175 Jahre TV Lahr

Die Lahrerin Trudel Schnurr ist mit 94 Jahren dienstältestes Mitglied im TV Lahr

Ulrike Le Bras

Von Ulrike Le Bras

So, 16. Mai 2021 um 19:00 Uhr

Lahr

Sie dürfte die Älteste im Verein sein: Trudel Schurr ist 94 Jahre alt und wurde 1935 Mitglied im TV Lahr. "Ich bin da einfach reingestolpert", sagt sie. Auch heute hat sie noch Freude an Bewegung.

Der Turnverein Lahr, mit 1643 Mitgliedern einer der größten Vereine der Stadt, feiert in diesem Jahr sein 175-jähriges Bestehen. Die Badische Zeitung stellt eine Reihe von Mitgliedern vor. Heute: Trudel Schurr.

Wie sie zum TV Lahr kam

Sie dürfte die Älteste im Verein sein: Trudel Schurr ist 94 Jahre alt und wurde 1935 Mitglied im TV Lahr. "Ja, aber das war kurz vor dem Krieg, richtig losgegangen ist’s erst hinterher." Doch auch für die Zeit in den Fünfzigern sind der agilen Seniorin die genauen Jahreszahlen nicht so wichtig. Ihr Jüngster war drei Jahre alt, als sie mit allen vier Kindern zum ersten Mal zum Kinderturnen ging. Zunächst als Mutter auf der Zuschauerbank. Doch dann fing sie schnell Feuer und ehe sie sich’s versah, war sie als Helferin dabei.

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1958 zeigt eine ihrer ersten Gruppen der "Jüngsten im TV Lahr". Beim Erzählen über die Anfangszeiten huscht immer wieder ein Lächeln über ihr Gesicht und sie, die ein ausgeprägtes Lohrer Alemannisch spricht, sagt: "Isch bin jo ä äschdi Lohreri. Mir hän domols in Burge gwohnt, no hab i immer mit dem Fahrrad zum Training fahre miän. Nabzüe geht’s jo, aber der Heimweg...", erinnert sie sich und fügt hinzu, dass schließlich immer ein paar ihrer Kinder auf dem Rad dabei waren. Geturnt wurde zunächst im alten Scheffelgymnasium, später in der Eichrodtschule, wo vor dem Training erst noch die Eisenöfen beheizt werden mussten. Aufgeteilt waren die Kinder in zwei Gruppen zu etwa 15 Kindern, Buben und Mädchen gemischt. Was Trudel Schurr aber nicht als schwierig empfand, denn "die Kinder waren damals noch einfacher."

Weiterbildung zur Turnwartin

"Ich bin da einfach hineingestolpert", stellt Trudel Schurr fest. In den späten Fünfzigern hat sie sich durch Lehrgänge (unter anderem in der deutschen Turnschule in Frankfurt) zur Turnwartin weitergebildet, denn sie wollte, dass ihr Tun Hand und Fuß hat. Die Namen von alten Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern tauchen auf: Adalbert Dickhut, Oberturnwart Oskar Boos, auch ein Herr Jenne aus dem Markgräfler Land ist in der Erinnerung lebendig. "Das war toll! Der hat ganz neue Methoden gehabt. Zum Aufwärmen hat er immer auf dem Klavier gespielt, das in der Turnhalle gestanden ist."

Ein anderes Urgestein des TV Lahr, Traudel Bothor, sitzt beim Interview mit am Tisch des gemütlichen Esszimmers – zu zweit lassen sich alte Zeiten noch besser in die Gegenwart zurückholen. Tatsächlich fangen die beiden beim Blättern in den Fotoalben an zu kichern. Erinnerungen ("Weisch noch?") an ein Koffergrammofon werden wach. Das Zusammenspiel von Sport und Musik hat hier seine Anfänge gefunden.

Höhepunkte im Verein

Trudel Schurrs Spezialität mit den dann auch von ihr betreuten Frauenriegen waren die Fasnachts-Aufführungen, die sie zusammen mit Trudel Thessen auf die Beine gestellt hat. Zahlreiche Fotos zeigen, dass es immer mal ein Motto gab. Mal war es historische Badekleidung, mal die Mainzer Hofsänger, mal verkleidete man sich als Hühner oder stilecht als "Hamberle" (Vagabunden).



Ebenso beliebt waren die Nikolausfeiern im Restaurant Grüner Baum, oder ein anderes Mal in der Großmarkthalle – mit einem echten Pferd. Doch nicht nur lokal war die rührige Turnerin unterwegs, auch international ging es auf Reisen in Sachen Sport. Turnfeste, Lehrgänge und Vorführungen ihrer Frauengruppen tauchen auf, die Orte dazu sind Zürich, Antwerpen, Stuttgart, Berlin, auch Dänemark nennt sie im Zusammenhang mit der "Gymnaestrada", einer weltweit bekannten Sportveranstaltung ohne Wettkampfcharakter. Traurig macht sie, dass sie ihre langjährige Weggefährtin Trudel Thessen, verloren hat. "Wir waren einfach ein super Team."

Die Sulzerin kocht noch selber

Von Burgheim hat es sie nach Sulz verschlagen, wo sich die Seniorin mit dem freundlichen, vielseitig interessierten Wesen allein, aber immer verbunden mit ihren vier Kindern, acht Enkeln, zehn Urenkeln und einem Ur-Ur-Enkelkind in einer geräumigen Wohnung geschmackvoll eingerichtet hat. Bis auf den heutigen Tag legt sie größten Wert auf Beweglichkeit und ein gepflegtes Äußeres. Waren es bis zum Tod ihres Rauhaardackels "Schnäpsle" tägliche dreistündige Spaziergänge, so sind es heute kürzere Touren mit dem Rollator. Dass sie immer noch Freude an der Bewegung hat, erlebt man als Besucherin hautnah. Lange auf einem Stuhl sitzen ist nicht so ihr Ding, immer wieder steht sie auf, holt dies, zeigt jenes und strahlt eine außergewöhnliche geistige Frische aus. Bis zum Alter von 92 Jahren ist sie auch noch Auto gefahren. Als sie sagte, sie gebe das nun auf, seien die Kinder völlig überrascht gewesen, meint sie mit Augenzwinkern.

Was sie auch noch selbst macht: Kochen. Die Töchter bringen ihr manchmal portionsweise Mittagessen. "Aber mini Spätzle mach ich liewer noch selwer!" Steht auf, läuft in die Küche und bringt ihren beiden verdutzten Besucherinnen je ein Glas frisch gekochte Erdbeermarmelade. Denn für sie ist klar: Ein guter Tag beginnt auch für eine Sportlerin mit einem feinen "Schleckliflade".