Gerichtsstreit

Dürfen Jäger Gämsen eigentlich ins Visier nehmen?

Frederick Mersi, dpa

Von Frederick Mersi & dpa

Mo, 06. Dezember 2021 um 19:13 Uhr

Südwest

In Bayern tobt ein erbitterter Streit darum. Im Allgäu dürfen die Tiere deshalb derzeit nur hinter der Grenze in Baden-Württemberg gejagt werden. Dort wundert man sich über die Probleme im Freistaat.

Für Autofahrer und Spaziergänger ist die Landesgrenze bei Leutkirch kaum sichtbar. Doch für Gämsen kann die Frage, ob sie im Allgäu, in Baden-Württemberg oder Bayern unterwegs sind, derzeit über Leben und Tod entscheiden. Denn im Freistaat dürfen Jäger im Landkreis Oberallgäu die Gams wegen eines Streits um die Abschüsse vorerst nicht mehr ins Visier nehmen – im Gegensatz zu ihren Kollegen im Landkreis Ravensburg.

Eigentlich habe die Untere Jagdbehörde im Kürnachtal in der laufenden Saison 15 Tiere erlegen lassen wollen, teilte das Landratsamt Oberallgäu in Sonthofen (Bayern) mit. Doch der Naturschutzverein Wildes Bayern klagte, nun entscheidet das Verwaltungsgericht Augsburg. Bis ein Ergebnis vorliegt, haben Gämsen auf bayerischer Seite auf Anordnung des Landratsamts eine Schonfrist.

"Wir schütteln schon ein bisschen den Kopf darüber, was in Bayern passiert" Johannes Merta
Auf baden-württembergischer Seite hält sich das Verständnis dafür in Grenzen. Im Kreis Ravensburg habe man zur Jagd auf Rothirsch und Gams schon vor 20 Jahren eine Arbeitsgruppe eingesetzt, so deren Sprecher Johannes Merta, Revierförster der Stadt Isny. "Wir schütteln schon ein bisschen den Kopf darüber, was in Bayern passiert. Das kommt uns alles ein bisschen unverhältnismäßig vor."

In der Adelegg – so heißt das Gamsgebiet auf baden-württembergischer Seite – legen Jäger, Förster und Grundbesitzer seit Jahren gemeinsam fest, wie viele Gämsen pro Jahr geschossen werden sollen. Diese Saison seien ursprünglich 15 Tiere geplant gewesen, sagt Merta. Dann habe die Kreisjägervereinigung beantragt, nur acht Gämsen schießen zu lassen – gemeinsam entschied man sich letztlich für zwölf. "Die Arbeitsgruppe war sich aber einig, dass es keine Anhaltspunkte für eine Abnahme des Gamsbestandes gibt", sagt Förster Merta.

"Die Gams gehört in die Region" Peter Lutz
Der dortige Kreisjägermeister Peter Lutz betont zwar: "Die Gams gehört in die Region." Die Abschusszahlen habe man in der Arbeitsgruppe aber immer in einer sachlichen Diskussion erörtern und festlegen können. Auf bayerischer Seite gebe es dagegen Grundbesitzer, die regelrecht die Ausrottung der Gams forderten: "Dies kann so von den Jägern natürlich nicht akzeptiert werden und ist in der Sache auch falsch."

Auch in anderen Teilen Bayerns tobt ein Streit zwischen Jagdverbänden und Tierschützern auf der einen sowie Förstern und Behörden auf der anderen Seite. Die einen halten die Gams für gefährdet – spätestens seitdem sie auf der Vorwarnliste der Roten Liste des Bundesamts für Naturschutz steht. Die anderen wollen sie wie Hirsche und Rehe bejagen, weil die Tiere Baumsetzlinge abknabbern und es bisher keine Zahlen gebe, die eine Gefährdung der Gams belegen. Eine wildbiologische Untersuchung auf 125 Quadratkilometern sollte hier Klarheit bringen. Demnach lebten im Spätherbst 2018 geschätzt 1350 Gämsen in den beiden Gebieten.

Dass der Streit um die Abschusspläne in der Kürnach nun vor Gericht gelandet ist, ist insofern überraschend, als dass die Region gar nicht zum Kernlebensraum von Gämsen gehört. Daher müssten die Tiere gerade dort gejagt werden: "Werden keine Gämsen erlegt, vermehren sie sich immer weiter." Dann würden sie in ungeeignete Lebensräume mit flachen Hängen und weichen Böden wandern, so Merta. Das sei "nicht artgerecht und somit nicht erwünscht". Der Verein Wildes Bayern, der geklagt hat, sieht das anders. Mindestens 15 Gämsen in der Kürnach abzuschießen, wäre nach Ansicht vieler Naturfreunde und Jäger "der Todesstoß für die kleine Gamspopulation westlich von Kempten gewesen". Das Verwaltungsgericht Augsburg will Anfang 2022 entscheiden.