Eine Begegnung ohne Zusammentreffen

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mo, 22. Juli 2019

Lörrach

Für den erkrankten Alois Brandstetter kam sein Weggefährte Hans-Jürgen Schrader nach Lörrach.

LÖRRACH. Eine Autorenlesung ohne Autor? Doch, das geht, wie sich bei der jüngsten Veranstaltung des Hebelbunds Lörrach in der Reihe "Literarische Begegnungen" zeigte. Eigentlich hätte im Hebelsaal des Dreiländermuseums der österreichische Erzähler Alois Brandstetter aus seinen Werken lesen sollen. Der 80-Jährige hatte schon die Fahrkarten besorgt, doch dann musste er wegen einer schweren Erkrankung die Lesung absagen. An seiner Stelle kam Professor Hans-Jürgen Schrader von der Universität Genf nach Lörrach, langjähriger Freund und Wegbegleiter.

"Es gibt nicht viele, die Leben und Werk Brandstetters besser kennen", freute sich der Präsident des Hebelbundes, Volker Habermaier, dass sich Schrader bereit erklärt hatte, über den Autor zu sprechen und dessen Werk vorzustellen. "In der österreichischen Gegenwartsliteratur gehört er zu den ganz Großen", sagte Schrader über den 1938 geborenen Alois Brandstetter, der aus einer kleinbürgerlichen Familie in der oberösterreichischen Provinz stammt. Der Sohn eines Müllers und Kleinbauern sei einer der letzten Zeugen einer Zeit, als noch Kinder ärmerer Familien auf den abgeernteten Feldern die Ähren lesen durften und an Martini singend von Haus zu Haus zogen, um milde Gaben zu erbitten. Weil er so ein "gescheites Kerlchen" war, sollte er eine akademische Ausbildung erhalten. Er studierte in Wien Germanistik und Geschichte, ging dann an die Universität Saarbrücken und lehrte als Professor an der Universität Klagenfurt. Als Schriftsteller sei er ein "Spätling". Erst mit 30 Jahren trat er als Autor hervor. In den nunmehr 50 Jahren des literarischen Schaffens hat Brandstetter 16 Romane herausgebracht, darunter den Erfolgsroman "Zu Lasten der Briefträger", und ebenso viele Bände mit Erzählungen, Geschichten, Essays, Prosatexten, dazu konkrete Poesie.

Der jüngste Roman "Aluigis Abbild" dreht sich um die Alten Meister van Dyck und Rubens. Zu Brandstetters 80. Geburtstag erschien 2018 der Band "Lebenszeichen", in dem Essays und Feuilletons versammelt sind. Das Reden über Gott und die Welt, die genaue Beobachtung, die präzise Sprache seien ein Kennzeichen von Brandstetters literarischem Schaffen, erklärte Schrader. Der Autor sei ein "vieltöniger Meister der kleinen Form", der mit sprachkritischer Wachsamkeit die Ungereimtheiten des alltäglichen Lebens bloßlege.

Um einen Einstieg in Brandstetters Vita und Werk zu ermöglichen, trug Schrader die Laudatio vor, die er im November 2018 zur Verleihung des Csokor-Preises, des höchsten Literaturpreises Österreichs, an Brandstetter gehalten hatte.

"Ich werde versuchen, ein Stellvertreter zu sein", meinte Schrader und setzte sich an den Lesetisch, um Brandstetters Text über die Mondlandung vorzutragen. Geschrieben vor fast 20 Jahren, sind diese kritischen Gedanken zur Jahrhundert-Weltraummission heute, zum 50. Jahrestag der Mondlandung, wieder höchst aktuell. Aus Sicht von Brandstetter war dieses erstmalige Betreten des Mondes "das Unglaublichste und Unwirklichste", "das Fernste und Fremdeste" in seinem bisherigen Leben. Er reflektiert es als ein zwiespältiges Geschehnis, das vielleicht nie tatsächlich stattgefunden habe, sondern in den Filmstudios von Hollywood: "eine verblüffende Illusion, eine perfekte Schimäre". Auch den Satz von Neil Armstrong, es sei "ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit" nahm Brandstetter kritisch-ironisch unter die Lupe. Die Geburt des Mondes müsse ein Schauspiel ganz anderer Art und Größe gewesen sein als die Landung auf dem Mond. Während dieses "Jahrhundertereignisses" sei seine Mutter im Krankenhaus gelegen: "Wir hatten andere Sorgen."

Als nächstes trug Schrader den Text "Geschmacksverstärker" aus dem Band "Lebenszeichen" vor. In diesem Text sinniert Brandstetter ironisch-scharfsinnig über Würze im Essen und in der Literatur.

So wurde diese Dichterlesung ohne Dichter eine interessante Begegnung mit Literatur, zumal Brandstetter in seinen Büchern, die auf einem reich bestückten Tisch auslagen, doch durchaus präsent war an diesem Abend.