Workshop

Freiburgerinnen fordern eine "geschlechtersensible Verkehrswende"

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 16. März 2021 um 07:00 Uhr

Freiburg

Wie nutzen Frauen den öffentlichen Raum? Die Frauengruppe der Freiburger Initiative "Fuß- und Radentscheid" hat sich in einem Workshop mit der Verkehrswende beschäftigt.

2016 wurden 63 Prozent aller Wege in Freiburg zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt, und nur 16 Prozent von Autofahrern und Autofahrerinnen. Doch ganze 56 Prozent der Verkehrsflächen werden für Straßen und öffentliche Parkplätze genutzt. Diese Zahlen präsentierte die Frauengruppe der Initiative "Fuß- und Radentscheid" am Samstag beim Online-Workshop "geschlechtersensible Verkehrswende" in der Frauentagsaktionswoche. Könnten mehr Frauen in der Verkehrsplanung eine Wende bringen?

Ein kurzes Video zeigt, was möglich wäre. Los geht`s mit einer typischen Stadt-Szene: Motorräder knattern, Autos lärmen. Dann verschwindet ein Auto nach dem anderen, und es wird angenehm ruhig. Statt der Autos tauchen Menschen auf, alte und junge. Mit Fahrrädern, Kindern und Hunden. Außerdem sind überall Bäume und viel Grün. Mit solchen Visionen steht für Barbara Schramkowski fest: "Wenn allen bewusst wäre, wie schön eine Stadt sein könnte, würden alle freiwillig umsteigen. Sogar die Leute in den dicken SUVs."

Was wünschen sich die 16 Frauen, die am Workshop teilnehmen? Es kommen viele ähnliche Forderungen: Pflanzen, Cafés und Bänke statt Autos, sichere Radwege und Radparkhäuser, ein auf Radler eingestellter Bahnhof statt des dort geltenden Aufzugsverbots für Räder, kostenfreier öffentlicher Nahverkehr für alle.

"Angstorte" für Kinder, die mit dem Rad unterwegs sind

Später erzählen sie von ihren "Angstorten": Die sind für einige von ihnen überall dort, wo ihre Kinder mit dem Rad unterwegs sind. "Die Autos werden immer größer und gefährden die Kinder immer mehr", sagt Barbara Schramkowski. Aber auch für Erwachsene, die radeln, sei die Situation absurd, findet eine Frau: "Wir müssen immer extrem vorsichtig sein, weil der Autoverkehr uns ständig bedroht." Dieses Ungleichgewicht zwischen Auto- und Radfahrenden sei den meisten längst gar nicht mehr bewusst, alle hätten sich daran gewöhnt. Im Sommer 2019 gründete ein Dutzend Engagierter die Initiative "Fuß- und Radentscheid". Ziel war zuerst ein Bürgerbegehren. Stattdessen hat inzwischen der Gemeinderat die Forderungen übernommen. Es gehe um sichere Gehwege für Menschen aller Altersstufen, fußgängerfreundliche Kreuzungen, breite und sichere Radwege und Radabstellplätze sowie die jährliche Ausweitung um 3000 Quadratmeter für verkehrsberuhigte Bereiche und Fußgängerzonen, listet Ingrid Marienthal auf. Inzwischen hätten sie viele Gespräche mit Mobilitätsplanern gehabt, sagt Barbara Schramkowski, doch ihr Eindruck ist: "Frauen werden nicht so stark gehört."

Verkehrsplanung geht aus von erwerbstätigen Männern

Typisch für die Freiburger Straßen- und Verkehrsplanung nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Orientierung an einem androzentrischen Weltbild gewesen, sagt Nele Schreiber: Alles sei auf den erwerbstätigen Mann mit Vollzeitjob ausgerichtet worden, der möglichst schnell zu seinem Arbeitsplatz kommen sollte. Die Bedürfnisse von denen, die sich um andere kümmern, von Frauen, Kindern, Jugendlichen, Älteren und ausgegrenzten Gruppen seien zu kurz gekommen. Es gebe nicht nur kaum Frauen in der Verkehrsplanung, sondern auch kaum Daten und Studien zu Frauen bei Verkehrsthemen. Das führe unter anderem dazu, dass Autos für Männer konstruiert seien und Frauen deshalb bei Unfällen ein um 47 Prozent erhöhtes Risiko für schwere Verletzungen hätten, meinte Schramkowski.

Larissa Brandenstein ist eine von den Ausnahmen: Sie ist Mobilitätsplanerin und arbeitet seit sechs Monaten in der städtischen Verkehrsplanung. Für Frauen, die Stadtplanung studieren, sei allein der Begriff Verkehrsplanung "mega-unsexy", sagt sie. Bei ihr waren es Zufälle, die sie in den Bereich geführt haben. Im Garten- und Tiefbauamt gebe es etliche Frauen, in der Verkehrsplanung sei sie tatsächlich die Einzige.

Doch sie sieht nicht die männlichen Kollegen als Hindernis, Veränderungen durchzusetzen, sondern die immer nötige Orientierung an anderen Ämtern, Gesetzen und Richtlinien.