Baden-Württemberg

Die Nachfrage überfordert den Nahverkehr im Land

So viele Menschen wie nie zuvor schätzen und nutzen den öffentlichen Nahverkehr. Doch die steigende Nachfrage hat eine unangenehme Folge: Auf vielen Strecken in der Region sind die Züge überfüllt.  

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Reisende drängen sich am Bahnsteig, al...sach am Bahnhof Hinterzarten einfährt.  | Foto: Wolfgang Maria Weber (Imago)
Reisende drängen sich am Bahnsteig, als die S-Bahn Linie S1 nach Breisach am Bahnhof Hinterzarten einfährt. Foto: Wolfgang Maria Weber (Imago)

Für Landesverkehrsminister Winfried Hermann ist es eine ausgesprochen positive Bilanz: "So viele Züge wie nie. So viele Fahrgäste wie nie", sagte er diese Woche bei der Vorstellung des Bilanzberichts für den sogenannten Schienenpersonennahverkehr (SPNV) der Jahre 2019 bis 2024 im Südwesten. Trotz Widrigkeiten durch Bauarbeiten an den Gleisen und der Großbaustelle von Stuttgart 21 habe sich das Nahverkehrsangebot deutlich verbessert. Mit 88 Millionen Zugkilometern seien 2024 so viele Züge unterwegs gewesen wie nie zuvor.

Auch bei den Fahrgastzahlen vermeldete der Minister einen Rekord: Die im Regionalverkehr zurückgelegten Personenkilometer stiegen demnach gegenüber 2010 um 43 Prozent auf 6,2 Milliarden und liegen damit 21 Prozent über dem Vor-Corona-Niveau von 2019.

Für Berufspendler, Freizeitnutzerinnen und Touristen hat dieser Erfolg allerdings eine Schattenseite, denn der Ausbau der Kapazitäten hält mit dem steigenden Fahrgastaufkommen nicht Schritt. Besonders auf stark genutzten Strecken wie der Rheintalbahn klaffen Angebot und Nachfrage weit auseinander. Auf vielen Bahn- und S-Bahnstrecken in der Region sind die Züge regelmäßig überfüllt.

Auf einigen Strecken in der Region sind überfüllte Züge Alltag

Eine typische Szene spielte sich vor kurzem am Bahnhof in Kehl ab: Vater und Sohn versuchen noch, sich in den Zug nach Offenburg zu drängen. Doch mit ihren Rädern haben sie keine Chance. Die zwei Triebwagen der SWEG waren schon beim Start in Straßburg an jenem Samstag um 14.52 Uhr voll besetzt. Zwar quetschen sich noch erstaunlich viele Menschen in das Abteil, als die Fahrgäste im Türbereich aufrücken. Für alle reicht der Platz aber nicht, einige bleiben am Bahnsteig zurück.

Die Linie RS4 zwischen Offenburg und Straßburg ist da zwar ein besonderer Brennpunkt und aus Sicht des Fahrgastverbands Pro Bahn seit Jahren ein Fall chronischer Überlastung. Aber auch die von der DB Regio bediente Linie RE7 am Oberrhein zwischen Basel, Offenburg und Karlsruhe und die S-Bahnen durchs Höllental zwischen Freiburg, Titisee-Neustadt und Villingen sind mitunter überfüllt.

Gefragt nach den Ursachen verweist eine Sprecherin des Verkehrsministeriums in Stuttgart auf die "Komplexität" des SPNV und nennt "vielfältige" Gründe – von Baustellen bis zu den massiven Verspätungen im Fernverkehr, die auf der viel befahrenen Oberrheinstrecke zurückwirken in den Regionalverkehr, längere Halte erzwingen und so regelrechte Verspätungsketten auslösen können.

Das Deutschland-Ticket führt offenbar zu einer unerwartet hohen Nachfrage

Zwar habe man mit steigenden Kapazitäten geplant, aber die mit dem Deutschland-Ticket seit Mitte 2023 stimulierte Nachfrage sprenge diese Planung, heißt es im Ministerium. Eine Beobachtung, die die Pressestellen der SWEG, der DB und der Fahrgastverband Pro Bahn bestätigen. Die starke Nachfrage sei zwar erfreulich, erzeuge aber vorübergehend und punktuell überfüllte Züge. Angebot und Nachfrage besser auszubalancieren, wäre wünschenswert, räumt das Ministerium ein.

Mehr Kapazitäten und Taktverdichtungen kollidierten indes derzeit mit Engpässen beim Personal und Mängeln an der Infrastruktur. So sei etwa auf der Oberrheinstrecke kein Platz für zusätzlichen Verkehr, betont die Ministeriumssprecherin. Auch auf der Breisgau-Ost-West-S-Bahn zwischen Kaiserstuhl und Schwarzwald mangle es an zweigleisigen Abschnitten und Kreuzungsbahnhöfen. Weil die Wagen knapp sind, könnten nicht einfach ein oder zwei Wagen mehr an die Lok gehängt werden. "Häufig fahren die Züge nicht in der Länge, die bestellt wurde, weil zu viele Fahrzeuge in Werkstätten stehen", sagt Joachim Barth, Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn in Baden-Württemberg. Hier könnten nur größere Reserven helfen. "In der Vergangenheit wurden die Fahrzeugflotten zu knapp kalkuliert und zu kleinteilig auf einzelne Linien hin konzipiert, wodurch ein Fahrzeugtausch zwischen verschiedenen Strecken zusätzlich erschwert wird", erklärt er.

Besserung ist offenbar erst in einigen Jahren in Sicht

Barth plädiert dafür, dass sich das Land bei der Ausschreibung von Verkehrsverträgen in Zukunft stärker an der steigenden Nachfrage orientieren und größere Fahrzeugkapazitäten bereitstellen sollte. "Vor allem muss es auch möglich werden, während laufender Verträge größere Änderungen vorzunehmen", so der Pro-Bahn-Vorsitzende. Zwingend sei ein Ausbau der Infrastruktur. "Auf der West-Ost-Achse Breisach-Freiburg-Villingen sind zweigleisige Abschnitte zur Fahrplanstabilisierung nötig", sagt er. Auch der weitere Ausbau der Rheintalbahn dürfe den Sparzwängen des Bundes nicht geopfert werden. "Jeder Euro, der in Stuttgart versenkt wurde, hätte woanders mehr Nutzen gebracht", sagt Barth mit Blick auf Stuttgart 21. Doch nun sei es nötig, dafür zu sorgen, dass die übrigen Landesteile nicht weiter benachteiligt werden.

Im Landesverkehrsministerium beteuert man, angesichts der weiter steigenden Nachfrage seien der Ausbau der Infrastruktur, der Fahrzeugflotten und Personalressourcen zentral. Um künftig flexibler reagieren zu können, habe man nun eine einheitliche Flotte von 130 Doppelstockzügen bei der Firma Alstom bestellt. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember gingen im Land die ersten dieser "Coradia Max" in Betrieb. Bis 2035 solle die landeseigene Fahrzeugflotte von derzeit 390 Zügen auf rund 1000 anwachsen.

Wirkliche Besserung scheint allerdings erst in einigen Jahren in Sicht. Auf der Oberrheinstrecke lasse sich die Situation nur schrittweise mit Eröffnung neuer viergleisiger Abschnitte verbessern, so die Sprecherin des Verkehrsministeriums. Das beginnt mit Eröffnung des Rastatter Tunnels (Ende 2026), setzt sich mit Inbetriebnahme des dritten und vierten Gleises im Abschnitt 9 zwischen Müllheim und Basel fort (2029) und zieht sich dann bis weit in die 2040er-Jahre.

Wie wichtig vielen im Südwesten ein guter Nahverkehr ist, hatte jüngst eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Landesverkehrsministeriums ergeben. Wie zuletzt 2021 und 2023 sollten die Befragten sich vorstellen, sie seien in ihrer Heimatgemeinde für die Verkehrsplanung verantwortlich und hätten einen hohen Betrag zur Verfügung. Mit Abstand am häufigsten (36 Prozent) würden die Befragten das Geld demnach in ein besseres Bus- und Bahnangebot investieren. Für den Erhalt (19 Prozent) sowie den Neu- und Ausbau von Straßen (13 Prozent) sprachen sich deutlich weniger aus.

Schlagworte: Joachim Barth, Winfried Hermann
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