Die Narben eines langen Lebens

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Mi, 09. Oktober 2019

Lörrach

Lesung mit Hebelpreis-Träger Christoph Meckel beim Hebelbund / Ein Junge und die Sehnsucht nach dem Ort Ebenda.

LÖRRACH. Die Witterung hielt die Literaturliebhaber nicht zu Hause. "Wir, die wir wissen, was uns erwartet, sind auch bei diesem Wetter zur Lesung mit Christoph Meckel ins Dreiländermuseum gekommen", sagte Volker Habermaier, Präsident des Hebelbundes. Vollbesetzt waren die Reihen bei der Traditionsveranstaltung nicht, gut besucht schon. Im letzten Jahr erhielt der Freiburger Schriftsteller und Grafiker den Hebelpreis des Landes. Es hat Tradition, dass der Hebelpreis-Träger zur Lesung beim Hebelbund in Lörrach eingeladen wird.

Ob es tatsächlich am herbstlichen Regen lag, dass der eine oder andere den Weg ins Museum gescheut hatte, könnte diskutiert werden. Vielleicht bläst auch der Zeitgeist als mächtiger Gegenwind der Literatur entgegen. Veränderungen, der Lauf der Zeit – das ist auch das Grundthema in Christoph Meckels Werk. Die Veränderung manifestiert sich immer auch in Bezug auf den Dichter selbst. Sein Werk sei eine einzige Biographie, wird über Christoph Meckels Schaffen als Schriftsteller und Graphiker gesagt.

Volker Habermaier würdigte in seiner Begrüßung den Erzähler, Lyriker und Graphiker. Vielleicht entdecke man heute auch einen ganz anderen Tonfall als jenen, den man kenne, so sein Ratschlag an die Besucher. Wer Meckels "Suchbild. Über meinen Vater" kennt oder gar die Abrechnung mit seiner Mutter "Suchbild: meine Mutter", ist vom fast zärtlichen Tonfall Christoph Meckels in seinen Erzählungen überrascht. Von dem Jungen erzählt er, der im Laufe seiner kindlichen Entdeckungen in der Bibliothek seines Onkels den sagenhaften Ort "ebenda" aufspürt. Alles gibt es dort – Paläste und Brunnen, Skulpturen und Gemälde. Nur wo dieser wundersame Ort ist, erschließt sich dem Jungen nicht.

Die Zuhörer haben den Irrtum des Jungen längst durchschaut. Und doch folgen wir ihm in seine Phantasie, wo die sagenhafte Stadt Ebenda liegt, möglicherweise in Brasilien. Schwarz auf weiß steht in den Büchern des Onkels als Quellenangabe eben jenes ebenda.

Hingebungsvoll schreibt Meckel von den Zumutungen des Hineinwachsens in eine unverständliche Welt, die der Junge so gerne begreifen möchte. Für den Buben mag es dem Verschwinden des Paradieses gleichkommen, dass "ebenda" einen Quellenhinweis, keinen Ort bezeichnet. Für den Hörer oder Leser ist das Ende versöhnlicher: Die Welt ist überall zauberhaft und eindrücklich. Einerseits. Andererseits teilen die Zuhörer mit dem kindlichen Ich-Erzähler den Schmerz um den Verlust seines Sehnsuchtsortes.

Distanz zwischen dem Autor und dem Text

Es liegt eine fast unmerkliche Distanz in der Art, wie Christoph Meckel seine Texte vorträgt. Die stille Wehmut kommt mit seiner leisen, zurückhaltenden Art besonders gut zu Geltung.

Im vorgerückten Alter, Christoph Meckel ist Jahrgang 1935, bekommen die Erinnerungen an die kindliche Welterfahrung eine Patina, verliehen von der Wirklichkeit und den nicht erfüllten Vorstellungen des kleinen Jungen. Auch seine Lyrik ist im Gestus des von außen Zusehenden vorgetragen. Man hört ihm zu und spürt die Narben eines langen Lebens.