Reinhold-Schneider-Preis in Freiburg verliehen

Ermutigung in schwieriger Zeit

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 22. November 2021 um 19:20 Uhr

Literatur & Vorträge

Freudentränen und bewegende Worte bei der Verleihung des Freiburger Reinhold-Schneider-Preises: Die Auszeichnung wurde im Theater Freiburg zwölf Künstlerinnen und Künstlern überreicht.

Nein. Es war nichts wie sonst. Das zu bemerken, brauchte man nicht die Rede des Kulturbürgermeisters Ulrich von Kirchbach, der für den kurzfristig erkrankten OB Martin Horn verlässlich in die Bresche gesprungen war. Erstmals im Großen Haus des Freiburger Theaters wurde am Sonntagabend der dem Andenken des Schriftstellers und Humanisten Reinhold Schneider gewidmete Kulturpreis der Stadt vergeben, erstmals in zwei Kategorien: Literatur und – erstmals – Darstellende Kunst. Erstmals in der Geschichte der Auszeichnung musste der Festakt zeitlich verschoben werden – um ein ganzes Jahr: Und die feierliche Übergabe im Theater stand wieder auf der Kippe.

Gut, dass sich die Verantwortlichen nicht haben beirren lassen und die Veranstaltung unter den gegebenen Bestimmungen in einem Drei-Stunden-Marathon über die Bühne gehen ließen – mit der mitreißenden musikalischen Begleitung von Joe Killi und Kai Littkopf, die auf dem Boden ein Sammelsurium von Instrumenten ausgebreitet hatten, sowie Mike Schweizer mit seinem wunderbar geblasenen Saxophon.

Zwölf Preisträger und Preisträgerinnen hintereinander die Urkunden auszuhändigen, zu belobigen und den Dank der Bepreisten entgegenzunehmen: Das hätte leicht in Monotonie münden können. Doch es kam anders: Und daran waren sowohl die überwiegend kurzweiligen Laudationes als auch die besonderen Umstände schuld. So viele Emotionen sind bei einer Preisverleihung selten zu spüren: Es gab Tränen der Freude und bewegende Dankesworte, vor allem bei den Darstellern, deren Berufsausübung weiter unter einem Damoklesschwert steht. Graham Smith, der Tänzer und Choreograph, der mit seiner Frau Maria Pires den mit 15 000 Euro dotierten Hauptpreis in dieser Sparte entgegennahm, bekannte, er habe zwischendurch ernsthaft überlegt, seinen Beruf zu wechseln. Wie auch nicht, wenn man seit fast zwei Jahren der gesellschaftlich wertvollen Arbeit nicht nachgehen kann, für die man geehrt wurde? Inga Schonlau, einst Dramaturgin bei der Freiburger Tanzsparte PVC, heute Dramaturgin und Schauspiel-Direktorin am Theater Basel, erinnerte in ihrer etwas atemlosen Laudatio an die Aktionen von Smith im Freiburger Stadtteil Haslach, wo unter der Intendantin Barbara Mundel die Kneipe "Finkenschlag" in eine Außenstelle des Theaters verwandelt wurde. Und sie erinnerte an die Arbeit von Smith und Pires in sozial schwierigen Schulen.

Das Glück über die Anerkennung der künstlerischen Arbeit stand auch dem Immoralisten-Co-Leiter Florian Wetter – sein Partner Manuel Kreitmeier hatte auf eine Teilnahme verzichtet – ins Gesicht geschrieben. Die freie Theatergruppe erhielt ein halbes des mit 6000 Euro dotierten Stipendium, die andere Hälfte ging an das in Tränen der Rührung fast aufgelöste Paar Vanessa Valk (Puppenspiel) und Jens Burde (Szenografie). Wie lange Renate Obermaier und Heinzl Spagl das Freiburger Kulturleben mit ihrer Arbeit für das Kinder- und Jugendtheater und freien Rezitationen bereichert haben und noch bereichern, machte die schöne Lobrede des ehemaligen Planetariumsleiters Otto Wöhrbach bewusst. Die Empfänger des undotierten Ehrenpreises waren Preisträger der Herzen – was man ebenso von Evelyn Grill sagen kann, die als "eigen- und scharfsinnige" (Laudatorin Annette Pehnt) Autorin jahrzehntelang das Freiburger Literaturleben aufgemischt hat.

Dietmar Dath, Preisträger im Genre Literatur, hält Freiburg seit seiner Studienzeit für eine Stadt mit "einzigartigem Milieu". Während Iris Wolff zur Entgegennahme ihres Stipendiums nicht erschienen war, war ihre Mitpreisträgerin Stefanie Höfler sichtlich bewegt und gestand ihre "Beklommenheit" ein: Sie habe in der Pandemie nicht schreiben können, sagte die Kinder- und Jugendbuchautorin. Der Preis sei eine unbändige Ermutigung. Damit sprach sie wohl allen Ausgezeichneten aus dem Herzen. Auf diese anstoßen musste jeder allein zu Hause. Ein Lunchpaket gab es statt eines Empfangs. Auch eine schöne Idee.