders beliebt waren dabei Zahlungskarten wie die Girocard. Sie war mit 23 Prozent aller Transaktionen das am zweithäufigsten verwendete Zahlungsmittel. Während der Pandemie zahlten die Menschen damit vermehrt auch kleinere Beträge.

Mobiles Bezahlen mit Smartphone, Smartwatch oder Fitnessarmband gewinnt vor allem bei jüngeren Menschen an Beliebtheit. Der Umfrage zufolge bezahlten 17 Prozent der Smartphonebesitzer damit an der Ladenkasse. Bei Besitzern einer Smartwatch oder eines Fitnessarmbandes waren es 27 Prozent.

Eine generelle Rückkehr zum alten Zahlungsverhalten scheint unwahrscheinlich. Nur 11 Prozent derjenigen, die weniger bar zahlten, wollen der Umfrage zufolge nach dem Ende der Pandemie wieder mehr Scheine und Münzen nutzen. Allerdings könnten häufigere Einkäufe in Geschäften und weniger Internetbestellungen den Barzahlungsanteil der Notenbank zufolge wieder steigen lassen.

Wann nehmen erste Händler kein Bargeld mehr an?

Sollte die Entwicklung anhalten, "werden wir über kurz oder lang erste Unternehmen sehen, die kein Bargeld mehr annehmen", sagte Ulrich Binnebößel vom Handelsverband Deutschland (HDE). Neben der nachlassenden Nachfrage sähen sich die Unternehmen mit stetig steigenden Kosten im Bargeldhandling konfrontiert.

Eine erhöhte Bargeldnachfrage stellte die Bundesbank nach dem Ausfall Tausender Zahlungsterminals im Handel fest. Ende Mai hatten viele Kunden beim Einkauf nicht mehr mit Giro- oder Kreditkarten zahlen können. Betroffen waren unter anderem Filialen von Aldi Nord, Edeka oder der Edeka-Tochter Netto. "Wir waren ehrlicherweise überrascht und natürlich nicht amüsiert über das, was da stattfand", sagte Burkhard Balz, das für Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme zuständige Bundesbank-Vorstandsmitglied. "Für uns als Bundesbank ist auch klar, dass wir diesen Fall noch sehr präzise aufarbeiten müssen." Dass etwa 10 Prozent der Kartenterminals auf einmal ausgefallen seien, sei "eine völlig inakzeptable Situation, das geht schon sehr klar in Richtung eines systemischen Risikos".