Kommunalwahl

Frauen sind im Gemeinderat in der Unterzahl

Dora Schöls & Tamara Keller

Von Dora Schöls & Tamara Keller

Di, 21. Mai 2019 um 09:21 Uhr

Bad Säckingen

Nach wie vor gibt es in den kommunalpolitischen Gremien im Landkreis ein Ungleichgewicht bei den Geschlechtern. Welche Gründe gibt es dafür?

In den Gemeinderäten im Landkreis Waldshut lag der Frauenanteil nach der Wahl 2014 bei 21 Prozent. Damit ist der Kreis unter dem Landesdurchschnitt, der bei 23,9 Prozent liegt. Kein Gemeinderat im Kreis ist zur Hälfte mit Frauen besetzt. Und das obwohl laut statistischem Landesamt ungefähr gleich viele Männer wie Frauen am Hochrhein leben. Woher kommt dieses Ungleichgewicht?

Im Bad Säckinger Gemeinderat sitzen derzeit noch sechs Frauen – 25 Prozent. "Viele Parteien sind in der Not, Frauen für ihre Listen zu finden", sagt Anette Klaas, Gleichstellungsbeauftragte des Landratsamts. In der Regel könnten weder Bürgermeister noch Kommunen etwas für den geringen Frauenanteil. "Das ist auch Sache der Parteien, Frauen dafür zu gewinnen, sich zu engagieren", so Klaas.

Eines der Hauptprobleme, warum Frauen nicht in die Politik gehen, sieht Klaas darin, dass sich Frauen das Amt oft nicht zutrauten. "Männer sind oft besser vernetzt und bilden Seilschaften", so die 54-Jährige. Auch fehle Frauen oft die Identifikation mit den Parteien. "Dabei geht es gerade im Gemeinderat nicht so sehr um die Parteipolitik", sagt Klaas. "Frauen können hier Themen einbringen, die sie betreffen, wie Infrastruktur oder Kitagebühren." Genau das hat Stadträtin Ruth Cremer-Ricken (Grüne) bewegt, in der Kommunalpolitik mitzumischen. 1991 ist sie hierher gezogen: "Es gab keine Kindergartenplätze und eine schlechte Infrastruktur für Familien mit Kleinkindern", sagt Ruth Cremer-Ricken. Sie habe schon immer gerne ihre Umgebung mitgestaltet.

Doch warum ergreifen so wenig Frauen diese Möglichkeit? "Ich glaube, Frauen schätzen sich vorsichtiger ein in dem, was sie machen können und sich zutrauen", so Ruth Cremer-Ricken. Sie rückte 1997 in den Gemeinderat nach, 2004 wurde sie direkt in den Gemeinderat und Kreistag gewählt. "Es war für mich auch ein Motiv, mitzuerkämpfen, dass Frauen mehr erreichen können. Meine Generation hat den Weg bereitet, doch es ist immer noch nicht alles gleichwertig."

Erschwerend ist in manchen Gemeinden auch der Umgangston. Frauen haben sich an die Gleichstellungsbeauftragte Klaas gewandt, wegen blöder Sprüche oder weil sie sich nicht ernst genommen fühlen. Den Ton bemerkt auch Christine Oechslein, die seit fünf Jahren Stadträtin der CDU ist. "Im Bad Säckinger Gemeinderat herrscht zum Teil ein Ton, das ist unglaublich. Da werden Dinge von der Sachebene auf die Personenebene gezogen, da muss man ein dickes Fell haben", sagt die 56-Jährige. Auch Ruth Cremer-Ricken bestätigt, dass es manchmal etwas grob im Gemeinderat wird. "Davon muss man sich innerlich befreien. Das sind in dem Moment die Emotionen, die hochkochen", sagt die Grünen-Stadträtin.

Abschreckend finden viele Frauen auch den hohen Zeitaufwand. Denn manche Sitzungen dauern bis in die Nacht. Die Kinder, den Beruf und das kommunale Engagement unter einen Hut zu bekommen, wird so schwierig. Christine Oechslein etwa muss sieben Ehrenämter, Haushalt, Garten, Kinder und Beruf händeln. "Die meisten Frauen sind am Anschlag", sagt sie.

Das sieht auch Juliane Brenke (SPD). Sie ist vergangenes Jahr für ihre Tochter in den Gemeinderat nachgerückt, hat aber auch schon 15 Jahre im Ortschaftsrat Harpolingen gesessen. Beruf, Haushalt, Kinder – "da bleibt nicht viel Zeit und die Frau steckt meistens zurück", sagt die 58-Jährige. Auf der SPD-Liste stehen am Sonntag vier Frauen: "Vier von 17, das ist nicht viel", sagt Brenke. Damit sich mehr Frauen in der Kommunalpolitik engagieren, müsse sich "auch in den Köpfen der Männer etwas ändern. Wir brauchen eine Gleichberechtigung auch in der Familie", so Brenke. Karina Weiß, die für die Freien Wähler seit fünf Jahren im Gemeinderat und seit 15 Jahren im Ortschaftsrat Wallbach sitzt, kann den hohen Zeitaufwand als Grund dafür, sich nicht einzubringen, nicht nachvollziehen. Es fehle oft einfach der Mut oder ein Anstoß, damit Frauen kandidieren, so die 55-Jährige. Sie als Kriminalbeamtin arbeite "in einem Männerberuf" und habe deshalb keine Probleme, sich "in einer Männerwelt zurechtzufinden". In der kommunalpolitischen Arbeit habe sie als Frau keine Nachteile.

Trotzdem sitzen in vielen Gemeinderäten weiterhin mehr Männer als Frauen. Ein Lösungsansatz für das Problem ist das Parité-Verfahren: Dabei werden die Listen abwechselnd mit Männern und Frauen besetzt. In Baden-Württemberg können Parteien das Verfahren freiwillig anwenden. Doch trotz Parité-Verfahren werden häufig mehr Männer gewählt.

"Wir haben immer noch eine gesellschaftliche Rollenzuschreibung – die sich aktuell verändert", sagt Klaas, die seit 19 Jahren Gleichstellungsbeauftragte ist. Die Landeszentrale für politische Bildung hat für die anstehende Wahl die Initiative "Mehr Frauen in die Politik" gestartet. Auch Klaas hat Veranstaltungen im Rahmen des "Frauenaktionsjahrs 2019 im Landkreis Waldshut" organisiert. Dabei haben Gemeinderätinnen von ihren Erfahrungen berichtet und Frauen ermutigt, in die Politik zu gehen.